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Streit um schweren Atom-Störfall : Der Kugelhaufen von Jülich

Doch die Grünen sind ohnehin schon beim nächsten vermeintlichen Jülich-Skandal. Vorab gaben sie eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage ihrer Bundestagsfraktion zur aktuell noch in Jülich laufenden Atomforschung an Journalisten. Einige Medien verbreiteten daraufhin die These, das Forschungszentrum unterlaufe den Atomausstieg. Wissenschaftler und Techniker des Zentrums unterstützten chinesische Kollegen beim Bau eines Kugelhaufenreaktors in Shidao. Das FZJ wies das umgehend zurück – unter Verweis auf ebenjene Antwort der Bundesregierung an die Grünen. Das Zentrum sei „seit vielen Jahren nicht mehr an der Entwicklung von Reaktortechnologie beteiligt, auch nicht am Bau von Reaktoren, auch nicht China“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Tatsächlich findet an dem Jülicher Zentrum, das mit mehr als 5000 Mitarbeitern zu den großen interdisziplinären Forschungszentren Europas gehört und Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft ist, so gut wie keine Atomforschung mehr statt. Die FZJ-Wissenschaftler befassen sich heute mit Materialforschung, Nano- und Informationstechnologie, den Biowissenschaften und der Hirnforschung. Nur noch zwei Prozent des Budgets werden für Atomforschung verwendet. Das Institut für Energie- und Klimaforschung befasst sich auch mit Fragen der Entsorgung radioaktiver Abfälle und der Reaktorsicherheit. Diese Arbeiten stünden im Einklang mit den Zielen der Energiewende, sagt Dirk Bosbach, der am Institut für die nukleare Entsorgungsforschung zuständig ist. Das FZJ leiste einen Beitrag, damit so große gesellschaftliche Probleme wie die Endlagerung von Atommüll gelöst werden können. „Man kann nicht so tun, als sei mit dem verkündeten Ausstieg alles geklärt“, sagt der Wissenschaftler.

Das Ziel „grüne Wiese“ soll bis Ende 2020 erreicht werden

Schon seit Jahren steht nach Angaben des Forschungszentrums fest, dass die noch laufende Sicherheitsforschung zum Kugelhaufenreaktor Ende 2014 abgeschlossen sein soll. Von 2015 an soll ausschließlich zur Sicherheit der in vielen Ländern der Welt üblichen und auch in Deutschland derzeit noch betriebenen Leichtwasserreaktoren geforscht werden. Erst vor kurzem seien in Frankreich als Reaktion auf Jülicher Forschungsergebnisse die Sicherheitsauflagen für Atomkraftwerke verschärft worden, sagt Bosbach. Aber der grüne Atompolitiker Krischer hält die Entscheidung, die Sicherheitsforschung für Leichtwasserreaktoren weiterzuführen, für falsch. Zudem behauptet er, unter dem Deckmantel der Sicherheitsforschung verstecke sich de facto Forschung für neue Atomkraftwerke. „Deshalb gehört die Sicherheitsforschung in Jülich eingestellt.“ Das Forschungszentrum solle sich auf die Beseitigung der Kugelhaufenreaktor-Altlasten konzentrieren.

Viel zu tun gibt es tatsächlich: Viele hundert Millionen Euro aus Steuermitteln müssen in den kommenden Jahrzehnten für den Rückbau noch aufgebracht werden. Der einzige jemals kommerziell genutzte Kugelhaufenreaktor, der THTR 300 in Hamm-Uentrop, wurde wie der AVR-Forschungsreaktor in Jülich 1988 stillgelegt. Der THTR 300 befindet sich derzeit im „sicheren Einschluss“ und soll zwischen 2030 und 2040 abgebaut werden. In Jülich soll das Ziel „grüne Wiese“ nach aktuellem Zeitplan Ende 2020 erreicht werden. Schon in diesem Jahr soll der 2100 Tonnen schwere Reaktorkern in eine Halle geschoben werden, die aussieht wie eine überdimensionale Garage. Dort soll der kontaminierte Koloss zwischenlagern, bis er in vielen Jahrzehnten in ein dann hoffentlich ausgewiesenes Endlager gebracht werden kann. Was aus den 290.000 Brennelementekugeln wird, die in 152 Castor-Behältern in einer Halle auf dem Gelände des Forschungszentrums lagern, ist noch nicht geklärt.

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