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Umstrittene Methode : Fracking - müssen wir da mitmachen?

Die Fracking-Technik verschiebt die Gewichte der globalen Energiepolitik Bild: AP

Tief unten in der Erdkruste liegt viel mehr Gas als vermutet. Die Amerikaner fördern es begeistert, die Energiewelt steht Kopf. Nur die Deutschen sperren sich.

          6 Min.

          Deutsche Bierbrauer haben ihrer tiefen Besorgnis Ausdruck verliehen, dass eine besondere Variante des Bergbaus zur Förderung von Erdgas, das sogenannte Fracking, ihr Wasser gefährden könnte und damit das Reinheitsgebot von 1516. Kann es Schlimmeres geben?

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Ja. Denn selbst die letzten beflissenen Freunde des technischen Fortschritts melden besorgt an, dass bei aller Liebe zum Buddeln der Bodensee der Bodensee bleiben müsse und in seinem Umfeld keineswegs nach jenem unkonventionellen Schiefergas gebohrt werden dürfe. So hat es etwa der EU-Energiekommissar Günther Oettinger formuliert, der ansonsten die Erdgasförderung in Europa voranbringen möchte.

          Das Bundeskabinett hatte Mitte Mai die Verabschiedung eines Gesetzes zur Förderung von Erdgas aus tiefen Gesteinsschichten erst einmal verschoben, Bayern und Nordrhein-Westfalen stellten sich quer. Bisher hat Fracking in Deutschland vor allem Nervosität zu Tage gefördert, Schiefergas allerdings noch nicht. Zurzeit wird hierzulande noch nicht einmal zur Probe gebohrt.

          Die allgemeine Aufregung muss trotzdem nicht verwundern: Da ist nämlich global Gewaltiges im Gange. Die höchst erfolgreiche Förderung von unkonventionellem Erdgas in den Vereinigten Staaten verschiebt die Gewichte der globalen Energiewirtschaft schon jetzt. Amerika, der potentielle Stammkunde von Erdgas aus dem Persischen Golf, Kanada und Lateinamerika wird dank der neuen Fördertechnik Selbstversorger und möglicherweise sogar Exporteur.

          Die Folgen sind gravierend, indirekt auch für Deutschland. Erdgas ist in Amerika wieder so günstig geworden, dass energieintensive Produktion rentabel wird, neue Arbeitsplätze schafft und die internationale Konkurrenz auch aus Europa in die Enge treibt. Gleichzeitig verdrängt Amerikas Erdgas die Steinkohle bei der Erzeugung des Stroms. Damit verbessern die Vereinigten Staaten ihre Klimabilanz, denn Erdgas bläst bei der Verbrennung viel weniger CO2 in die Luft als Kohle. Und schließlich macht sich das Land von Lieferungen despotischer Regime unabhängiger. Und das alles dank einer technisch-ökonomischen Revolution, die gerade einmal acht Jahre alt ist. Mehr Wohlstand, mehr Klimaschutz und mehr politische Unabhängigkeit - selten hat eine ziemlich profane Technik so viel Gutes bewirkt.

          Genau genommen sind es sogar drei Techniken, die für die Gasförderung kombiniert werden: modernste Seismik, das umstrittene „Fracking“ und - besonders wichtig für die Ökonomie dieser Technik - das horizontale Bohren. Die Seismik sorgt fürs Finden und Erkunden. Beim Fracking (Kurzform von Hydraulic Fracturing, deutsch: aufreißen) werden unter hohem Druck Wasser, Quarzsand und Chemikalien in die tiefen Gesteinsschichten gepresst, damit sie aufreißen. Die 20 Millimeter weiten und bis 100 Meter langen Risse geben das Schiefergas frei; der Quarzsand im Wasser verhindert, dass die Risse verstopfen. Und die Chemikalien sorgen dafür, dass der Sand im Wasser überhaupt bis zu den Gasvorkommen vordringt.

          Während man mit den üblichen vertikalen Bohrungen nur im 30 Meter weiten Umfeld des Bohrers Gas erntete, erreicht man mit horizontalen Bohrungen ein Vielfaches. Erst damit wird Schiefergas zum Big Business, zum großen Geschäft.

          Nur für Amerika? China hat mit dem Bohren begonnen, für Argentinien und Mexiko werden gewaltige Vorkommen von Schiefergas geschätzt, in Polen und einigen Ländern der einstigen Sowjetunion ebenso. Darüber hinaus in der Nordsee und in Großbritannien.

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