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Streit um schweren Atom-Störfall : Der Kugelhaufen von Jülich

Ein nicht schmeichelhafter Bericht

Den Beleg für diese These sieht Krischer nun durch den neuen Bericht erbracht. Dessen Autoren sind Christian Küppers vom Öko-Institut in Darmstadt, der frühere Geschäftsführer der Gesellschaft für Reaktorsicherheit Lothar Hahn, der ehemalige Leiter des Instituts für Reaktorsicherheit am Forschungszentrum Karlsruhe Volker Heinzel und der Ende April verstorbene Leiter des Fachbereichs „Sicherheit in der Kerntechnik“ des Bundesamtes für Strahlenschutz, Leopold Weil. Was das Quartett auf rund 150 Seiten zusammengetragen hat, ist nicht schmeichelhaft für das Forschungszentrum Jülich, das sich bis 1990 „Kernforschungszentrum“ nannte: Immer wieder kam es in dem Reaktor zu teilweise erheblichen Pannen und Störfällen, oft informierten die Forscher die Atomaufsicht nicht oder nur zögerlich, die Temperatur im Reaktor war höher als vorgesehen, lange Zeit fanden keine Temperaturmessungen statt. Dass das Personal beim Störfall im Mai 1978 die Schnellabschaltung unterbunden habe, „war nicht erlaubt“, schreiben die Wissenschaftler. Der Störfall wurde zudem in die niedrigste Störfallkategorie eingeordnet. „Zumindest hätte eine Einstufung in die Kategorie B erfolgen müssen, wenn nicht sogar in die (höchste) Kategorie A“, monieren die Wissenschaftler.

Anders als von den Grünen behauptet, findet sich in dem Abschlussbericht der Expertengruppe aber kein Beleg dafür, dass der Forschungsreaktor im Mai 1978 vor einem „Super-GAU mit Tschernobyl-Folgen“ stand. Im Gegenteil heißt es dort, der Störfall sei „noch deutlich“ vom „Auslegungsstörfall“ – umgangssprachlich GAU („größter anzunehmender Unfall“) – entfernt gewesen. Christian Küppers, der als Sprecher der unabhängigen Expertengruppe fungiert, hält ohnehin nichts von einem Vergleich zwischen dem AVR Jülich und dem Reaktor in Tschernobyl: „Der AVR hatte nur ein Hundertstel der radioaktiven Stoffe in sich wie der Reaktor in Tschernobyl. Selbst bei einem Explosionsszenario wären die Auswirkungen geringer gewesen“, sagt Küppers im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Noch deutlicher wird das Vorstandsmitglied des Forschungszentrums Jülich Harald Bolt: „Mir erschließt sich kein Szenario, das zu einem Tschernobyl hätte führen können.“

Nachbildung einer Brennstoffkugel
Nachbildung einer Brennstoffkugel : Bild: Pilar, Daniel

Es ist nicht das erste Mal, dass die Grünen versuchen, sich mit alarmierenden Jülich-Meldungen als die Gralshüter der Antiatompolitik zu profilieren. Anfang 2011 erkundigte sich der Neusser Landtagsabgeordnete Hans Christian Markert mit einer Kleinen Anfrage bei der für das Forschungszentrum zuständigen nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) über den Verbleib von 2285 Brennelementekugeln aus dem Forschungsreaktor Jülich. Kurz nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima antwortete das Ministerium, es könne „mit der gebotenen Zuverlässigkeit keine abschließenden Aussagen“ dazu treffen; einige der hochradioaktiven Kugeln könnten im Forschungsbergwerk Asse eingelagert worden sein, spekulierte das Ministerium. Die Grünen sahen sich in ihren „schlimmsten Befürchtungen“ bestätigt: Ihr Atompolitiker Markert forderte eine zeitnahe Klärung, „schließlich handelt es sich nicht um Himbeermarmelade“. In den Kugeln steckten 2,2 Kilogramm Uran 235 und 23 Kilogramm Thorium 232. Allein das sei Stoff genug für mehrere schmutzige Bomben. Falls die Kugeln benutzt worden seien, komme noch hochgiftiges Plutonium dazu. Fast ein Wochenende lang lief die Horrorgeschichte über alle Ticker und Sender. Nur wenige Tage nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima passte sie zur allgemeinen Stimmungslage. Der Jülicher Fall zeige, „Atomkraft ist eine Risikotechnologie, die nicht kalkulierbar ist“, kommentierte Wissenschaftsministerin Schulze. Markerts Parteifreund, der nordrhein-westfälische Umweltminister Johannes Remmel (Grüne), stimmte ein und nannte den Vorgang „absolut alarmierend“.

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