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Leiter des Fraunhofer-Instituts : „Gesamtplan für Energiewende notwendig“

  • -Aktualisiert am

Wo immer man hinschaut, alles erinnert nurmehr an die Energiewende: hier nahe Ebendorf, Niedersachsen Bild: Getty Images

Das Ziel sei zu erreichen, aber nur wenn die Energiewende richtig gestaltet werde: Jürgen Schmid, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik, verlangt im Gespräch mit der F.A.Z. ein Ende der „Chaosphase“.

          Die Versorgungssicherheit in Deutschland gerät in Gefahr, „wenn es mit der Energiewende ungeplant weitergeht“. Diese Warnung hat Jürgen Schmid, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (Iwes) in Kassel sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), im Gespräch mit der F.A.Z. ausgesprochen. Den Beschluss der Bundesregierung vom Frühjahr 2011, bis zur Mitte des Jahrhunderts 80 Prozent des Stromes und 60 Prozent des gesamten Energieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen zu decken, bezeichnet Schmid als äußerst ehrgeizig und ambitioniert. Das Ziel sei zu erreichen, aber nur wenn die Energiewende richtig gestaltet werde. Daran habe er, Schmid, jedoch Zweifel.

          Er werfe der Bundesregierung nicht ein „vertanes Jahr“ seit dem Beschluss zum Ausstieg durch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor. Nach einer solchen radikalen Umkehr sei es nicht ungewöhnlich, wenn eine „Chaosphase“ folge, „aber nun muss es in eine planbare Phase gehen“. Gegenwärtig sei die Aufteilung der neu entstehenden Energiequellen auf Photovoltaik, Wind und Biomasse genauso „völlig ungeplant“ wie die regionale Verteilung der neu entstehenden Stromerzeuger innerhalb Deutschlands. „Regionale Ausbaupläne auf der Ebene der Bundesländer ist genau das, was wir brauchen“, sagt Schmid. Ein „Gesamtplan“ sei nötig, denn ein ungeordneter Ausbau der erneuerbaren Quellen verursache unnötige Kosten, wenn zum Beispiel überproportional in besonders teure Formen der Stromgewinnung investiert werde, während eine Infrastruktur an Netzen und Speichern geschaffen werden müsse, um diejenigen Stromquellen in die Versorgung einzubinden, die vor allem nach Renditeerwartungen errichtet worden seien.

          Geprägt von Idealen und Ideen

          Erst jüngst war Schmid mit der Aussage zitiert worden, dass der Ausbau der Photovoltaik gebremst werden müsse, um die Energiewende zu sichern, was ihm in der Szene harsche Kritik eingetragen hat. Er wollte diese Aussage nicht wiederholen, warf im Gespräch mit der F.A.Z. aber die Frage auf, ob das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in der gegenwärtigen Form mittelfristig das richtige Instrument zum Ausbau der erneuerbaren Energien sei.

          Auf die allerorten und vielfach mit großer Emotionalität diskutierte Frage, ob der Ausbau der erneuerbaren Energie in Deutschland den Ausbau des europäischen Stromnetzes erfordere oder ob Sonne, Wind und Biomasse regionale Energieautarkie ermöglichten und damit den Ausbau der transnationalen Netze überflüssig machten, will Schmid zum Jahresende mit Hilfe einer Analyse des Iwes eine Antwort geben. Schmid sagt, die Diskussion um die Netzstruktur sei geprägt von Idealen und Ideen, „die einer in den Raum stellt. Wir brauchen jedoch eine systemische Analyse, die die Effekte und Kosten solcher Planungen umfasst.“

          Häuser dämmen? Oder erneuerbare Energien ausbauen?

          Ohnehin fordert Schmid, „systemisch zu denken“. Wenn in 40 Jahren 80 Prozent des Stromes aus erneuerbaren Quellen stammten, dann sei dieser Strom entgegen der heute verbreiteten politischen Überzeugung „nicht mehr böse“. Der Strom könne dann auch ökologisch einwandfrei verwandt werden, um mit Wärmepumpen Häuser zu heizen oder zu kühlen und damit deren Kohlendioxidausstoß zu mindern.

          Wenn die Wärmeverluste entfielen, die heute mit der Nutzung fossiler Energieträger für die Stromerzeugung unvermeidlich seien, werde mit dem Umstieg auf die Nutzung elektrischer Energie aus regenerativ sprudelnden Quellen ein Effizienzgewinn um den Faktor zwei bis drei erreicht. Darum frage es sich aber in der Gegenwart, ob es besser sei, kostbare Ressourcen zum Beispiel in die Dämmung von Häusern zu investieren oder in den Ausbau der erneuerbaren Energien. Wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen stamme, gehe es vor allem um eine rein ökonomische Optimierung, die zum Schluss führen könne, dass eine geringere Wärmedämmung zum gesamtökonomischen Optimum führe.

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