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Energiewende : Trasse des zunehmenden Widerstands

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Der Südlink: Das soll die neue Pulsader sein, die starke Stromquellen im Norden mit starken Stromverbraucher im Süden verbindet, aber auch Strom aus bayerischen Photovoltaikanlagen und Wasserkraft nach Norden bringen kann. Bild: dpa

Südlink soll einmal Strom von den Windmühlen im Norden für die Industrie nach Süden bringen. Im Norden verstehen das die Leute gut, je weiter man nach Süden kommt, desto größer wird der Widerstand.

          Rote Backsteinhäuser, reetgedeckte Dächer, vereinzelte Höfe, weidende Kühe auf weiten Wiesen, Ozeanriesen jenseits des Elbdeichs und ein Kernkraftwerk diesseits des Erdwalls neben einem schmucken Dorf mit Schwimmbad und Eisbahn. Brokdorf heißt es. Hier tobten einst Schlachten. „Grausam und furchtbar“ sei es gewesen, erinnert sich Manfred Boll (CDU), Bürgermeister von Nortorf, wie Brokdorf eine von vierzehn Gemeinden, die sich zum Amt Wilstermarsch zusammengeschlossen haben, das von Wilster aus regiert wird. Die Brokdorfer selbst, sagt Amtsvorsteher Helmut Siewers von der kommunalen Wählervereinigung Stördorf, hatten ihren Frieden gemacht mit dem Kernkraftwerk. „Die Gegner, die fanatisch waren, kamen von außerhalb“, sagt Boll. Die Bewohner der Marsch sind nicht technikfeindlich, Ingenieurkunst hat ihre Heimat überhaupt erst entstehen lassen. Ein Netz von schmalen Rinnen, den Grüppen, von Gräben und bachähnlichen „Wassern“ durchzieht seit Jahrhunderten das moorige Land unter dem Meeresspiegel, um das Wasser zu sammeln, abzuleiten und – einst mit Hilfe von Windmühlen – abzupumpen, damit die Marsch überhaupt bewohnbar ist.

          Auch die Stromleitungen, die seit dem Bau neuer Kraftwerke die Marsch durchziehen, wurden akzeptiert. „Keiner hatte was dagegen. Für einen Mast gab es ein bisschen Geld als Entschädigung“, sagt Boll. „Und alles blieb ganz normal. Mir ist nicht bekannt, dass es zu psychischen Problemen kam, und Kinder kamen auch noch zur Welt.“ Siewers sagt: „Hier ist der Mensch ziemlich Realist. Ein jeder weiß doch, wir brauchen Strom. Und nun wollen wir vom Atom weg zu den regenerativen Energien. Und dass der Strom aus der Windkraft zum Süden müsste, ist doch eigentlich auch allen klar.“ Entschädigung gibt es jetzt, wenn der Strom nicht abfließen kann und die Mühlen abgeschaltet werden müssen. „Unglaublich“, sagt Boll. 150 Millionen Euro hat allein der Netzbetreiber Tennet, der die Stromversorgung in einem Streifen von Schleswig-Holstein bis Bayern sichert, im Jahr 2013 für solche Netzeingriffe bezahlt und an die Stromkunden „weitergereicht“. 2014 waren es schon 250 Millionen Euro. Mit dem Ausbau der Windenergie im Norden und dem Abschalten der Kernkraftwerke im Süden wächst der Bedarf an Transportkapazität. Allein in Schleswig-Holstein wird die installierte Leistung an Windkraft nach Angaben von Tennet bis 2024 von vier auf elf Gigawatt wachsen. Darum steht für Boll fest: „Der Südlink hätte längst fertig sein müssen.“

          Gleichstromverbindung zwischen Nord und Süd

          Der Südlink: Das soll die neue Pulsader sein, die starke Stromquellen im Norden mit starken Stromverbraucher im Süden verbindet, aber auch Strom aus bayerischen Photovoltaikanlagen und Wasserkraft nach Norden bringen kann. Die Elektrotechniker haben sich für eine Gleichstromverbindung entschieden: weniger Übertragungsverluste, kompaktere Leitungen als bei Wechselstromtrassen. Wechselstrom aber hat sich in den Stromnetzen seit mehr als hundert Jahren als Standard etabliert. Also müssen Stationen an den Endpunkten den Wechsel- in Gleichstrom und den Gleichstrom wieder in Wechselstrom verwandeln.

