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Streit um schweren Atom-Störfall : Der Kugelhaufen von Jülich

Einen Haken hatte die Geschichte jedoch: Das Jülicher Forschungszentrum, dessen Gesellschafter der Bund (90 Prozent) und das Land Nordrhein-Westfalen (zehn Prozent) sind, hatte schon im ministeriellen Abstimmungsprozess zur Beantwortung der Markert-Anfrage darauf hingewiesen, dass der Gesamtbestand des Kernbrennstoffs bis auf das Milligramm genau dokumentiert sei; Euratom und das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium als zuständige Atomaufsichtsbehörde würden monatlich darüber informiert. „Das Forschungszentrum Jülich vermisst keine Brennelemente“, stellte das Forschungszentrum auch per Pressemitteilung klar. Aber es dauerte einige Tage, bis die rot-grüne Landesregierung dem Forschungszentrum eine „korrekte Buchführung“ attestieren und damit zugeben musste, dass sie Brennelementekugeln gesucht hatte, die nie verschwunden waren.

Die Grünen wittern abermals einen Skandal

Kurze Zeit später wittern die Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag abermals einen Skandal: Noch 2010 habe die schwarz-gelbe Landesregierung von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) einen neuen Atomreaktor zu Forschungszwecken in Nordrhein-Westfalen bauen wollen, behaupten die Atomkraftgegner. Als Beleg dienen dem Vorsitzenden der Grünen-Fraktion, Reiner Priggen, zwei Dokumente. Im Entwurf für eine Änderung des Landesentwicklungsplans vom Februar 2010 heißt es: „Die Landesregierung lehnt den Bau von Kernkraftwerken in Nordrhein-Westfalen ab. Die Nutzung der Kernenergie zu Forschungszwecken ist davon unberührt.“ Das zweite Dokument ist die Ausschreibung für den Forschungswettbewerb „innovative Energietechnologien für morgen“, die der damalige Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) kurz davor veröffentlicht hatte. Ein Themenschwerpunkt für den Wettbewerb sollte die „Nutzung von Hochtemperaturprozesswärme in Verbindung mit fossiler, nuklearer und solarer Kraftwerkstechnik“ sein. Priggen ist sich sicher, dass Schwarz-Gelb in Nordrhein-Westfalen die Atomforschung in Jülich wiederbeleben wollte. Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) widerspricht auf Anfrage der Lesart ihres grünen Koalitionspartners: „Es war in der Ausschreibung kein Bau eines Forschungsreaktors vorgesehen. Das ist im Übrigen schon aufgrund des dafür notwendigen Finanzvolumens ausgeschlossen.“ Diesmal springt die Ministerin nicht auf den Anti-Atom-Zug der Grünen. Vielleicht liegt das daran, dass sie schon einmal schlechte Erfahrungen mit der Jülich-Skandalisierung gemacht hatte. Die von den Grünen angestoßene Geschichte von den angeblich unauffindbaren Brennelementekugeln aus Jülich hätte die Ministerin vor drei Jahren beinahe das Amt gekostet.

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