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Nach Fukushima : Abschaffung der Komfortzone

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Der GAU in Japan hat für den Augenblick auch die Gewissheit kontaminiert, in der besten aller denkbaren Welten zu leben, in einer Welt des unaufhörlichen Fortschritts, die sich selbst von den Zwängen der Natur und damit der Endlichkeit befreit hatte. Dass ein Land fast ohne Rohstoffe die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt sein kann, schien uns ja schon lange nicht mehr als Absurdität, sondern als eine Selbstverständlichkeit. Im Augenblick des Desasters blitzt schlaglichtartig auf, dass so etwas wohl nur auf kurze Sicht möglich ist. Auch die Kernenergie entbindet nicht von der trivialen Tatsache, dass die Grundlage des Überlebens immer die Beziehung von Mensch und Umwelt ist.

          Der Traum der Moderne war es, sich vollständig von der Natur zu emanzipieren, aber das ganze artifizielle Zeug, all der Kunststoff, der Atommüll und die erdbebensichere Infrastruktur, hat in Japan jetzt den Gesamtzustand eines gigantischen Fallouts angenommen; eine verneinende Masse, die alle zivilisatorische Anstrengung lässig unter sich begräbt und Tod, Krankheit, Verwüstung, Depression und Vergeblichkeit zurücklässt.

          Schiffbruch mit Zuschauer

          Man weiß noch nicht, was daraus wird: ob sich die katastrophenroutinierten Japaner auch daraus wieder hervorrappeln oder ob Millionen von ihnen fortan dazu verdammt sind, in jener „Zone“ zu leben, aus der, weil alles verstrahlt ist, keiner mehr heraus- und keiner hineinkommt. Diese Vorstellung ist literarisch und filmisch oft vorgedacht worden, und dass Japan eine Insel ist, macht die Übersetzung der nuklearen Apokalypse in die Wirklichkeit nur einfacher: Die Verschonten in den anderen Ländern und Kontinenten können mit Schauer zusehen, was dort geschieht, und brauchen weder erhöhte Radioaktivität zu fürchten noch die Ankunft gefährlich verstrahlter ungebetener Gäste.

          Eine reale Dystopie. Ich bin in den vergangenen Tagen oft gefragt worden, ob ich glaube, dass nun endlich der Punkt erreicht sei, an dem die Menschen aufhören, an die Versprechen des unaufhörlich wachsenden Wohlstands zu glauben, den Preis für dieses Versprechen zu hoch finden und umkehren zu einem anderen, vielleicht nicht ganz so bequemen und fremdversorgten Lebensstil. Ich glaube das nicht, leider.

          Und zwar deswegen, weil das hier der zweite GAU war und schon der erste nichts verändert hatte, weil die Sogwirkung eines Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells, das die unablässige Steigerung von Glück durch die unablässige Ausweitung der Konsumzone anbietet, so stark ist, dass sich ihr kaum noch jemand entziehen mag.

          Logik der bedauernswerten Ausnahme

          Das Setzen auf Kernkraft ist ja nur ein Symptom für den prinzipiell unstillbaren Energiehunger dieses Gesellschaftsmodells; die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko im vergangenen Jahr, heute schon vergessen, ein anderes; alle anderen Desaster, die das Prinzip der haltlosen Ressourcenübernutzung anrichtet, kann man gar nicht aufzählen. Und die Ingenieure, Techniker, Wirtschaftspolitiker und Vorstände von Energieunternehmen liefern in ihrer atemberaubenden Phantasielosigkeit die immer gleiche Mitteilung, dass es sich bei all dem erstens um bedauernswerte Ausnahmen handele, die zweitens hier nicht vorkommen könnten, und dass drittens sowieso alles alternativlos sei, weil man ja nicht zurück in die Steinzeit oder ohne Lichter blabla...

          Warum kann das alles immer wieder gesagt werden, ohne dass die Mehrheit der Bevölkerungen endlich ihr Einverständnis damit aufkündigt und zu Protest, Umkehr, Veränderung nicht nur aufruft, sondern diese auch praktiziert? Weil man mit unserer Leitkultur der Verschwendung und Verantwortungslosigkeit immer schon einverstanden ist, wenn man morgens mit dem Auto zur Arbeit fährt, sich am Wochenende in der Wellnessoase langweilt oder sich in den Flieger nach irgendwo quetscht, um an irgendeiner anderen Stelle des Planeten sinnlose Dinge zu tun.

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