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Zwischenlager Nord : Die Angst vor dem Atom-WC

Arbeiten in der „Zentrale Aktive Wirtschaft” Bild:

Der Atomausstieg ist beschlossen - im Konsens. Aber das Thema Kernkraft sorgt weiter für Unmut, wie ein Blick nach Lubmin zeigt. Das dortige Kernkraftwerk wurde schon Anfang der neunziger Jahre stillgelegt, doch jetzt ist Wahlkampf.

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          Eigentlich hat Mecklenburg-Vorpommern seinen Atomausstieg schon seit zwanzig Jahren hinter sich. Dennoch ist das Thema derzeit – mitten im Landtagswahlkampf – ein Streitpunkt geworden, und zwar zwischen dem Land und dem Bund. Die Interessenlage dabei ist etwas unübersichtlich. Die SPD mit Ministerpräsident Erwin Sellering könnte von dem Streit profitieren, die CDU im Land und vor allem ihr Spitzenkandidat, Innenminister Lorenz Caffier, verlieren – und das unverschuldet.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Anfang der neunziger Jahre wurde das Kernkraftwerk in Lubmin bei Greifswald stillgelegt, ein Erbe aus der DDR. Lubmin war mit russischen Reaktoren betrieben worden. Vier waren am Netz, ein fünfter im Probebetrieb, weitere sollten gebaut werden. Die Situation glich ein wenig der heutigen in der Debatte über den Ausstieg Deutschlands aus der Kernkraft.

          Viele Fachleute wollten Lubmin am Netz lassen. Es gab sogar eine kurze Zeit lang die Idee, neue Kernkraftwerke russischer Bauart in Deutschland zu errichten. Lubmin hatte aus Sicht der Kernkraftbefürworter einen großen Vorteil: Es war damals der einzige in Deutschland genehmigte Standort für einen Kernkraftwerksbau. Allerdings war der politische Druck mitten in der Umbruchzeit viel zu groß und die Stilllegung bald schon beschlossene Sache. Die Energiewerke Nord entstanden als Gesellschaft des Bundes mit einem ganz neuen Geschäftsfeld: dem Abriss von Kernkraftwerken oder überhaupt kerntechnischen Anlagen.

          In der Werkstatt: Arbeiter mit Strahlenschutz in Lubmin

          Im Zwischenlager wird nicht nur gelagert

          Was zunächst nur in Lubmin – und in Rheinsberg, wo das zweite, deutlich kleinere DDR-Kernkraftwerk stand – passieren sollte, wurde schon bald international marktfähig. Die Energiewerke Nord sind inzwischen in mehreren Ländern des Ostens aktiv, aber auch beim Abriss von kerntechnischen Anlagen im Westen Deutschlands, vornehmlich in Jülich und Karlsruhe. Bevor allerdings das Kraftwerk in Lubmin abgerissen werden konnte, musste ein Zwischenlager gebaut werden, um dort die strahlenden Reste unterzubringen – bis ein Endlager gefunden war. 1997 war das Lager fertig, 1999 erhielt es die „atomrechtliche Lagergenehmigung für das Transportbehälterlager“, also die Lagerung von Castoren. Der Bau des Zwischenlagers Nord (ZLN) kostete 240 Millionen Euro. Ursprünglich sollten allein die radioaktiven Abfälle aus Lubmin und Rheinsberg hier gelagert werden. Die Genehmigung dafür gilt für vierzig Jahre. Die Energiewerke aber haben derweil ihre Geschäftsfelder ausgedehnt. Im Februar 2009 erhielten sie vom Bundesamt für Strahlenschutz die Genehmigung, weitere radioaktive Reste im Zwischenlager aufzunehmen – aus verschiedenen Forschungsprojekten des Bundes und vom längst außer Dienst gestellten Forschungsschiff „Otto Hahn“. Diese Reste lagerten bislang in Frankreich, aber auch in Belgien und im Forschungszentrum Geesthacht. Das Lubminer Zwischenlager ist nicht nur ein Lager. Hier können auch radioaktive Reststoffe zerlegt, dekontaminiert und schließlich „freigemessen“ werden. Solche Materialien, unbedenklich geworden, verlassen dann das Zwischenlager wieder.

          Für all diese Leistungen gibt es aber eine Befristung. Im September 2009 beantragten die Energiewerke Nord eine Änderung der Genehmigung. Die Materialien, die für Schacht Konrad, das Endlager für schwachradioaktives Material, vorgesehen sind, sollen solange im ZLN bleiben dürfen, bis Konrad fertig ist. Ansonsten wären noch einmal aufwendige Transporte hin und her nötig. Der Antrag wurde an den Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern gestellt. Das Schweriner Ministerium versagte die Genehmigung im April jedoch. Die Energiewerke erhoben daraufhin im Mai Klage. Sie hoben in einer Erklärung hervor, dass es dabei „ausdrücklich nicht um radioaktive Stoffe wie Brennelemente geht und dass das Zwischenlager selbstverständlich ein Zwischenlager bleibt“. Das zielte auf die Stimmung im Land, denn auf einmal gab es auch in Vorpommern Proteste gegen alles, was mit Kernkraft zu tun hat. Etwa in Greifswald, wo sich Ministerpräsident Sellering einreihte.

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