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Umfrage für die F.A.Z. zur Atomkraft : Eine atemraubende Wende

  • -Aktualisiert am

Seit Fukushima ist die Unterstützung für die Grünen erneut auf über 20 Prozent angestiegen – aktuell liegen sie bei 23 Prozent –, die für die CDU auf knapp 32 Prozent abgesackt. Nur ein Teil dieser Entwicklung hat sich unmittelbar nach Fukushima vollzogen. Der Machtverlust der CDU in Baden-Württemberg und der spektakuläre Erfolg der Grünen verstellen teilweise den Blick darauf, dass sich die CDU in Baden-Württemberg bereits seit Herbst 2010 in der engen Bandbreite zwischen 38 und 41 Prozent bewegte, die Grünen zwischen 20 und 29 Prozent. Fukushima hat letztlich nur die allerdings wahlentscheidende Verschiebung von zwei bis drei Prozentpunkten beeinflusst. Insgesamt hat die CDU bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg durchaus achtbare Ergebnisse erzielt, berücksichtigt man die völlige Dominanz des Kernkraftthemas im Vorfeld der Wahlen.

Noch mindestens zehn Jahre

Nach den Landtagswahlen hat die CDU/CSU jedoch dynamisch weiter an Unterstützung verloren und ist zurzeit für eine Regierungspartei mitten in einem wirtschaftlichen Boom bemerkenswert schwach. Die sogenannte Energiewende wird breit unterstützt, sichert der Koalition jedoch zumindest bisher weder den Respekt noch die Sympathien der Bürger. Die CDU/CSU und teilweise auch die FDP stehen vor dem Problem, dass einem Teil ihrer Wähler angesichts der raschen Positionswechsel schwindlig wird. Politische Positionen selektieren Anhänger; entsprechend ist der Anteil der Kernkraftanhänger in den Unionsparteien deutlich größer als bei den Oppositionsparteien. Zwar schließt sich die große Mehrheit der Unionsanhänger einer Abkehr von der Verlängerung der Laufzeiten an. Ein Drittel der Unionsanhänger plädiert jedoch für die Beibehaltung längerer Laufzeiten; auch das Tempo der politischen Entscheidungsprozesse löst bei den Anhängern der Koalitionsparteien deutlich mehr Unbehagen aus als bei den Anhängern der Oppositionsparteien. 51 Prozent der Unionsanhänger, 47 Prozent der Anhänger der FDP plädieren dafür, keine raschen Entscheidungen zu treffen, sondern sich für eine Entscheidung solcher Tragweite Zeit zu nehmen – ein Votum, dem sich nur 36 Prozent der SPD-Anhänger und 26 Prozent der Anhänger der Grünen anschließen.

Während die Regierungsparteien zurzeit das Risiko eingehen, einem Teil ihrer Anhänger als zu beweglich und damit letztlich nicht berechenbar zu erscheinen, sind die Grünen mit dem Risiko konfrontiert, dass ihnen ein weiteres identitätsstiftendes Anliegen abhanden kommt. Wenn alle Parteien den raschen Ausstieg wollen, entfällt ein wesentliches Motiv zu ihrer Unterstützung. Die Volatilität der Unterstützung für die Grünen über die letzten zwei Jahre hinweg zeigt, wie abhängig sie davon sind, dass „grüne“ Themen Konjunktur haben. Die Diskussion über das Tempo des Ausstiegs wird nicht annähernd die Mobilisierungswirkung entfalten wie die bisherigen Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern der Kernenergie.

Die überwältigende Mehrheit der Bürger ist überzeugt, dass Deutschland noch einige Jahre auf die Kernenergie angewiesen sein wird. Die Mehrheit veranschlagt diesen Zeitraum noch auf mindestens zehn Jahre. Dass der deutsche Weg Schule machen wird, glaubt nur eine Minderheit. 57 Prozent der Bevölkerung sind überzeugt, dass die Kernenergie in anderen Ländern auch nach Fukushima weiter ausgebaut wird.

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