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Wegen Atomausstieg : Stromkonzerne befürchten feindliche Übernahme

  • -Aktualisiert am

Eon fürchtet die Avancen aus Russland Bild: Frank Röth

Weil sich immer mehr Aktionäre von RWE und Eon abwenden, rutschen deren Börsenkurse in den Keller. Damit kehrt die Furcht vor feindlichen Übernahmen zurück. Vattenfall, RWE und Eon fordern von der Bundesregierung einen „fairen Ausgleich“ für ihre Vermögensverluste.

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          Die Vorstände von drei Kernkraftwerksbetreibern zeigen sich entschlossen, einen Ausgleich für ihre wirtschaftlichen Schäden durch den deutschen Atomausstieg durchzusetzen. Die Vorstandsvorsitzenden von Vattenfall, RWE und Eon haben von der Bundesregierung einen fairen Ausgleich von Vermögensverlusten angefordert. Klagen werden aber erst geprüft, wenn das neue Atomgesetz im Juli im Parlament verabschiedet und dann von Bundespräsidenten unterzeichnet worden ist.

          Den Vorständen der großen Publikumsgesellschaften geht es dabei um mehr als einen Schadenersatz für entgehende Erträge. Weil sich immer mehr Aktionäre von RWE und Eon abwenden, rutschen deren Börsenkurse in den Keller. Allein Eons Börsenkurs ist seit Anfang Mai um mehr als 20 Prozent oder rund 9 Milliarden Euro weggeschmolzen. Und die Furcht vor einer feindlichen Übernahme ist zurückgekehrt. Denn Fachleute sehen inzwischen den europäischen Markt reif für eine zweite Konsolidierungswelle.

          Eon sträubt sich gegen Gasprom

          Jüngst hat der Gasprom-Chef Alexej Miller am Rande eines Wirtschaftsgipfels in Prag Interesse an Eon bekundet. Bis 2009 hatte sich der größte Gasproduzent der Welt lange bemüht, eine Beteiligung der Eon Ruhrgas an dem sibirischen Gasfeld Yushno Russkoje gegen in- und ausländische Beteiligungen an Eon-Vertriebsaktivitäten zu tauschen. Dem Versuch von Gasprom, in Westeuropa im kundennahen Geschäft Fuß zu fassen, hat sich Eon jedoch beharrlich widersetzt. Nun sprach Miller vom Interesse an einer strategischen Beteiligung an Eon und Eon Ruhrgas, mit der auch ein Mitspracherecht verbunden sein sollte.

          CDU- und FDP-Politiker haben die russischen Avancen positiv aufgenommen. Der FDP-Wirtschaftspolitiker Martin Lindner sagte: „Ohne Atomkraft ist Deutschland künftig an Gaslieferungen aus Russland noch mehr interessiert als früher.“ Und Joachim Pfeiffer, der wirtschaftspolitische Sprecher der Unionsfraktion, erklärt: „Ablehnende Reflexe gegen einen Einstieg von Gasprom bei Eon sind unsinnig.“ Eon lehnte am Dienstag eine Stellungnahme ab. Beobachter gehen aber davon aus, dass Eon weiterhin freiwillig keinen Partner in den Konzernführungsgesellschaften aufnehmen wird.

          Wie groß die Sorge vor einem feindlichen Übernahmeangebot ist, zeigt auch der Versuch von RWE, selbst bei einem Zusammenschluss mitzuwirken. Wunschpartner war der spanische Marktführer Iberdrola. RWE war bereit, mit gut 48 Prozent Kapitalanteilen Minderheitspartner an einem Gemeinschaftsunternehmen zu werden. Nach dem Kursverfall der RWE-Aktie im Gefolge der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima wurden jedoch die Fusionsverhandlungen abgebrochen.

          Ein Brief an die Kanzlerin

          Der RWE-Vorstandsvorsitzende Jürgen Großmann hat in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel Schäden beziffert, die dem Unternehmen nach eigenen Berechnungen durch den Stilllegungsplan für die Kernkraftwerke drohen. Je nach Auslastungsgrad der Reaktoren würden RWE 50 bis 60 Terawattstunden Stromproduktion entgehen. Der RWE-Chef appellierte an die Kanzlerin, dass jeder Betreiber „wenigstens die Mengen in eigenen Anlagen verstromen kann, die ihm im Atomgesetz 2002 zugesichert worden sind“.

          Das ist der erste konkrete Hinweis von RWE, dass sich der Energiekonzern gegen Nachteile im neuen Atomgesetz zur Wehr setzen will. Der Chef der schwedischen Vattenfall-Muttergesellschaft, Øystein Løseth, hat für die Zwangsstilllegung der Kraftwerke Krümmel und Brunsbüttel eine „faire Entschädigung“ gefordert. Eon-Chef Johannes Teyssen hatte als Erster nach den Ausstiegsbeschlüssen einen Ausgleich für die zu erwartenden erheblichen Vermögensverluste gefordert. FDP-Generalsekretär Christian Lindner sagte zu einer möglichen Klage: „Wir haben davor gewarnt und hätten für dieses Risiko gerne Vorsorge getroffen. Aber die Bundeskanzlerin und insbesondere der bayerische Ministerpräsident haben dargelegt, dass sie keine rechtlichen Bedenken haben.“

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