https://www.faz.net/-gpf-dci

Teuer und langwierig : Atomausstieg konkret

Bild: F.A.Z.

Wenn Deutschland die Atomkraft aufgibt, müssen alle Meiler abgebaut werden. Bis die erste Phase des eigentlichen Rückbaus beginnt, haben unendlich viele Gutachter besichtigt, gemessen, gerechnet, geplant. Das dauert - und kostet viele Milliarden.

          5 Min.

          „Es war der krönende Abschluss“, sagt Peter Klimmek nachdenklich. Er meint den Moment vor einem Jahr, als aus dem Kernkraftwerk Würgassen der letzte Teil des Reaktors abtransportiert wurde. „Das war ein historischer Tag“, sagt der Elektrotechniker. Aber große Freude schwingt in seiner Stimme nicht mit. Klimmek kennt das Kraftwerk in Ostwestfalen seit Jahrzehnten. Sein gesamtes Berufsleben ist mit der Geschichte des AKW Würgassen verbunden. Als er 1975 dort seine Arbeit aufnahm, war das Kraftwerk erst vier Jahre am Netz. Jetzt muss Klimmek als Kommunikationschef der Welt erklären, wie das AKW abgebaut wird. In vier Jahren wird alles vorbei sein.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wie in Würgassen könnte es demnächst auch in Biblis oder Neckarwestheim zugehen: Atomkraftwerke werden rückgebaut. Derzeit befinden sich in Deutschland 16 Kernkraftwerke in Stilllegung, drei sind schon ganz zurückgebaut. Dazu kommen etliche abgebaute Forschungsreaktoren. Doch der Rückbau großer Reaktoren ist noch kein Standardgeschäft in Deutschland, sondern ein Jahre währendes Hin und Her zwischen Betreibern und Behörden, Genehmigungen und Freigaben. Jedes Werk braucht ein eigenes Konzept. Es gibt zwar viel Einzelwissen, aber keine Blaupause. Entsprechend unsicher ist die Planung über Zeit und Kosten.

          Buchstäblich aus dem Leben gerissen

          In Würgassen war es ein Haarriss im Kernmantel im Inneren des Reaktors, der dem ersten rein kommerziellen Atomkraftwerk der Bundesrepublik den Garaus machte. Nicht etwa, weil der Riss irreparabel gewesen wäre, sondern weil Um- und Nachrüstungsmaßnahmen seine Wirtschaftlichkeit in Frage stellten. Aus und vorbei: Am 26. August 1994 wurde der Siedewasser-Reaktor der ersten Generation abgeschaltet und damit buchstäblich aus dem Leben gerissen. Es war ja noch voll funktionsfähig. Das ist bei Stilllegungen immer so, weil man Atomkraftwerke eben nicht auf Verschleiß fahren kann.

          Wesentlich höher sind die Kosten beim Rückbau des Kernkraftwerks in Greifswald-Lubmin. Gegner protestieren dort gegen den Castor-Transport
          Wesentlich höher sind die Kosten beim Rückbau des Kernkraftwerks in Greifswald-Lubmin. Gegner protestieren dort gegen den Castor-Transport : Bild: ZB

          Als erstes wird stillgelegten und für den Rückbau vorgesehenen Kraftwerken das Herz herausgeschnitten. So auch in Würgassen: Die hochradioaktiven Brennelemente wurden in die Wiederaufbereitungsanlage La Hague verfrachtet, wodurch sich das Inventar an Radioaktivität auf ein Hundertstel im Vergleich zum Leistungsbetrieb reduzierte. Allein das ist Schwerstarbeit. Und was danach kommt erst recht.

          Einen Kraftwerksrückbau erledigen die Betreiber nicht allein, sondern mit Hilfe von hochspezialisierten Fremdfirmen: Da reisen Strahlenschutzfachkräfte an, Beton- und Metallbauunternehmen, Transportfirmen. „Über all die Jahre haben in Würgassen zwischen 300 und 600 solcher Fachleute gleichzeitig am Rückbau gearbeitet“, erzählt Klimmek.

          Gemessen, gerechnet, geplant

          Weitere Themen

          Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt Video-Seite öffnen

          Heimatort der Großeltern : Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt

          Anfangs sahen die Einwohner von Kallstadt in Rheinland-Pfalz die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten mit großem Interesse, denn Trumps Vorfahren stammen aus dem Winzerdorf. Inzwischen scheint das Interesse allerdings erlahmt zu sein. Ein Stimmungsbild kurz vor der Präsidentenwahl Anfang November, bei der sich Trump zur Wiederwahl stellt.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson in 10 Downing Street

          Doch wieder Brexit-Gespräche : Sie verhandeln auf der roten Linie

          London und Brüssel verhandeln nun doch weiter über eine künftige Partnerschaft. Aber reichen drei Wochen mehr Zeit aus, um die Gräben zu überwinden? Fest steht: EU-Chefunterhändler Michel Barnier hat wenig Spielraum.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.