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Nach dem Moratorium : Deutschland importiert mehr Atomstrom

  • -Aktualisiert am

Statt aus Biblis kommt der Strom jetzt häufiger zum Beispiel aus Frankreich Bild: REUTERS

Sieben Gigawatt Leistung sind Deutschland nach dem vorläufigen Abschalten alter Kernkraftwerke verloren gegangen. Daher hat sich die Menge an Importstrom aus Frankreich und Tschechien verdoppelt.

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          Das vorläufige Abschalten der sieben älteren deutschen Kernkraftwerke hat zu einem Ausfall von 7 Gigawatt Kraftwerksleistung geführt. Daher hat sich die Menge an Importstrom aus Frankreich und Tschechien verdoppelt. Das hat Hildegard Müller, die Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Energiewirtschaftsverbands BDEW, auf der Industriemesse in Hannover berichtet.

          Seitdem sei am Terminmarkt der Großhandelspreis für Strom sowohl für 2011 als auch für das nächste Jahr um 12 Prozent gestiegen. Auch die Preise für die CO2-Zertifikate hätten um 10 Prozent zugelegt. Die Politik dürfe daher nicht nur über erneuerbare Energien und Kernkraft diskutieren, sondern müsse auch die verstärkte Nutzung von konventionellen Kraftwerken im Blick haben, forderte sie. „Es ist viel zu einfach zu sagen, sieben Atomkraftwerke wurden abgeschaltet, es ging ja“, betonte sie.

          Nach Ansicht der Energiefachleute des Maschinenbauverbands VDMA ist die Bedeutung der sieben Kraftwerke aber weit geringer als angenommen. In Deutschland gebe es Kraftwerkskapazitäten von insgesamt 165 Gigawatt, gebraucht werden unter Maximallast aber nur 85 Megawatt, sagte Thorsten Herdan, der Energiepolitische Sprecher des VDMA. Zudem seien 13 Gigawatt an neuen Kohlekraftwerken schon gebaut. „Wir haben kein Kapazitätsproblem sondern ein Speicherproblem“, sagte er. Das Hauptaugenmerk der Bemühungen sollte sich daher auf den Ausbau der Stromtrassen und der Speichermöglichkeiten richten - eine Aufforderung, der sich alle anderen großen Industrieverbände anschlossen.

          „Diskussion ist zu stark auf Stromerzeugung ausgerichtet“

          Nach Ansicht von Friedhelm Loh, Präsident des Zentralverbandes der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), kann Deutschland 20 bis 30 Prozent seines Strombedarfs durch den Einsatz energieeffizienterer Techniken einsparen. „Die Diskussion in Deutschland ist zu stark auf die Stromerzeugung ausgerichtet und dreht sich zu wenig um das Stromsparen und den effizienteren Einsatz von Strom“, sagte Loh.

          Die Industrie sei heute in der Lage, die Fragen nach einem geringeren Energieeinsatz sowohl technisch als auch wirtschaftlich befriedigend zu beantworten. Auch wenn dies in manchen Bereichen hohe Investitionen erfordere - ein Privathaus auf intelligente Stromnetze umzustellen koste 50.000 Euro - so sei sie doch bezahlbar und über die Lebenszeit der Anlage wirtschaftlich vorteilhaft. Die BDEW-Chefin Müller warnte dagegen vor überzogenen Erwartungen. Durch energieeffiziente Maßnahmen lasse sich Strom einsparen, „aber der Verbrauch wird weniger absinken, als politisch erhofft“, sagte sie.

          Der Elektrotechnik-Verband VDE geht davon aus, dass die Stromnetze für mindestens 10 Milliarden Euro in den kommenden Jahren ausgebaut werden müssen. Das entspräche 3600 Kilometer neuer Fernleitung. Im Verteilernetz vor Ort müssten noch einmal 13 bis 21 Milliarden Euro investiert werden, um die Netze auf sogenannte „smart grids“ (Intelligente Netze) aufzurüsten, die den Stromverbrauch effizient steuern können. Eine größere Bedeutung werde der Energiespeicherung zukommen, um Stromspitzen beispielsweise der Windenergie ausgleichen zu können, sagte VDE-Vizepräsident Joachim Schneider.

          Industrie mit Anteil von 46 Prozent größter Stromverbraucher

          Nach Ansicht der Forscher der Fraunhofer Gesellschaft ist die vollständige Umstellung auf regenerative Energiequellen bis 2050 möglich, wenn alle technologischen Potentiale ausgenutzt werden. Ein solcher Umbau würde jährlich über einen Zeitraum von 15 Jahren Zusatzkosten von 15 Milliarden Euro verursachen, danach würde aber jährlich ein Vielfaches davon eingespart - bis zu 100 Milliarden Euro im Jahr 2050, erklärte Jürgen Schmid, der Leiter des Kasseler Fraunhofer-Instituts Iwes.

          Im vergangenen Jahr wurde in Deutschland aufgrund des Wirtschaftswachstums und vieler kalter Wochen wieder deutlich mehr Strom und Gas verbraucht. Wie der BDEW berichtete, erhöhte sich der Stromverbrauch um knapp 4 Prozent auf 530 Milliarden Kilowattstunden. Der Verbrauch von Erdgas legte um gut 4 Prozent auf 942 Milliarden Kilowattstunden zu. Die Industrie stellte mit einem Anteil 46 Prozent den größten Stromverbraucher.

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