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Siemens und die Kernkraft : Was bedeutet KWU?

2013 soll der modernste Reaktor der Welt im finnischen Ort Olkiluoto ans Netz gehen Bild: AFP

Das Wissen über die Atomenergie war in der Kraftwerksparte von Siemens einzigartig, aber politisch wertlos. Denn der Konzern hatte mit einigen Problemen zu kämpfen. Nun, nach Fukushima, könnte Siemens endgültig aussteigen.

          Zunächst habe ich nicht einmal gewusst, was das Kürzel bedeutet“, erinnert sich der ehemalige Siemens-Vorstandsvorsitzende Heinrich von Pierer in seiner Autobiographie. Dabei sollte das Kürzel später sein Berufsleben bestimmen – und zu einem der wichtigsten Standbeine von Siemens überhaupt werden. Das Kürzel, um das es geht, lautet KWU. Es stand für „Kraftwerk Union“.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Mit dem Unternehmen verband sich die Hoffnung auf eine glänzende Zukunft der Energieerzeugung im allgemeinen und der friedlichen Nutzung der Atomenergie im besonderen. Es war erst kurz vor Pierers Eintritt in den Siemens-Konzern im Jahr 1969 entstanden, als Zusammenschluss der Kraftwerksbereiche von Siemens und AEG. Bis dahin hatte AEG, basierend auf der Technik des amerikanischen Konzerns General Electric, Siedewasserreaktoren und Siemens, ursprünglich in Lizenz des ebenfalls amerikanischen Konzerns Westinghouse, Druckwasserreaktoren gebaut. Danach sollten das Unternehmen und seine Nachfolger beide Technologien im Angebot haben – bis zum heutigen Tag.

          Die ersten Kernkraftwerke der KWU entstanden in Deutschland. Aber frühzeitig begann Siemens auch mit der Errichtung eines Kernkraftwerks im Ausland – in diesem Fall in Argentinien. Weitere sollten folgen, bis hin zu einem spektakulären Projekt im Iran. In Deutschland wurden die Reaktoren Obrigheim, Stade, Biblis A, Brunsbüttel, Philippsburg 1, Unterweser, Neckar 1, Isar 1 und Krümmel gebaut. Es war ein regelrechter Boom.

          In Finnland wird ein Atomreaktor des Typs EPR gebaut

          Schon 1978 waren Siemens-Gelder blockiert

          Das sollte bis 1979 in diesem Tempo weitergehen. Dann kam Harrisburg. Der Unfall im Kernkraftwerk „Three Mile Island“ – und die Katastrophe in Tschernobyl sieben Jahre später – hatten für die friedliche Nutzung der Kernenergie verheerende Folgen. „Ein lapidarer Hinweis, ohne Kernenergie gingen in Deutschland die Lichter aus, vermochte danach niemanden mehr zu überzeugen“, muss auch Pierer feststellen.

          Die KWU, bis dahin einer der erfolgreichsten und renommiertesten Kraftwerksbauer der Welt, litt unter den Diskussionen enorm. Der damalige KWU-Vorstandsvorsitzende Klaus Barthelt eilte von Podium zu Podium. Aber auch die beste Argumentation reichte nicht mehr: Die Proteste gegen den Bau des Kernkraftwerks Brokdorf 1976, den „Schnellen Brüter“ in Kalkar 1977 und die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf 1986 nahmen einen bürgerkriegsähnlichen Charakter an, der in der Generation der heute gut 40-jährigen Erinnerungen an das erste bewusste Wahrnehmen von Fernsehnachrichten weckt.

          Wahr ist wohl auch, dass das Wissen von KWU noch in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einzigartig war. Man kann behaupten, dass auf der Welt nach wie vor kein moderneres Kraftwerk betrieben wird als die drei Druckwasserreaktoren in Ohu an der Isar, in Lingen im Emsland und in Neckarwestheim. Aber schon 1978 – und damit sogar noch ein Jahr vor Harrisburg – waren von einem Auftragsvolumen von 14 Milliarden Mark im Inland allein 7,5 Milliarden Mark durch Gerichtsbeschlüsse und behördliche Entscheidungen blockiert. In der Bundesrepublik gab es auch keine neuen Kernkraftwerksaufträge mehr, was wiederum das Geschäft im Ausland nicht gerade beflügelte.

          Kein Austritt von Radioaktivität bei Kernschmelze

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