          Im Norden speisen den Südlink zwei Gleichstromquellen. Eine liegt am stillgelegten Kernkraftwerk Brunsbüttel, wo einige Offshore-Windparks angebunden sind. Die andere liegt in Nortorf am Umspannwerk Wilster nahe Brokdorf. Einstweilen ruhen dort die Kühe auf leuchtend grünen Wiesen mit gelben Tupfen von Löwenzahn und käuen wieder. Noch eine Mahd, schätzt Boll, dann wird hier gebaut, und dann wird hier eines Tages der Nordlink enden, eine 520 Kilometer lange Gleichstromleitung aus Norwegen. Von dort kommt Wasserkraft, die im Unterschied zur Windkraft immer da ist, wenn sie gebraucht wird.

          Am anderen Ende von Südlink steht das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld bei Schweinfurt, das jetzt nach 33 Jahren vom Netz ging. Luftlinie sind es von Wilster bis Schweinfurt etwa 600 Kilometer. Norwegen ist näher. Auf diesen 600 Kilometern waren bislang Masten von 60 bis 70 Meter Höhe und einer Breite von 25 Meter geplant. Wegen der höheren Spannung von 500 Volt werden die Seile gegenüber einer Wechselstromleitung um bis zu 20 Prozent weiter auseinander liegen. Je nach Topographie können die Masten auch höher und breiter ausfallen.

          An den Freileitungen stört sich rund um Wilster offenbar niemand, obwohl sich Amtsvorsteher Siewers vorstellen kann, hie und da die Möglichkeit wenigstens „zu prüfen“, ob nicht ein Erdkabel verlegt werden kann, wenn die Trasse zu nah an Siedlungen rücken sollte. Aber Siewers forderte das Erdkabel nicht ein, das nach den Beschlüssen der Berliner Koalition wohl viel häufiger verlegt werden dürfte als bislang geplant. Er und Boll und Heiko Wiese, der leitende Verwaltungsbeamte des Amtes Wilstermarsch, den sie hier alle den „Chef“ nennen, loben den Netzbetreiber Tennet, dessen Aufgabe es ist, den Vorschlag für einen Trassenkorridor gegenüber der Bundesnetzagentur auszuarbeiten. Tennet, so Wiese, habe schon Ende 2013 die Bürgermeister über die Planung informiert und bald darauf die Bürger. Die Versammlung sei sehr gut besucht worden, „aber keiner stand Schlange“. Die Leute seien heute alle aufgeklärter und informierter, aber eben auch durch jene, „die übertreiben und überspitzen“. Wiese ist zufrieden. Tennet habe die Anregungen aufgenommen, und er zweifelt einstweilen nicht daran, dass die Planer ihr Bestes geben werden, einen guten Kompromiss zu finden.

          Nicht nur der Gleichstrom ist in Deutschland ein Novum, sondern auch das Planungsrecht. Für Leitungen wie den Südlink sind nicht mehr die Behörden der Bundesländer zuständig, sondern die Bundesnetzagentur. Tennet hat einen ersten Vorschlag für einen Trassenkorridor erstellt, den es derzeit im Wechselspiel mit Bürgerdialog und Bundesnetzagentur präzisiert. Auf den kommenden „Trassenkonferenzen“ wird der Vorschlag – wie im klassischen Raumordnungsverfahren – diskutiert, dann werden Korridore festgelegt, die Korridore untersucht, schließlich wird für einen Trassenkorridor von einem Kilometer Breite die Planfeststellung beantragt. Gegen den Beschluss, der dabei herauskommt, kann geklagt werden. Wann die Trasse feststeht, vor allem, wo genau sie verlaufen wird, weiß derzeit noch niemand. Auch die Kosten sind ungewiss. Einen einstelligen Milliardenbetrag veranschlagte Tennet bislang, mehr als 40 Milliarden Euro schätzen die erbittertsten Gegner. Die Rechnungen müssen nun noch einmal ganz neu angestellt werden – wegen der Erdkabel, denen die Koalition Vorrang eingeräumt hat.

