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Tschernobyl-Déjà-vu : Das Monster ist lebendig

  • -Aktualisiert am

Im Kontrollraum des zerstörten Reaktorblocks, Februar 2011 Bild: AFP

Anfang März besucht ein internationales Forscherteam die Gegend rund um Tschernobyl: um die Radioaktivität zu kontrollieren. Als sie zurück sind, explodieren die Reaktoren von Fukushima. Plötzlich ist alles wie vor 25 Jahren.

          6 Min.

          Umrisse eines blauen Holzhauses schimmern durch den dichten Birkenwald. Keine Straße, kein Weg, nicht einmal ein Pfad führt zu ihm. Vorsichtig schlängele ich mich zwischen den Bäumen hindurch zum Eingang. Ein kräftiger weißer Stamm steht mitten davor, wie Cherub vor dem Paradies. Nur einen winzigen Spalt breit kann ich die Tür öffnen, dann stößt sie mit leisem, dumpfen Ton an die Rinde.

          Diese Birke kann höchstens 24 Jahre alt sein, denn vor 25 Jahren gingen noch Menschen durch diese Tür in das blaue Haus, hier in der Zone, in Tscherewatsch, 19 Kilometer südlich von Tschernobyl. Es ist still hier. Es ist der 10. März 2011.

          Sechs Tage später, Berlin, 7:06 Uhr am Morgen. Bulldogge „Lotte“, der Star des Sat.1-Frühstücksfernsehens, springt auf das Moderatorensofa. Ich sitze mit einer etwas betroffen lächelnden Moderatorin daneben in der Studio-Kulisse. Sie fragt mich: „Was sagen Sie als Atom-Experte: Ist die Situation in Fukushima vergleichbar mit der in Tschernobyl?“ Die Kamera schwenkt auf mich, aber ich starre auf einen großen Bildschirm und sehe Live-Bilder des japanischen Senders NHK World: Ein Kraftwerksblock, zerborsten. Aufsteigender Rauch. Ein Chefingenieur mit hängendem Kopf. Männer in Schutzanzügen, die sich im Laufschritt von einem Gebäude zum anderen bewegen. Evakuierte mit großen Augen, in Bussen und Turnhallen. Hubschrauber, die Wasser abwerfen. Tschernobyl-Déjà-vu.

          Gebäudeinneres in einer Ortschaft nahe Tschernobyl
          Gebäudeinneres in einer Ortschaft nahe Tschernobyl : Bild: REUTERS

          Ein mächtiger Ofen, gemauert aus groben Steinen, weiß gekalkt. Ich lege meine Hand auf ihn. Seine Hitze fließt ganz langsam, aber tief in meinen Körper hinein. Oksana sitzt auf einer Kiste direkt neben dem Ofen und hält ihren kleinen Bruder Stasik auf dem Schoß. Der zappelt ein bisschen und bleibt doch gern in den Händen seiner großen Schwester. Oksana blickt irgendwo hin in die Ferne. Sie ist 13 Jahre alt und ist die große Schwester von Sanjara, Oleg und dem einjährigen Stasik. Auf meine Frage nach der Schule sagt sie, „Nein, da gehe ich nicht gerne hin.“ Ihre Tante erklärt, na ja, jetzt komme eben die Zeit, dass die Jungs sich nach Oksana umdrehen.

          Ein armseliger Ort an der Grenze zu Weißrussland

          Als ich Oksana nach ihrem Traumberuf frage, sagt sie sehr ernst, sie wolle Lehrerin werden, natürlich, wie die Mama. Ich lache ein wenig auf und frage ironisch: „Lehrerin werden? Weil du die Schule so sehr magst?“ Sie lächelt. So dachte ich zuerst. Nein, sie lächelt nicht. Sie blickt hinab auf Stasik und schweigt.

          Auf dem Tisch stehen Schüsseln mit heißem Borschtsch, daneben saure Sahne, selbstgebackenes Brot, Bliny und zwei Schälchen mit den Beeren, die man nur findet, wenn man heimlich über die nahe Grenze nach Belarus in die Sümpfe geht. Eine mit Blaubeeren, eine mit Moosbeeren. Ein reich gedeckter ukrainischer Tisch. Reich auch an Radionukleiden. Oksana putzt Stasik die Nase. „Alle Kinder hier sind oft krank, aber manche ganz besonders. Stasik ist ständig krank“, sagt Swetlana, die Krankenschwester des Dorfes. Stasik niest. Oksana streicht ihrem Bruder zart über das Haar. Jetzt lächelt sie ein wenig. Vielleicht.

          Wir sind im Dorf Drosdyn im Rowno-Gebiet, zweihundert Kilometer westlich von Tschernobyl. Ein armseliger Ort an der Grenze zu Weißrussland, nur auf holprigen Straßen zu erreichen. Achthundert Kinder besuchen Oksanas Schule, fünfzehn von ihnen sind anerkannte „Tschernobyl-Invaliden“ - Herzkrankheiten, Hepatitis und natürlich Krebs aller möglicher Arten. Viele andere leiden unter weniger schweren Erkrankungen, an Anämie, an „weichen Knochen“, klagen über ständige Kopfschmerzen und Konzentrationsschwächen oder haben einfach ein schwaches Immunsystem, so wie Stasik.

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