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Warum der Ausstieg falsch ist : Atomkraft? Ja bitte!

„Ja, bitte“: Das Kernkraftwerk Grohnde in Niedersachsen, das seit 1984 in Betrieb ist. Bild: dpa

Wir brauchen die Kernkraft, weil sich Milliarden Menschen eine Waschmaschine wünschen. Sie gehört zum guten Leben. Oder wäscht der radelnde Veganer mit Anti-AKW-Aufkleber etwa von Hand?

          Der gelb-rote Aufkleber pappt längst auf den Autos von Lehrerpaaren in bürgerlich-konservativen Stadtvierteln. Die Meinungsäußerung „Atomkraft? Nein danke“ ist vierzig Jahre nach dem Erwachen der Anti-AKW-Bewegung völlig gefahrlos. Im Lauf der Jahrzehnte ist dem Abziehbild mit der grinsenden Sonne das kleine Element der Widerborstigkeit abhandengekommen. Wer es aufklebt, könnte genauso gut fordern: „Fließend Wasser für jedermann“.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Ich habe keine Umfrage gemacht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass alle meine Freunde und Verwandten der Kernkraft kritisch bis feindselig gegenüberstehen. Atomkraftwerke abzulehnen ist spätestens in meiner Generation (ich bin Jahrgang 1963) Mainstream geworden. Nach Jahrzehnten des Streits will Deutschland in Ruhe gelassen werden von der Kernkraft.

          Da kommt es natürlich höchst ungelegen, dass die Welt neue Atomkraftwerke braucht. Denn die Alternativen überzeugen nicht angesichts der drei großen Ziele, die es in der Energiepolitik zu verfolgen gilt: die Natur zu bewahren. Das Klima zu stabilisieren. Und nicht zuletzt: demnächst rund elf Milliarden Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen.

          Eine Waschmaschine als Symbol der Entwicklung

          Das gute Leben lässt sich auf etwas vordergründig sehr Profanes herunterbrechen: die Waschmaschine. Der schwedische Mediziner und Gründer der Gapminder-Stiftung, Hans Rosling, hat das in Vorträgen glänzend gezeigt: Jede Familie auf der Welt sollte Zugang zu diesem größten Wunder der Menschheitsgeschichte haben. Denn Waschmaschinen machen das Leben in der Tat besser – und sie sind ein Indikator für das wirtschaftliche Niveau einer Gesellschaft. Ganz praktisch bedeuten sie, dass Frauen und Kinder nicht mehr Wasser von Brunnen oder Wasserlöchern heranschleppen müssen. Sie sind auch nicht gezwungen, Holz oder Dung zu sammeln, um Wasser über offenen, gesundheitsgefährdenden Feuerstellen zu erwärmen.

          Wenn in einer Gemeinschaft alle eine Waschmaschine haben, bedeutet das in der Regel: Es gibt fließendes Wasser, elektrischen Strom und Zugang zu den Erzeugnissen der Chemieindustrie. Überdies sind Waschmaschinen Ausdruck dafür, dass Familien Geld ausgeben können, um Zeit für sich selbst zu gewinnen. Von allen Haushaltsgeräten bringen Waschmaschinen vermutlich den größten Rationalisierungsgewinn und damit den höchsten Gewinn an Lebensqualität. Vor allem für Frauen, was wiederum den Kindern zugutekommt.

          Im Augenblick haben nur rund zwei der derzeit noch sieben Milliarden Menschen Zugang zu einer Waschmaschine, fünf Milliarden dagegen nicht. Ein Fünftel davon hat nicht einmal Elektrizität. Wenn diese fünf Milliarden Leute abstimmen dürften, würden vermutlich die allermeisten für eine Waschmaschine und das damit verbundene Leben stimmen. Die ökologischen Kosten, die damit entstünden, wären für sie höchstens von nachrangiger Bedeutung.

          Selbst wenn der Westen und seine Umweltschutzbewegungen mit diesem Konsumwunsch nicht einverstanden wären, änderte das nichts. Milliarden Menschen in armen Ländern kämpfen für ein besseres Leben. Und dieses Leben ist mit einem deutlich höheren Energieverbrauch verbunden.

          Die Furcht der Deutschen, dass die Welt überfordert sei, wenn alle Menschen sich das Konsumniveau des Westens aneigneten, ist durchaus berechtigt. Zugleich erscheint sie deplaziert. Denn selbst der vegane Autoverweigerer, der sein Haus mit Dämmwolle aus nachwachsenden Rohstoffen verpackt, geht nicht so weit, seine Wäsche mit der Hand zu waschen. Die deutschen Sorgen bleiben die Sorgen von Leuten, die mehr als zehnmal so viel Energie verbrauchen wie der durchschnittliche Inder.

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