          Herausforderung bei der Siedlungsdichte Deutschlands

          Möglichst nahe ihren Quellen bei Büttel und Wilster sollen die beiden Hochspannungsleitungen für Gleichstromübertragung auf einem Mast für ihren weiteren Weg gebündelt und später unter der Elbe hindurch nach Süden in Richtung Rotenburg an der Wümme knicken, wo die Landschaft – aus nördlicher Perspektive – schon beinahe bergig wird, und auf Verden an der Aller zulaufen, wo sich die Vegetation zu einem Wald verdichtet. Dort hat Thomas Wagner, Bürgerreferent und Trassenplaner von Tennet, die Fachleute aus Landratsämtern und Kommunalpolitiker aus dem nördlichen Niedersachsen im Ökozentrum zu einem Fachdialog eingeladen. Es geht um die Trassenplanung im Spannungsfeld von Siedlungs-, Raum- und Regionalplanung, Natur- und Artenschutz, Forst und Jagd.

          Gut fünfhundert solcher Informationsveranstaltungen hat Tennet seit Ende 2013 zur Planung der Südlink für Fachleute und Bürger organisiert. Wie viele Konferenzen er schon erlebt hat, weiß Wagner nicht genau. Etwa zweihundert müssen es gewesen sein. Einem Dutzend Vertreter der Kreise sitzen beinahe zehn Vertreter von Tennet und der von dem Unternehmen beauftragten Planungsbüros im Ökozentrum gegenüber. Die Planer erläutern ihre Arbeit. Aus einer Ellipse, die etwa ein Drittel der Fläche Deutschlands umfasst, haben sie vier mögliche Korridore für den Südlink herauspräpariert. Die Korridore laufen nicht schnurgerade, sondern an den „Raumwiderständen“ vorbei. Sie können Siedlungen nicht einfach überspannen, müssen umwelt- und naturschutzfachliche Belange berücksichtigen, den Vogelflug schützen, FFH-Gebiete umgehen, auf die Naherholung Rücksicht nehmen, Krankenhäuser und Kindergärten in Ruhe lassen. Etwa vierzig Kriterien sind zu beachten, was in einem Land mit der Siedlungsdichte Deutschlands eine Herausforderung ist.

          Tennet wählte im Dezember 2014 die Variante „Mitte/West“ als ersten Vorschlag für die Bundesnetzagentur: von Wilster nach Verden, dann nahe der Autobahn 27 (Bremen–Walsrode) Richtung Südosten und entlang der Autobahn 7 auf Hannover und Hildesheim zu. Aber Hildesheim ist für die Fachleute im Verdener Ökozentrum schon ziemlich weit weg. Wo die Trasse tief unten im Süden ihres Landes verläuft, spielt für sie keine Rolle. Aber eine junge Frau, deren Kreis vom Korridor durchzogen werden könnte, fragt, welche Daten und Auskünfte Tennet denn noch benötige, um besser planen zu können, und ob es sinnvoll sei, mögliche Planungen mit Rücksicht auf die Trasse jetzt schon zurückzustellen. So entgegenkommend sind nicht alle, und schon gar nicht weiter im Süden. Das hat viele Gründe, offensichtliche und verborgene, unergründete und unergründliche. Die Anwohner fürchten die Wertminderung der Immobilien, fürchten die „Strahlen“, fürchten die Ionisierung der Luftmoleküle. Oder sie lassen einfach nur ihrem Ärger freien Lauf, dass ein Konzern ihr Leben verändert. Oder sie stellen den Sinn von Stromleitungen überhaupt in Frage und verlangen energetische Autarkie für jeden Haushalt, jede Fabrik.

          Bei Hildesheim soll die Leitung nach Westen schwenken. Vom Kreis Höxter geht es dann durch Westfalen und Hessen an Kassel vorbei, südlich davon bei Bad Hersfeld wieder an die Autobahn 7 heran. Im dicht besiedelten Großraum Kassel gibt es aber schon eine 380-Kilovolt-Leitung parallel zur Autobahn 7, die derzeit zwischen Industrie- und Wohngebieten auf acht Fahrstreifen ausgebaut wird. Außerdem soll eine zweite große Wechselstromtrasse zwischen Wahle in Niedersachsen und Mecklar in Hessen mitten durch das Kasseler Becken gebaut werden. Tennet sieht deshalb „Engstellen im Bereich Werratal und Niederkaufungen, die die Errichtung einer weiteren Höchstspannungsleitung als nicht umsetzbar erscheinen lassen“.

