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Der Preis der Energiewende : Wie viel darf der Ökostrom kosten?

Bild: dapd

Kann die Energiewende überhaupt scheitern? Vielleicht, aber sicherlich nicht am Strompreis. Den meisten Kunden ist sie offenbar das Geld wert, das sie verschlingt.

          Die Energiewende hat in ihrer dreißigjährigen Geschichte auf dem Weg von der Utopie zur deutschen Wirklichkeit schon für manch bizarre Verrenkung gesorgt. Viele Jahre waren es Gefechte in einer ideologischen Schlacht, die für oder gegen die Atomkraft ausgetragen wurde. Jetzt sind es die Nachhutgefechte in der Folge einer historischen Entscheidung vor mehr als einem Jahr, deren Rücknahme so wahrscheinlich ist wie ein Tsunami in Deutschland. Dass nun seit Monaten eine Debatte darüber geführt wird, dass der Strompreis aus dem Ruder laufen könnte, ist die jüngste jener Verrenkungen in einem Land, das seinen Platz an der Sonne sucht und immer mit dem Wind geht. Ist das ein Angriff der schlechten Verlierer? Oder schon wieder ein Zeichen des Scheiterns?

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Am Strompreis wird die Energiewende nicht zugrunde gehen. Wer hätte auch geglaubt, dass eine Revolution der Energieversorgung, die nur durch ein Feuerwerk der Subventionen in Gang gesetzt werden konnte und bei Laune gehalten wird, spurlos am Stromkunden oder am Steuerzahler vorbeigehen könnte? Die Kosten der Wende werden auf weit mehr als hundert Milliarden Euro geschätzt, und keineswegs ist es so, dass alle Kosten immer mit einem eindeutigen Nutzen verbunden wären - sie können auch neue, unkalkulierbare Kosten nach sich ziehen.

          Die vier großen Energieversorger deshalb nur ein Jahr nach einer rücksichtslosen politischen Kehrtwende zu den „Abzockern“ der Energiewende zu erklären, weil sie die niedrigen Kurse an der Strombörse nicht als Niedrigpreise an ihre Kunden weitergeben, befriedigt vielleicht die Stadtwerkementalität mancher Berliner Ökoseele. Die großen Energieversorger und die Netzbetreiber sind es aber, von denen gleichzeitig gigantische Investitionen verlangt werden: Diese setzten nicht immer nur unternehmerische Risikofreude voraus, sondern auch schon mal blinden Revolutionseifer.

          Der Strompreis droht nur dann zum Störenfried der schönen deutschen Welt zu werden, wenn es eines Tages im Europa des Binnenmarkts möglich wäre, dass jeder seinen Anbieter wählt, wo immer er will, sei es der billige Atomkraftbetreiber in Vilnius oder der (teure?) Photovoltaiker in Spanien. Doch das setzte voraus, dass der deutsche Stromkunde auf die Energiewende pfeift, wenn er sich nur billigen Strom besorgen kann. Schon heute könnte er wenigstens in Deutschland für mehr Wettbewerb sorgen. Doch der großen Mehrheit der Stromkunden ist die Energiewende offenbar das Geld wert, das sie verschlingt.

          Zu leugnen, die Energiewende sei schuld an der höheren Belastung der Stromkunden (und der Steuerzahler), ist ebenso als Verdrängungsmanöver durchschaubar wie der Versuch, die Energiewende wegen der hohen Strompreise gleich in ein soziales Monster zu verwandeln. Beides geht an den eigentlichen Problemen vorbei. Die fangen mit den Widersprüchen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes an und enden mit dem Mangel an Investitionen in Netze und herkömmliche Kraftwerke noch lange nicht.

          Warum ein sinkender Börsenpreis eine höhere gesetzliche Umlage zur Folge haben muss, können nicht einmal Planwirtschaftler vernünftig erklären. Doch die Gigawattomanie der grünen Lobby verdeckt immer wieder aufs Neue die größte Herausforderung: Wo bleibt der technologische und wirtschaftliche Durchbruch zur Sicherung der Grundlast in jenen Zeiten, in denen die Sonne gerade nicht scheint und der Wind nicht weht? Wie kann es sein, dass es Anreize, dieses Risiko etwa durch den Bau konventioneller Kraftwerke zu beseitigen, nicht nur nicht gibt, sondern dass sie durch die besinnungslose Förderung von Sonne und Wind in ihr Gegenteil verkehrt werden?

          Kommunen haben aus der Energiewende eine Geschäftsidee gemacht

          Die Energiewende verfährt nach dem Prinzip: Wir werden es vielleicht nicht mehr erleben, aber alle werden sehen, dass wir recht hatten. Wer glaubt angesichts solcher Selbstgewissheit, dass diese Energiewende überhaupt noch an irgendetwas scheitern könnte? Schon jetzt gibt es wahrlich andere als die vier großen Energieversorger, die sich zu den großen Gewinnern der Energiewende rechnen dürfen. Über die Gewerbesteuer haben viele Kommunen aus regenerativen Energieträgern eine Geschäftsidee gemacht und auf diesem Weg die Gelegenheit erkannt, die kommunale Selbstverwaltung wiederzubeleben.

          Die Länder wiederum übertrumpfen sich in ihren Energieplänen, weil sie wissen, dass die Umlage des Erneuerbare-Energien-Gesetzes wie ein versteckter Finanzausgleich wirkt, in dem es Zahler und Nehmer gibt. Die Aufforderung des Umweltministers Altmaier (CDU), der Ausbau der wildwachsenden Windkraft müsse zwischen den Ländern besser koordiniert werden, könnte in der Tat noch Gegenstand des Länderfinanzausgleichs werden - wer stärker und überproportional von der Energieförderung profitiert, der müsste womöglich an anderer Stelle zurückstecken.

          Das wäre gewiss nicht die letzte Verrenkung in einem der vielen Nachhutgefechte einer ideologischen Schlacht, die selbstgewisse Sieger, aber auch ein Heer von Verwundeten hinterlassen hat. Das ist der Preis der Energiewende.

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