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Thorium-Reaktor in Hamm-Uentrop : Einmal Atomkraft und zurück

  • -Aktualisiert am

Der stillgelegte Reaktor in Hamm-Uentrop Bild: Daniel Pilar

Vieles sprach für den „Thorium-Hochtemperatur-Reaktor 300“, den Prototyp einer neuen Reaktorlinie, die als Trumpfkarte für die Zukunft galt. Er lieferte nur 423 Tage unter Volllast Strom. Übrig bleiben: die Akten, die Kosten und der Müll.

          Bevor Andreas Reisch zum Kern seiner Arbeit vordringen kann, muss er immer erst Rücksprache halten. Wie schon seit 28 Jahren greift Reisch also zum Hörer eines wetterfesten, ziemlich klobigen Telefons, das wie aus der Zeit gefallen an der Außenwand des Reaktorhilfsanlagengebäudes hängt, und wählt die Nummer der Pforte des Kraftwerks Westfalen. Als die Verbindung steht, sagt er: „Wir gehen jetzt in Raum 159 rein.“ Der seit mehr als 20 Jahren stillgelegte Thorium-Hochtemperatur-Reaktor 300 (THTR) in Hamm-Uentrop ist noch immer gesichert wie eine Festung. „Sämtliche Türen sind öffnungsüberwacht. Nur mit der Rückmeldung kann der Pförtner erkennen, dass wir berechtigt sind, einzutreten“, sagt Reisch und schaltet den schrillen Signalton das erste Mal ab. Auch als der Ingenieur das Licht anknipst und dann auch noch den Aufzug aktiviert, schrillt es jeweils so lange, bis Reisch wieder bestätigt. Der 55 Jahre alte Reisch ist ein Fachmann des „Ausstiegs“. Die Überschrift seines beruflichen Werdegangs heißt: Einmal Atomkraft und zurück.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Der THTR 300 war der Prototyp einer neuen Reaktorlinie, die einmal als Trumpfkarte für die Zukunft galt. Der mit dem radiologisch nicht aktivierbaren Edelgas Helium gekühlte Reaktor brauchte keine Brennstäbe, sondern 675.000 tennisballgroße Brennstoffkugeln. Der THTR 300 hieß deswegen auch Kugelhaufenreaktor. Die Politik feierte ihn nicht nur deshalb als wahre Wundermaschine, weil die Zusammensetzung des Reaktorkerns so gewählt war, dass es allein schon aufgrund physikalischer Gesetze nicht zu einer Kernschmelze wie in Tschernobyl oder Fukushima kommen konnte. Als äußerst hilfreich erschien der sozialliberalen Bundesregierung während der ersten Ölpreiskrise sein technisches Potential.

          Als der THTR schließlich 1985 nach langen, durch erweiterte Sicherheitsanforderungen hervorgerufenen Verzögerungen offiziell in Betrieb genommen wurde, lobte auch der damalige Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber (CDU): „Über die reine Stromerzeugung hinaus können Hochtemperatur-Kernkraftwerke künftig Prozessdampf und Prozesswärme bis 900 Grad Celsius für viele Anwendungsmöglichkeiten bereitstellen, beispielsweise für Kohlevergasung, chemische Verfahren und Fernwärme.“ In Nordrhein-Westfalen pries die Regierung Rau den Kugelhaufenreaktor als „Meilenstein“. Die Kernenergie, so hofften die Sozialdemokraten, werde helfen, die heimische Kohle zu retten. K-und-K-Konzept hieß das damals. Die nordrhein-westfälische CDU glaubte selbstverständlich ebenfalls daran. Ein wesentliches Ziel sei „die Neu- und Weiterentwicklung von Kohleveredelungstechniken und damit eine langfristige Reduzierung von Energie-Importen“, äußerte der damalige nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Reimut Jochimsen (SPD). Auf insgesamt vier Milliarden Mark hatten sich die Kosten für den THTR 300 mittlerweile summiert. Das meiste hat die öffentliche Hand übernommen: Rund 63 Prozent trug der Bund, etwas mehr als elf Prozent das Land.

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          Ingenieur Reisch drückt den obersten Knopf der Steuerleiste. Ruckelnd setzt sich der Lastenaufzug in Bewegung. Es ist ein Modell aus dem Jahr 1970, denn mit dem Bau der Anlage war ja schon im Mai 1971 begonnen worden. Es war ein langer Weg durch die Instanzen, mit immer wieder neuen Auflagen und Umplanungen. Der Genehmigungsaufwand für den THTR 300 war etwa tausendmal höher als für den direkt neben ihm stehenden 300-Megawatt-Steinkohle-Block. Die Gesamtdokumentation des THTR füllt einen 600 Quadratmeter großen Raum. 22.000 Ordner sind mit Papieren gefüllt - darunter rund 200.000 Zeichnungen.

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