          Schon vorhandene Leitungen ziehen neue mit geradezu planerischer Gesetzmäßigkeit an. So ist es zum Beispiel in Marienmünster im Kreis Höxter. Dort verlaufen schon eine 380- und eine 110-Kilovolt-Leitung. Eine Grundschule und ein Altenheim stehen im Ortsteil Vörden neben dem Rathaus fast darunter. In einigen Ortsteilen der Gemeinde haben die Bürger ihre Häuser ganz nah an die schon gespannten Leitungen gebaut. Irgendwie hat das früher keinen interessiert. Aber die Empfindsamkeit ist mit der Zeit gewachsen, insbesondere seit der Korridor für die neue „Monstertrasse“ in Rede steht, die mit der vorhandenen Leitung gebündelt werden könnte.

          „Wir haben viel Radau und Protest gemacht“

          Der parteilose Bürgermeister Robert Glocke erfuhr am 6. Februar 2014 davon. Der Landrat in Höxter sprach ihn an, eine neue Stromtrasse werde auf ihn zukommen. Kaum war Glocke zurück in seinem Büro, da riefen ihn auch schon die Journalisten an. Dann ging alles ganz schnell. Die Bürgerinitiative „Lebenswertes Marienmünster“, die nach der erfolgreichen Abwehr eines Chemikalienlagers vor einem Vierteljahrhundert eingeschlafen war, hatte eine neue Aufgabe. Seither teilen sich Bürgerinitiative und Bürgermeister die Arbeit. Jutta Fritzsche organisiert die außerparlamentarische Opposition. Sie war selbständige Meisterin und hat ihr Zahnlabor verkauft. Nun nennt sie sich „Frührentnerin“ und hat jede Menge überschüssige Energie. Da kam der Südlink-Korridor gerade recht an ihrem Haus im Ortsteil Papenhöfen vorbei.

          „Wir haben viel Radau und Protest gemacht, und wir nehmen alle mit.“ Jutta Fritzsche ist in der Szene national bekannt. Mit Blick auf die noch imaginäre Trasse warnt sie am Kloster Marienmünster: Stehe erst einmal der erste Südlink mit seinen beiden Leitungen für vier Gigawatt Leistungsübertragung, kämen bis 2034 zwei weitere Leitungen für insgesamt 16 Gigawatt hinzu. „Scheiß-Idee“ schreiben die Bauern zwischen Warburg und Kassel auf riesige Plakate am möglichen Trassenverlauf.

          Wer glaubt, hier tobe sich ein technikfeindlicher Mob aus, hat sich getäuscht. Die Windkraftanlagen sind im Land der stolzen westfälischen Deelenhäuser mindestens so zahlreich wie an der Elbe, nur viel höher, weil die Topographie und die Vegetation den Wind in tiefen Lagen ausbremsen. Auch in Photovoltaik haben die Landwirte üppig investiert. Die CDU hat hier satte Mehrheiten wie vielerorts im Erzbistum Paderborn.

          Anfangs dachte Jutta Fritzsche, sie könne die ganze Trasse verhindern. Heute wisse sie, dass ein „Overlay“ von neuen Stromverbindungen unverzichtbar sei. Also gehe es ihr nur noch ums „Wie“, um sogleich ihren Preis zu nennen: Den Südlink dürfe es nur als Erdkabel geben, dann aber auch direkt vor ihrem Haus. Das Erdkabel sei gegenüber einer Freileitung nicht bis zu acht Mal teurer, wie es die Netzbetreiber behaupteten, sondern nur zwei bis drei Mal so teuer, wie es die „Kasseler Kabelkonferenz“ der Trassengegner und -kritiker im Februar offenbart habe. Am Ende sei das Erdkabel wegen geringerer Wartungskosten sogar billiger.

