https://www.faz.net/-gpf-yvrv

Thorium-Reaktor in Hamm-Uentrop : Einmal Atomkraft und zurück

  • -Aktualisiert am

Der stillgelegte Reaktor in Hamm-Uentrop Bild: Daniel Pilar

Vieles sprach für den „Thorium-Hochtemperatur-Reaktor 300“, den Prototyp einer neuen Reaktorlinie, die als Trumpfkarte für die Zukunft galt. Er lieferte nur 423 Tage unter Volllast Strom. Übrig bleiben: die Akten, die Kosten und der Müll.

          7 Min.

          Bevor Andreas Reisch zum Kern seiner Arbeit vordringen kann, muss er immer erst Rücksprache halten. Wie schon seit 28 Jahren greift Reisch also zum Hörer eines wetterfesten, ziemlich klobigen Telefons, das wie aus der Zeit gefallen an der Außenwand des Reaktorhilfsanlagengebäudes hängt, und wählt die Nummer der Pforte des Kraftwerks Westfalen. Als die Verbindung steht, sagt er: „Wir gehen jetzt in Raum 159 rein.“ Der seit mehr als 20 Jahren stillgelegte Thorium-Hochtemperatur-Reaktor 300 (THTR) in Hamm-Uentrop ist noch immer gesichert wie eine Festung. „Sämtliche Türen sind öffnungsüberwacht. Nur mit der Rückmeldung kann der Pförtner erkennen, dass wir berechtigt sind, einzutreten“, sagt Reisch und schaltet den schrillen Signalton das erste Mal ab. Auch als der Ingenieur das Licht anknipst und dann auch noch den Aufzug aktiviert, schrillt es jeweils so lange, bis Reisch wieder bestätigt. Der 55 Jahre alte Reisch ist ein Fachmann des „Ausstiegs“. Die Überschrift seines beruflichen Werdegangs heißt: Einmal Atomkraft und zurück.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Der THTR 300 war der Prototyp einer neuen Reaktorlinie, die einmal als Trumpfkarte für die Zukunft galt. Der mit dem radiologisch nicht aktivierbaren Edelgas Helium gekühlte Reaktor brauchte keine Brennstäbe, sondern 675.000 tennisballgroße Brennstoffkugeln. Der THTR 300 hieß deswegen auch Kugelhaufenreaktor. Die Politik feierte ihn nicht nur deshalb als wahre Wundermaschine, weil die Zusammensetzung des Reaktorkerns so gewählt war, dass es allein schon aufgrund physikalischer Gesetze nicht zu einer Kernschmelze wie in Tschernobyl oder Fukushima kommen konnte. Als äußerst hilfreich erschien der sozialliberalen Bundesregierung während der ersten Ölpreiskrise sein technisches Potential.

          Als der THTR schließlich 1985 nach langen, durch erweiterte Sicherheitsanforderungen hervorgerufenen Verzögerungen offiziell in Betrieb genommen wurde, lobte auch der damalige Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber (CDU): „Über die reine Stromerzeugung hinaus können Hochtemperatur-Kernkraftwerke künftig Prozessdampf und Prozesswärme bis 900 Grad Celsius für viele Anwendungsmöglichkeiten bereitstellen, beispielsweise für Kohlevergasung, chemische Verfahren und Fernwärme.“ In Nordrhein-Westfalen pries die Regierung Rau den Kugelhaufenreaktor als „Meilenstein“. Die Kernenergie, so hofften die Sozialdemokraten, werde helfen, die heimische Kohle zu retten. K-und-K-Konzept hieß das damals. Die nordrhein-westfälische CDU glaubte selbstverständlich ebenfalls daran. Ein wesentliches Ziel sei „die Neu- und Weiterentwicklung von Kohleveredelungstechniken und damit eine langfristige Reduzierung von Energie-Importen“, äußerte der damalige nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Reimut Jochimsen (SPD). Auf insgesamt vier Milliarden Mark hatten sich die Kosten für den THTR 300 mittlerweile summiert. Das meiste hat die öffentliche Hand übernommen: Rund 63 Prozent trug der Bund, etwas mehr als elf Prozent das Land.

          Über allen Gipflen ist Ruh´: Abdeckhauben über den Dampferzeugern

          Die erste sich selbst erhaltende nukleare Kettenreaktion

          Ingenieur Reisch drückt den obersten Knopf der Steuerleiste. Ruckelnd setzt sich der Lastenaufzug in Bewegung. Es ist ein Modell aus dem Jahr 1970, denn mit dem Bau der Anlage war ja schon im Mai 1971 begonnen worden. Es war ein langer Weg durch die Instanzen, mit immer wieder neuen Auflagen und Umplanungen. Der Genehmigungsaufwand für den THTR 300 war etwa tausendmal höher als für den direkt neben ihm stehenden 300-Megawatt-Steinkohle-Block. Die Gesamtdokumentation des THTR füllt einen 600 Quadratmeter großen Raum. 22.000 Ordner sind mit Papieren gefüllt - darunter rund 200.000 Zeichnungen.

          Weitere Themen

          Ende mit Minimalbeschlüssen Video-Seite öffnen

          Klimagipfel in Madrid : Ende mit Minimalbeschlüssen

          Die UN-Klimakonferenz in Madrid ist nur mit Minimalbeschlüssen zuende gegangen. Die Delegierten aus fast 200 Ländern verständigten sich lediglich darauf, dass es eine Notwendigkeit gebe, die nationalen Klimaschutzziele anzuheben.

          Topmeldungen

          Bewegung in Italien : Sardinen wollen es mit Salvini aufnehmen

          Eine Großkundgebung in Rom ist der vorläufige Höhepunkt der Sardinen-Bewegung. Die italienischen Linken wollen den öffentlichen Raum und politischen Diskurs zurück. Lega-Chef Salvini hat die Herausforderung angenommen.
          Die Ziele der EZB sind umstritten.

          Debatte um Inflationsziel : Was die EZB wirklich antreibt

          Ist die Inflationsbekämpfung das einzig wahre Ziel der EZB oder gibt es noch andere implizite Absichten, die in Entscheidungen einfließen? Eine neue Studie stellt ein interessantes Experiment an.
          Die Eröffnung der Vogelfluglinie: Der dänische König Frederik IX. (links) und Bundespräsident Heinrich Lübke gehen im Mai 1963 im dänischen Hafen Rodbyhavn an Bord der Fähre.

          Von Hamburg nach Kopenhagen : Abschied von der Vogelfluglinie

          Die Zugfahrt von Hamburg nach Kopenhagen führte jahrzehntelang mit der Fähre über die Ostsee. Das war mal ein Verkehrsprojekt der Superlative. Nun ist die Verbindung über das Schiff Geschichte. Eine letzte Fahrt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.