https://www.faz.net/-gpf-84wp6
 

Energiewende : Bayern macht sich klein

  • -Aktualisiert am

Von der Schließing bedroht, nun kämpft der Ministerpräsident um Subventionen: EON-Vorstandschef Johannes Teyssen und der Horst Seehofer in Vohburg an der Donau am Gaskraftwerk Irsching (Archivbild April 2013) Bild: dpa

Horst Seehofer macht seine eigene kleine Energiewende – und die Republik soll dafür zahlen. Der Regierungschef von Kleinbayern hat wieder einmal rascher begriffen als andere: Statt auf Stromtrassen und Windräder setzt er nun doch auf Gaskraftwerke.

          Was ist mit den Bayern los? Was waren sie einmal stolz, dass es bei ihnen immer größer, gewaltiger, glanzvoller zuging als im Rest der Welt. Der Spiegelsaal auf Herrenchiemsee – weitläufiger als in Versailles! Die Bayerische Staatskanzlei – geräumiger als das Weiße Haus in Washington! Die Maßkrüge – ergiebiger als die Zahnputzbecher, in denen Kölsch und andere homöopathisch dosierte Hopfenprodukte kredenzt werden! Bayern war das XXL-Land, mit einem XXL-Selbstbewusstsein und einem XXL-Anspruch.

          Keine Frage, wie in diesem Bayern die Energiewende ausgefallen wäre. Längst drehten sich zwischen Spessart und Karwendel monströse Windräder – hoch aufragende Franz-Josef-Strauß-Vielflügler, die auch vom Weltall aus nicht zu übersehen wären als Zeichen bayerischer Exzellenz im besten Wortsinne. Riesige Stromautobahnen wären im Bau; ihre Mastenphalanx ließe die Chinesische Mauer als Vorgarteneinzäunung erscheinen. Und in den bayerischen Bergen entstünden gewaltige Pumpspeicherwerke, neben denen das Rauschen der Niagarafälle ein sanftes Säuseln wäre.

          Ein Mentalitätswandel

          Doch mit solcher Herrlichkeit ist es vorbei. Schon einige Castoren mit Atommüll am Horizont jagen Horst Seehofer und seinen Zuarbeitern einen solchen Schrecken ein, dass sie am liebsten die bayerischen Außengrenzen schließen würden. Windräder sollen am besten nur noch dort gebaut werden, wo sie garantiert kein einziger Wähler sehen kann. Und Stromtrassen sollen möglichst über die Nachbarländer führen, mit unauffälligem Abzweig nach Bayern. Das Land macht sich klein, ganz klein.

          Windrad bei Beratzhausen in der Oberpfalz

          Es ist schwer zu sagen, was diesen Mentalitätswandel bewirkt hat. Natürlich ist es nicht Seehofer, der das Land zu Kleinbayern geschrumpft hat; dazu ist er nicht groß genug. Franz Josef Strauß, dessen Geburtstag sich bald zum hundertsten Mal jährt, hatte noch die Kraft, sich gegen den Fluss der Zeit zu stemmen, im Guten wie im Schlechten. Seehofer ist damit ausgelastet, sich an der Oberfläche zu halten. Bayerns Größe wird nicht zurückkommen, wenn er sich irgendwann in sein Ingolstädter Reihenhaus zurückzieht.

          Der Block 5 des Gaskraftwerks Irsching in Vohburg an der Donau; Ende 2016 wirklich stillgelegt?

          Vielleicht haben die Bayern einfach genug davon, immer die Besten, Fleißigsten, Klügsten mimen zu müssen. Der letzte, der ihnen das einzuhämmern versuchte, war Edmund Stoiber. Er war schon aus der Zeit gefallen, bevor ihm die CSU den finalen Schubs versetzte. Seehofers Schlendergang, den er zur politischen Kunstform perfektioniert hat, überfordert niemanden. Es wird sich noch lange gut in Bayern leben lassen, ohne dass das Land jeden Tag neu erfunden werden muss, wie Stoiber es suggerierte.

          Das gilt auch für die Energiewende: Bayern wird nicht zum Dunkelland, wenn das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet wird. Die offen zur Schau getragene Schadenfreude der Niedersachsen, die bayerische Unternehmen mit der Aussicht auf billigen Windstrom in ihr Land locken wollen, ist verfrüht. Seehofer wird es gelingen, in Berlin Subventionen zu mobilisieren für den Bau von Gaskraftwerken, mit denen in Bayern Strom produziert werden soll, anstatt ihn aus dem Norden zu importieren. In dieser Art der Wertschöpfung ist die CSU erfahren. Wenn sie von bundespolitischer Verantwortung spricht, meint sie ihre landespolitische Rendite.

          Bayern ist immer noch ein wundergläubiges Land; die Erwartung, dass unter seinen Fluren große, bislang unentdeckte Gasvorkommen schlummern, dürfte sich aber selbst mit mehreren Wallfahrten zur Schwarzen Madonna nach Altötting nur schwerlich erfüllen lassen. Doch die Bayern sind geübt darin, fremde Ein- und Zuflüsse für sich zu vereinnahmen. Latte Macchiato ist längst ein urbayerisches Getränk. Mit dem russischen Gas, das Seehofer für neue Gaskraftwerke braucht, wird es nicht anders werden.

          Norddeutscher Windstrom bedroht die Identität

          Es bedarf keiner besonderen Messkünste, um aus Sicht der CSU den politischen Effizienzgrad von Stromautobahnen und Gaskraftwerken zu vergleichen. Das Protestpotential bei Stromtrassen, die quer durch das Land laufen, ist gewaltig. Ein gehöriges Stück bayerischer Identität ist an seine Berge und Seen, seine Wälder und Wiesen geknüpft. Nicht nur Königstreue, die sich in die Zeit bayerischer Eigenstaatlichkeit zurückträumen, lassen sich mit der Aussicht erregen, diese Identität drohe für norddeutschen Windstrom geopfert zu werden.

          Seehofer, der Ministerpräsident von Kleinbayern, hat das – wieder einmal – rascher begriffen als andere. Der Bau von Gaskraftwerken wird auch auf Widerstände stoßen. Aber die lassen sich leichter lokal begrenzen, zumal wenn Standortgemeinden Steuereinnahmen erwarten können. „Lieber bairisch sterben als kaiserlich verderben“, lautete die Losung des Volksaufstands im 18. Jahrhundert gegen die österreichischen Besatzer.

          Ganz so martialisch geht es jetzt nicht zu. Im kollektiven Unbewussten Bayerns gibt es aber historische Kontinuitäten. Sie zu wecken, hat ihren Preis – und wenn es nur der des Stroms ist. Wenn Seehofer seine eigene kleine Energiewende durchsetzt und die Stromkunden in der ganzen Republik dafür zahlen, dann wäre zumindest ein Hauch der einstigen bayerischen Größe zu spüren.

          Weitere Themen

          In zwei Fliegern nach Amerika Video-Seite öffnen

          Kritik an Bundesregierung : In zwei Fliegern nach Amerika

          Bundskanzlerin Angela Merkel und Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer fliegen fast zeitgleich an die Ostküste der Vereinigten Staaten. Sie nutzen dabei jedoch zwei getrennte Flugzeuge.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.