          Trassenplaner Wagner glaubte nicht an einen völligen Schwenk der Politik hin zum Erdkabel, aber die Sache geriet in Bewegung, obgleich dort, wo Erdkabel ernsthaft erwogen wurden, wie bei der Querung des Thüringer Waldes und im Verlauf der Trasse Wahle–Mecklar im Stadtgebiet von Göttingen, am Ende die Freileitung obsiegte, weil sie umweltschonender zu verlegen ist und die Stärke des magnetischen Feldes, das alle Stromleitungen umgibt, bei Freileitungen für den Menschen geringer ist als bei der Erdleitung. Das elektrische Feld wiederum kann, je nach technischer Ausführung, beim Erdkabel besser abgeschirmt werden.

          Zweifel der Trassengegner

          Wenn Wagner die Orte mit dem größten Widerstand entlang der Trasse nennen soll, sind es von Norden her Marienmünster, das ehemals kurmainzische Fritzlar in Nordhessen, die Bischofsstadt Fulda und schließlich das gesamte würzburgische Unterfranken. Mit Blick auf Marienmünster räumt er ein: „Das sind Strukturen wie bei mir im Dorf.“ Wagner stammt aus Oberbayern. In Fulda hielt Oberbürgermeister Gerhard Möller (CDU) so lange still, wie er damit rechnen konnte, dass die Trasse nur an der Autobahn 7 im Osten seiner Stadt entlang gehen und die Vororte berühren sollte. Nach einigen Bürgerveranstaltungen, die Bürgermeister Glocke aus Marienmünster eh nur für „Weichspüler“ von Tennet hält, flogen dann die auch in Fulda die Fetzen.

          Tennet legte nämlich im Herbst 2014 weitere Trassenvorschläge vor, die die Stadt durchschnitten und einzelne Ortsteile regelrecht umzingelten. Abends beim Bier fanden sich Nachbarn auf der Straße zusammen, gründeten sogleich eine Bürgerinitiative, marschierten bald darauf zum Stadtschloss, wo der Oberbürgermeister mit Vertretern der 24 Stadtteile tagte, und stießen dort auf offene Ohren. Der Bundestagsabgeordnete Michael Brand (CDU) fand es richtig, dass „der Seehofer auf den Tisch springt“, und selbst in den Augen des Oberbürgermeisters Möller hatte die „putschartig“ herbeigeführte Energiewende ein einziges „Tohuwabohu“ geschaffen.

          Und noch eine Gemeinsamkeit haben der Widerstand in Fulda und der in Marienmünster. Zu den Anführern gehört ein Ingenieur im Ruhestand, Guntram Ziepel, auch er im Trassenwiderstand eine nationale Größe. Wie Fritzsche gehört Ziepel der Generation an, die mit „68“ groß geworden sind. Heute haben sie ein Häuschen, aber keine Mission mehr. Die kam mit Südlink.

          Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied im Kampf der Trassengegner: Im Norden zweifeln sie nicht mehr grundsätzlich am Sinn des Netzbausbaus. Dort sind die Zahlen der Bundesnetzagentur weithin akzeptiert. In Bayern hingegen, dessen Protestwellen auch Fulda in Resonanz versetzt haben, zweifeln die Trassengegner an der Energiewende schlechthin, vermissen ihr Konzept, lehnen die Zahlen der Wissenschaftler und der Bundesnetzagentur zum Bedarf an Stromtrassen rundweg ab und lassen sich deshalb auch gar nicht erst auf Debatten um eine Erdverkabelung ein.

          Zum Beispiel in Wasserlosen nördlich von Schweinfurt. Der Südlink zwängte sich entlang der A 7 durch die Dörfer der Gemeinde, die beiderseits der Autobahn liegen. Dort stehen die kleinen Häuser dicht an dicht rund um Kirchen mit spitzen Türmen. Bürgermeister Anton Gößmann sitzt im Rathaus im Gemeindeteil Greßthal neben der Kirche, über der Zimmertür das Kruzifix. Einst, sagt Gößmann, wählten die Bürger zu 80 Prozent CSU. Heute seien es nur noch mehr als 50 Prozent. Er selbst ist parteilos. Ihm gegenüber hat Hildegard Beifuß Platz genommen. Sie spricht für die Bürgerinitiative gegen die Trasse. Im Hauptberuf arbeitet sie für die Ehe- und Familienberatung der katholischen Kirche. „Wir stellen den Bedarf der Trasse in Frage“, sagt sie. „Wir wollen ein gut durchdachtes Konzept. Wegen der Arbeitsplätze im Kohleabbau darf man nicht alles opfern.“ Denn für sie und Gößmann steht fest, dass die Trasse nicht für Windstrom, sondern für Kohlestrom gebaut wird.

