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Steigende EEG-Umlage : Die Industrie macht ihren Strom selbst

Doch was sich für die Unternehmen rechnet, schafft an anderer Stelle Probleme. Denn je mehr Verbraucher sich dank des Eigenstromprivilegs aus der Finanzierung der erneuerbaren Energien und der Netzinfrastruktur verabschieden, desto höher werden die Stromrechnungen für die verbleibenden Verbraucher. „Setzt sich der Trend fort, zahlen Mieter und Hartz IV-Empfänger, die Strom nicht selbst produzieren können, am Ende mehr“, sagt Forscher Erdmann. Energieversorger beklagen eine „Entsolidarisierung“.

Ein Ende des Trends ist nicht in Sicht, prognostiziert Energiefachmann Erdmann, es handle sich um einen „selbstverstärkenden Prozess“. Denn wenn die Netzentgelte und die EEG-Umlage durch die Selbstversorgung steigen, dann wächst wiederum der Anreiz, sich durch eigne Solaranlagen und Windräder von diesen Kosten zu befreien. Verbraucherschützer warnen schon jetzt vor Mehrbelastungen für Haushalte. „Wir fordern, dass im nächsten Jahr eine Reform der Netzentgelte auf den Weg gebracht wird“, sagt Holger Krawinkel, der im Verbraucherzentrale Bundesverband den Bereich Energie leitet. Damit die Kosten für die Netzinfrastruktur gerechter auf alle Stromverbraucher verteilt wird, sollten die Nutzungsentgelte künftig in Form einer „Flatrate“ bezahlt werden. Bislang werden die Netzentgelte zumindest im Niedrigspannungsbereich je bezogener Kilowattstunde berechnet, wovon Eigenversorger profitieren. Krawinkel fordert, dass stattdessen schon für die Netzanbindung zu zahlen ist, also für eine bestimmte Netzleistung, auf die auch Eigenversorger angewiesen sind. „Das wäre zumindest ein erster Schritt“, sagt Krawinkel.

Vor ernsthafte Herausforderungen stellt die Entwicklung die Energieversorger. „Ihnen geht ein Teil ihres Geschäfts verloren“, sagt Forscher Erdmann. Anschaulich wird das in Aalen, der baden-württembergischen Stadt mit rund 66.000 Einwohnern. In der Kommune, in der viele Industriebetriebe angesiedelt sind, betrug der Anteil des Eigenstromverbrauchs nach Angaben der Stadtwerke schon im Jahr 2008 rund 35 Prozent. „In den vergangenen fünf Jahren ist der Anteil auf etwa 50 Prozent gestiegen“, sagt der Geschäftsführer der Stadtwerke Cordt Müller. Da müsse man sich natürlich überlegen, wie neue Geschäftsmodelle aussehen können. „Eine Lösung besteht für uns darin, für Unternehmen, die sich eine Anlage zur Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) anschaffen, zum Dienstleister zu werden“, sagt Müller.

Weil den Unternehmen die Expertise fehle, übernehmen die Stadtwerke die Aufgabe, die Anlagen zu steuern, zu bilanzieren und den Strom abzurechnen. „So können wir den wegfallenden Stromabsatz kompensieren“, sagt der Geschäftsführer. Bei Photovoltaikanlagen, die deutlich weniger Verwaltungs- und Steuerungsaufwand als KWK-Anlagen verursachen, besteht die Möglichkeit jedoch nicht. Die Netzentgelte haben die Aalener trotz der Entwicklung bislang nicht erhöht. Bei anderen Versorgern, die zuletzt massiv in größere Kraftwerke investiert haben, sind die Probleme größer, sagt Müller. Anders als viele Kollegen ist er dagegen, das Eigenstromprivileg zu kappen: „Grundsätzlich ist es ja im Sinne der Energiewende, wenn Strom dezentral erzeugt wird“.

Für die Geschäfte der Übertragungsnetzbetreiber wie 50 Hertz und Amprion hat die vermehrte Eigenerzeugung bislang nur geringe Auswirkungen. Sie errechnen ihren Finanzbedarf, der von der Bundesnetzagentur geprüft wird, unabhängig davon, wie die Kosten auf die Verbraucher verteilt werden. „Natürlich haben auch wir kein Interesse daran, dass die Strompreise weiter steigen“, sagte ein Amprion-Sprecher, „langfristig gibt es da Reformbedarf.“

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