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Umfrage für die F.A.Z. zur Atomkraft : Eine atemraubende Wende

  • -Aktualisiert am

Unter dem Eindruck von Tschernobyl verdoppelte sich der Anteil der vehementen Kernkraftgegner von 13 auf 27 Prozent. Seither oszillierte dieser Anteil in einer Bandbreite von 17 bis 26 Prozent. Unter dem Eindruck von Fukushima und der politischen Reaktionen stieg der Anteil der vehementen Gegner in Westdeutschland auf 42 Prozent, in Ostdeutschland, wo die Haltung zur Kernenergie immer positiver war als in Westdeutschland, auf 29 Prozent. Weitere 22 Prozent der Bevölkerung zählen zu den moderaten Gegnern der Kernenergie, jeweils ein Fünftel zu den Befürwortern beziehungsweise den Ambivalenten, die sich weder für noch gegen die künftige Nutzung aussprechen mögen.

Untersuchungen zur Akzeptanz der Kernenergie zeigten immer wieder, dass die gesellschaftliche Akzeptanz keineswegs nur von der Einschätzung ihrer Risiken abhängt, sondern im hohen Maße auch von der Einschätzung ihres Nutzens und ihrer Bedeutung für die Energieversorgung. In den achtziger Jahren war die große Mehrheit der Bevölkerung überzeugt, dass die Kernenergie in den nächsten Jahrzehnten einen großen Beitrag zur Stromversorgung leisten würde. Tschernobyl änderte an dieser Einschätzung nichts. Erst Ende der neunziger Jahre, nach dem Regierungswechsel zu einer rot-grünen Koalition, ging die Überzeugung, dass die Kernenergie auf Jahrzehnte eine der tragenden Säulen der Energieversorgung sein wird, auf vierzig Prozent zurück. Auf diesem Niveau bewegten sich die Erwartungen auch noch im letzten Jahr.

Jetzt rechnet noch gut ein Fünftel der Bevölkerung damit, dass die Kernenergie in den nächsten zwei, drei Jahrzehnten eine der wichtigsten Säulen der Energieversorgung bleibt. Allen konventionellen Energien wird heute ein geringerer Stellenwert für die künftige Energieversorgung zugeschrieben als früher. Die Hoffnungen der Bevölkerung richten sich ganz einseitig auf Sonne und Wind: 74 Prozent sind überzeugt, dass die Sonnenenergie in den nächsten zwei, drei Jahrzehnten mit den größten Beitrag zur Energieversorgung leisten wird, 71 Prozent trauen dies auch der Windenergie zu, 41 Prozent der Wasserkraft. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre war die Bevölkerung weitaus weniger überzeugt, dass es Alternativen zur Nutzung der Kernenergie gibt, als heute.

Ein riskantes Manöver

All dies erklärt die positive Reaktion der großen Mehrheit auf die Kehrtwende der Regierungskoalition. 74 Prozent bewerten den Moratoriumsbeschluss und die Stilllegung der sieben Reaktoren als richtige Entscheidung. Zwar halten auch im Nachhinein 49 Prozent der Bürger diese Entscheidung für wahltaktisch motiviert, diktiert von der Sorge vor dem Verlieren der Landtagswahlen. Ebenso viele interpretieren den Beschluss jedoch wohlwollend als Zeichen, dass die Regierung aus den Ereignissen von Fukushima gelernt hat und ihre Haltung zur Kernenergie überdenkt und korrigiert.

Trotz der breiten Zustimmung zu dem neuen energiepolitischen Kurs der Regierung ist es ein riskantes Manöver. Die Koalition räumt geradezu fluchtartig Positionen, die sie noch vor einem guten halben Jahr entschlossen verteidigt hatte. Auch wenn die Verteidigung der Kernenergie nicht den Markenkern der CDU/CSU ausmacht, gehörte die Befürwortung der Kernenergie in den letzten Jahrzehnten immer zu ihrem inhaltlichen Profil. Vor der letzten Bundestagswahl stand die Verlängerung der Laufzeiten an der Spitze der Erwartungen, die die Bürger mit einem Regierungswechsel zu einer schwarz-gelben Koalition verbanden. Die Mehrheit der Bevölkerung hatte immer Sympathien für den Ausstiegsbeschluss der rot-grünen Koalition; gleichzeitig bezweifelte die Mehrheit jedoch bisher immer, dass er wie geplant verwirklicht würde. Während der Kontroverse um die Verlängerung der Laufzeiten im letzten Jahr ging die Unterstützung für die CDU/CSU zurück, während die Grünen deutlich zulegten. Nach dem Abschluss der Debatte und dem Beschluss über die Verlängerung legte die CDU/CSU wieder von 31 auf 37 Prozent zu, während sich die Unterstützung für die Grünen bis zu Fukushima kontinuierlich zurückbildete.

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