          Für den Bürgermeister, der früher Leiter der Betriebsprüfung eines Finanzamtes war, ist das alles ein abgekartetes Spiel zwischen Windmüllern, Kohlestromerzeugern und den Netzbetreibern, die eine fette Rendite kassieren. Eine „wirtschaftsfreundliche“ Lösung lehnt Gößmann ab. „Es muss eine Lösung für alle sein.“ Die Energieversorgung sei doch eine öffentliche Sache und nichts für Spekulanten. Das sei wie beim Freihandelsabkommen mit Amerika: „Die Wirtschaft richtet sich so ein, dass sie selbst versorgt ist.“ Gößmann ist durchaus bewusst, dass der Bau des Südlink auf einem Gesetz fußt, und das empört ihn am meisten: „Ja, und genau das ist ja das Problem. Es ist ein Gesetz und der bayerischen Staatsregierung fehlt die Mehrheit, es wieder loszuwerden.“ „Stillschweigend“, sagt Hildegard Beifuß, „wurde ein Gesetz gemacht, und keiner hat es mitgekriegt. Wir hätten vorher diskutieren müssen.“ Die Politiker hätten die Energiewende beschlossen, ohne die Folgen zu bedenken, ohne überhaupt Ahnung zu haben.

          Wenige Kilometer südlich am Kernkraftwerk Grafenrheinfeld soll der Südlink sein erstes großes Etappenziel erreichen. Es liegt bei Schweinfurt. Die Kreisstadt mit gut 50000 Einwohnern bietet mehr als 60000 Arbeitsplätze. Ein klassischer Industriestandort. Auf der Nordseite des Mains in Bergrheinfeld gegenüber von Grafenrheinfeld grübeln Bürgermeister Peter Neubert von den Freien Wählern und Norbert Kolb, ein Landwirt und IT-Spezialist, im historischen Rathaus darüber, was der eigentliche Sinn des Südlink sein könnte. Kolb hat den Bauernverband, die Jagd- und die Flurbereinigungsgenossenschaft im Trassenwiderstand zusammengeführt. Sie grübeln also, allerlei kommt ihnen in den Sinn, aber niemals, dass die Trasse tatsächlich dafür gebraucht werden könnte, um die Industrie im Süden mit dem Windstrom aus dem Norden zu versorgen.

          „Wir sind gesegnet mit Einrichtungen der Infrastruktur“

          Kolb hat schon als „Bub“ am Traktor des Vaters gesessen, als dieser mit Totenkopfplakaten gegen das Kernkraftwerk protestierte. Aber seit 1976, als das Kraftwerk entstand, haben sich die Bewohner an den sicheren Betrieb der Anlage gewöhnt. Bauland verkauft sich wie warme Semmeln trotz der 148 Strommasten, die auf dem Gelände von Bergrheinfeld stehen. Leitungen überspannen die Felder zum Umspannwerk, es gibt Autobahnen, eine Bahntrasse und eine ehemalige Mülldeponie. „Wir sind gesegnet mit Einrichtungen der Infrastruktur, die nicht unmittelbar der Gemeinde dienen“, sagt Neubert. Nun drohe noch ein Flutpolder am Main, und das Kernkraftwerk werde nach der Abschaltung über Generationen zum Endlager. Die Bürger seien ja nicht gegen erneuerbare Energie, sagt Kolb. Die Gemeinde erzeuge regenerativ doppelt so viel Strom, wie sie verbrauche. Er selbst stellt Biogas her. Aber nun reicht es den beiden. Den Südlink und eine weitere Leitung brauche es nicht. Basta.

          Die Ablehnung im Ort geht freilich nicht so weit, jeglichen Infrastrukturausbau zu verhindern. Ein paar Privatleute, berichtet Neubert, verkauften schlechtes Ackerland zu einem guten Preis an Tennet für ein neues Umspannwerk mit der Option für eine Erweiterung. Der Netzbetreiber soll das Fünf- bis Sechsfache des tatsächlichen Grundstückswerts bezahlt haben. Es geht also doch etwas. Obwohl Christliche und Sozialdemokraten gleichermaßen gegen den Südlink seien, wenn es im Landkreis, in der Stadt und im Dorf konkret werde, berichtet Trassenplaner Wagner aus seiner Erfahrung. Besser laufe es, wo die Politik grün gefärbt sei und wo sie die Planung unterstütze.

