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Modernes Antiquariat : Spaemanns Nein-danke

Robert Spaemann Bild: ©Helmut Fricke

Die vom Kanzleramt eingesetzte „Ethikkommission“ zur Energiewende wird an einem Aufsatz nicht vorbei kommen: „Technische Eingriffe in die Natur als Problem der politischen Ethik“. Er stammt von Robert Spaemann aus dem Jahr 1979. Der Philosoph beeinflusste damit unter anderem die katholische Kirche in Deutschland, die neuerdings als Kronzeuge gegen die Atomkraft ins Feld geführt wird.

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          Um einen gesellschaftlichen Konsens gegen die Atomkraft herbeizuführen, berufen sich (katholische) Politiker dieser Tage gerne auf Kardinal Höffner, den früheren Erzbischof von Köln. Schon Höffner habe 1980 auf die ungeheuren Risiken der Atomenergie, auf die unabschätzbaren Folgen für kommende Generationen hingewiesen, sagte der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Marx, in der „Rheinischen Post“. Es sei deshalb schon lange die Meinung der Mehrheit in der Kirche, aus dieser Form der Energiegewinnung auszusteigen. Auch Bundesumweltminister Röttgen (CDU) beruft sich auf Kardinal Höffner, um den Ausstieg aus der Atomkraft zu begründen.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Höffner hatte im Eröffnungvortrag vor der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im September 1980 über „Mensch und Natur im technischen Zeitalter“ den Bau von Kernkraftwerken abgelehnt. Es genüge nicht, sagte Höffner damals, dass Fachleute die Zweifel an der Sicherheit von Kernkraftwerken dadurch zu entkräften suchten, dass sie Unfälle nur für unwahrscheinlich erklärten. Sie müssten sie ausschließen können. Denn die Folgen eines Atomunfalls seien ungeheuerlich.

          Die Risiken der Atomkraft, sagte Höffner, unterschieden sich grundlegend von den Risiken herkömmlicher Technik. „Wollte man alle Risiken ausschließen, müßte man die Autos, Treppen, Leitern, Sägen und Messer verbieten. Die von einer entfesselten Atomenergie ausgehenden Gefahren sind jedoch wegen ihrer Schrecklichkeit und wegen ihrer viele Generationen schädigenden Auswirkungen von qualitativ besonderer Art.“

          Die Wissenschaft müsse deshalb „mit Sicherheit“ Explosionen, Strahlenschäden und sonstige Katastrophen ausschließen. Das könne sie aber nicht. Sie könne solche Folgen nur für unwahrscheinlich erklären. Das genüge nicht.

          Höffner beruft sich an dieser zentralen Stelle auf den Philosophen Robert Spaemann: Zurecht habe Robert Spaemann zum Hinweis auf die Unwahrscheinlichkeit möglicher Katastrophenm bemerkt: „Eben dieses Argument aber zählt nicht.“

          Spaemann hatte ein Jahr zuvor in der Zeitschrift „Scheidewege“ einen Grundsatzartikel über „Technische Eingriffe in die Natur als Problem der politischen Ethik“ veröffentlicht. Daraus stammt der Satz, den Höffner zitiert. Der Aufsatz wurde ein halbes Jahr nach dem Atomunfall im Reaktor von Three Mile Island veröffentlicht. Spaemann stellt darin Kriterien für die Zumutbarkeit der Risiken moderner Technologien auf und formuliert die Grenzen einer funktionalistischen Naturbeherrschung.

          Spaemann kommt darin zu dem Schluss, dass es einen Besitz gebe, der jenem der Freiheit vorausliege: die Integrität der Natur, in deren ökologischer Nische Leben und Freiheit überhaupt erst möglich seien. Wer diesen Besitz antasten wolle, müsse begründen, warum der Eingriff harmlos und notwendig sei - auch und vor allem für künftige Generationen. Der Beweis für die Notwendigkeit und Harmlosigkeit sei aber erst erbracht, wenn kein Fachmann widerspreche.

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