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Strom aus der Wüste : Desertec soll nicht sterben

Vorbild für Sawian: Das Solarkraftwerk Andasol 1 in Spanien Bild: dapd

Sawian heißt auf Arabisch Zusammenarbeit. Sawian steht auch für das erste Desertec-Kraftwerk in Marokko, das Wüstenstrom nach Europa bringen soll. Bevor 2016 der erste Ökostrom fließt, muss aber am Mittwoch ein Abkommen unterzeichnet werden.

          Im „Weltsaal“ des Auswärtigen Amtes wird es eng werden. Fast 600 Delegierte haben sich angemeldet, Politiker, Energieexperten und Vertreter aus der arabischen Welt, um dabei zu sein, wenn in Berlin drei Tage lang über das Jahrhundertprojekt Desertec debattiert wird. Bei den Debatten muss es drei Jahre nach Gründung der Wüstenstrom-Initiative nicht bleiben.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Marokko führen intensive Gespräche über ein gemeinsames Abkommen, das den Bau eines Solarkraftwerks in Marokko und den Stromimport nach Europa regeln soll. Das 600 Millionen Euro teure Vorhaben im marokkanischen Wüstenort Ouarzazate heißt „Sawian“, das arabische Wort für Zusammenarbeit. Sawian wäre das erste Referenzprojekt von Desertec, der größten Industrieinitiative aller Zeiten.

          van Son: Sawian ist der Durchbruch

          Für den Desertec-Chef Paul van Son ist Sawian gleichbedeutend mit dem Durchbruch. „Wir können Geschichte schreiben“, sagte van Son dieser Zeitung. „Es wäre das erste multilaterale Abkommen für erneuerbare Energien, am besten kommt es noch zu unserer Konferenz in Berlin.“ Noch muss van Son im Konjunktiv sprechen. Die Realisierung des Vorhabens, aus der Sahara sauberen Strom nach Europa zu holen, ist auch drei Jahre nach Gründung der Münchner Planungsgesellschaft Desertec Industrial Initiative (DII) nicht einfacher geworden.

          Hinter Desertec verbirgt sich die Vision, auf dem Gebiet der nordafrikanischen Staaten solarthermische Kraftwerke zu errichten, die 15 Prozent des europäischen Energiebedarfs decken sollen. Die Idee dazu hatte einst schon der Club of Rome, doch erst eine Gruppe von Fachleuten der Münchener Rück trat vor knapp vier Jahren an mehrere deutsche Großkonzerne heran, um die größte Einzelinitiative zur Bekämpfung des Klimawandels zu gründen. Auf 400 Milliarden Euro schätzt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) die binnen vier Jahrzehnten anfallenden Kosten.

          Solarindustrie steht Projekt nicht nur positiv gegenüber

          Mit dieser damals publizierten Zahl aus dem Jahr 2005 ist Desertec inzwischen eher unglücklich. Sie umfasst eine grob geschätzte Gesamtsumme von Investitionen - bei Desertec handele es sich aber nicht um ein einziges auf 40 Jahre angelegtes Großprojekt, konstatiert die Initiative. Und nicht nur wegen der schieren Summe gab und gibt es immer noch große Zweifel. So kamen bereits damals Fragen auf, wie der Strom aus Afrika in großem Maßstab nach Europa gelangen soll. Nötig dafür wäre der Bau von relativ teuren Hochspannungsleitungen. Schließlich äußerten Kritiker auch Sorgen über die problematische politische Lage im Norden Afrikas. Die Arabellion hat sie nicht leiser werden lassen.

          Auch die Solarindustrie steht einem Projekt wie Desertec nicht nur positiv gegenüber. Ein Kritikpunkt lautet, dass es eine zentrale Energieversorgung festige, anstatt die dezentrale Versorgung zu forcieren. Eine dezentrale sei jedoch schneller und billiger zu realisieren.

          Die Kosten von 400 Milliarden Euro bestätigen so manchen Kritiker

          Kontraproduktiv war auch der Ausstieg von Siemens aus der Planungsgesellschaft DII. Der Konzern hatte vor einer Woche seinen Rückzug aus dem Solargeschäft bekanntgegeben. Siemens war neben Finanz- und Industriekonzernen wie der Münchener Rück, der Deutschen Bank, ABB und Abengoa Solar einer von zwölf DII-Gründungsgesellschaftern. So ein Austritt schmerzt auch den DII-Geschäftsführer van Son. „Gesellschafter kommen und gehen vielleicht auch mal, die DII ist kein Closed Shop“, sagte der Holländer.

          Doch die DII und ihr Geschäftsführer sind in der glücklichen Lage, dass das Interesse an dem einzigartigen Solarstromprojekt ungebrochen ist. Mittlerweile wird dem chinesischen Stromkonzern State Grid Corporation of China (SGCC) ebenso ein Beitrittswunsch nachgesagt wie dem amerikanischen Solartechnikhersteller First Solar. Van Son kann es nur recht sein: „Mein Auftrag war von Anfang an, die deutsch geprägte DII zu internationalisieren. Alle Unternehmen, die unsere Mission stärken wollen, begrüße ich.“ Über den DII-Beitritt entscheiden die Gesellschafter mit Zwei-Drittel-Mehrheit. Nach dem Siemens-Austritt sind es noch 56 DII-Gesellschafter aus 16 Ländern, die für die rund 5 Millionen Euro jährlichen Kosten der 35-Mitarbeiter-Gesellschaft um van Son aufkommen.

          Es fehlen nur noch die Unterschriften

          Sie alle eint der Gedanke, eines Tages ordentlich zu verdienen am Wüstenstrom, sei es am Bau der Anlage, an der Durchleitung des Stroms oder an der Finanzierung der Projekte. Keines ist so weit vorangeschritten wie Sawian in Marokko. Schon in gut einem Jahr könnte es in Ouarzazate zum Spatenstich für ein Sonnenkraftwerk mit einer Leistung von 150 Megawatt kommen, zwei Jahre später würde dann der Ökostrom von Marokko nach Spanien fließen. Zwei Leitungen durch die Meerenge von Gibraltar existieren schon, weil bisher Strom von Spanien nach Marokko transportiert wird.

          Geplant sind um Sawian herum noch weitere solarthermische Kraftwerke mit 250 Megawatt. Der Essener Stromversorger RWE will zudem eine Photovoltaikanlage und einen Windkraftpark mit jeweils 50 Megawatt bauen. Auch die Finanzierung des ersten Desertec-Projekts ist in den Grundzügen geklärt. Unter dem multilateralen Abkommen fehlen eigentlich nur noch die Unterschriften der Fachministerien der fünf Regierungen.

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