          In Tauberbischofsheim im Nordosten von Baden-Württemberg ist die zentrale Frage auf einer Informationsveranstaltung dieselbe wie bei Tennet vor beinahe zwei Jahren im Norden und in der Mitte Deutschlands, als dort die Bürgerdialoge begannen: Wo werden die Masten stehen? Das weiß auch hier noch niemand. Klaus Mandel, Direktor des Regionalverbands Heilbronn-Franken, ahnt aber schon, dass die kommenden Monate „Friede, Freude, Fädlesupp überhaupt net“ bringen werden. Und Daniela Klebsattel vom grünen Umweltministerium versichert, dass die Hinweise der Bürger bedacht werden: „Mir nehmet uns scho die Zeit, die mer auch brauchet. Des wird net eifach abgeveschpert.“ Aber sie lässt keinen Zweifel daran, dass es sich für die Landesregierung um ein „zentrales Infrastrukturprojekt zur Umsetzung der Energiewende“ handelt. Baden-Württemberg verbrauche im Jahr 80 Terrawattstunden Strom. Davon erzeuge es nur 60 Terrawattstunden in den eigenen Grenzen.

          Von diesen wiederum falle bis 2022 wegen des Abschaltens der Kernkraftwerke die Hälfte weg. Trotz des Ausbaus der Erneuerbaren im Land werde der Fehlbedarf an elektrischer Energie im Südwesten im kommenden Jahrzehnt auf 30 bis 40 Terrawattstunden wachsen. Dann redet auch Mandel Tacheles. Wer die Kernkraftwerke abschalte, dürfe die Grundrechenarten nicht vergessen. Er hofft „auf die Solidarität in der Region, denn Wohlstand und Wertschöpfung sind abhängig von der Stromtrasse. Die Trasse ist elementar für die Wohlstandssicherung“. Denn die heimische Windkraft „reicht hinten und vorne nicht“. Hier, im Land eines grünen Ministerpräsidenten, stehen noch weniger Windkraftanlagen als in Franken, wo es schon viel weniger sind als in Westfalen oder im nördlichen Hessen. Eigentlich gibt es im Südwesten fast gar keine. Nur in Oberbayern, sagen die Franken, sollen es noch weniger sein.

          Westlich von Heilbronn, das große Kohle- und das Kernkraftwerk Neckarwestheim im Rücken, verdichten sich die Hochspannungsleitungen, die wie aus heiterem Himmel auf Leingarten, einen Ortsteil von Großgartach, zuzulaufen scheinen. Zwei Umspannwerke liegen hier und ducken sich in Senken der sanft gewellten Landschaft mit ihrer kleinteiligen Landwirtschaft. Von Großgartach aus sind sie kaum zu sehen. Ein Teil der Anlagen und Leitungen könnte mit dem Ende von Neckarwestheim zurückgebaut werden, und es wäre Platz für die Umwandlungsstation des Südlink, sagt der parteilose Bürgermeister Ralf Steinbrenner. Er ist für den Südlink, allein schon wegen der 15.000 Arbeitsplätze bei Audi in der Nachbarschaft. Er reist quer durch Deutschland, um sich in Fragen des Trassenbaus schlau zu machen.

          In einem Ort im tiefsten Trassengegnerland, wo zwei Varianten der Ortsumgehung möglich wären, hat Steinbrenner sogar erlebt, wie sich die Bewohner im Kampf gegen den Südlink vor der jeweils eigenen Türe „fast verprügelt“ hätten. Auf diese Reisen nimmt er die Kommunalpolitiker aus seinem Stadtrat mit, wenn sie es wollen: „Alle könnten sich informieren, aber einige wollen es nicht, damit sie später schimpfen können.“ Die Schwarzen und die Freien Wähler hätten kein Problem mit dem Südlink in Großgartach, sagt der Bürgermeister, und wie die Bürger sich schließlich verhalten werden, vermag er nicht abzusehen: „Es ist wie bei Stuttgart 21. Erst wenn es kommt, interessieren sich die Leut’ dafür.“

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