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Modernes Antiquariat : Das ganz normale Fukushima

Fukushima Bild: Reuters

Fünf Jahre nach dem Unfall im Atomkraftwerk von Three Mile Island 1979 veröffentlichte der amerikanische Soziologe Charles Perrow sein Buch „ Normal Accidents: Living With High Risk Technologies“. Wenige Jahre später - kurz nach der Katastrophe von Tschernobyl - erschien das Standardwerk der Risikogesellschaft 1987 auch auf Deutsch.

          Es muss nicht immer ein Tsunami sein. Es reicht ein versehentlich beim Putzen betätigter Hebel, ein liegengebliebener Schraubenzieher, ein Stück Blech auf der Landebahn oder eine defekte Glühbirne - und die Katastrophe ist nicht aufzuhalten. Es kommt nur auf die Komplexität und auf die Kopplung der Systeme an. Das ist, grob vereinfacht, die Urthese in Charles Perrows Krisen- und Organisationssoziologie, mit der er die Risiken der Hochtechnologie erklärt - und Methoden zur Eindämmung dieser Risiken. Fünf Jahre nach dem Atomunfall von Harrisburg, an dessen Untersuchung Perrow beteiligt war, legte er seine Erkenntnisse in einem visionären Buch vor.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Perrow macht darin nicht allein die Technik für die Risiken verantwortlich. Die Frage, ob eine Technik absolut sicher sei, stellt sich ihm nur in einer Welt ohne Menschen oder in einer Welt ohne Technik. Technik und Mensch verschmelzen bei Perrow zur sozialen Organisation. Ein Zurück aus der Hochtechnologie gibt es für Perrow nicht - auch das wäre schließlich eine (soziale) Katastrophe. Auf ideologische Kämpfe ließ sich Perrow in seinem Buch deshalb gar nicht erst ein.

          Die Kombination von Technik und Mensch bedeutet für Perrow eine hohe oder niedrige Wahrscheinlichkeit für Unfälle - nur eines ist sicher: Unfälle. Lineare Systeme haben eine niedrige Anfälligkeit - hier folgt eines aus dem anderen, ist also leicht überschaubar, deshalb leicht zu kontrollieren, Unfälle sind also so gut wie auszuschließen, also unnormal. Komplexe System jedoch entziehen sich direktem Einfluss und reagieren anders. Je komplexer die Technik, desto indirekter die Kontrolle, desto anfälliger für Unfälle - das führt zur paradoxen Feststellung, dass Fehler gerade dann „normal“ sind.

          Angesichts von Unfällen mit katastrophalen Folgen oder alltäglichen Beinahe-Katastrophen und angesichts der Versicherung, das habe niemand vorhersehen können, ging es Perrow in seinen Fallstudien deshalb um die Berechenbarkeit und die Beherrschbarkeit dieser komplexen Technik. Der Mensch, nicht die Technik, ist für Perrow der Schwachpunkt, besser gesagt: der unsichere Kantonist, dem durch zwei Phänomene ständige Überforderung droht: Komplexität und Kopplung. Besonders dann, wenn beides sich in einer Art Eigenleben gegen den Menschen verschwört.

          Unter enger Kopplung (im Unterschied zur losen Kopplung) versteht Perrow technische Systeme, die mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen, die sehr schnell ablaufen, die sich nicht so einfach stoppen oder ausschalten oder isolieren lassen. Eine Ursache hat damit mehrere Folgen und Wechselwirkungen gleichzeitig, deren Verkettung hat wiederum soundsoviele Folgen gleichzeitig, und so weiter - enge Kopplung führt somit zum Unvorhersehbaren, sowohl für die Konstrukteure und Ingenieure wie für das Bedienungspersonal, die Operateure. Enge Kopplung ist aber für bestimmte Technologien unabdingbar.

          Komplexität kann solche Risiken minimieren - oder auch erst schaffen und maximieren. Automatisierung, Digitalisierung, Puffer oder Notabschaltung - je komplexer die Technik, desto geringer die Flexibilität, die Übersicht und die Möglichkeiten, Risiken einzuschätzen und anhand dessen einzugreifen. Komplexität ist aber der Weg, den der Mensch gehen muss, um Technik den Bedürfnissen einer komplizierteren Welt anzupassen.

          Wenn Komplexität und Kopplung überhand nehmen

          Perrow beschreibt damit aber keinen Teufelskreis, auch wenn die Betonung im Untertitel auf den „unvermeidbaren“ Folgen unserer Technik liegt. Er beschreibt Beispiele aus der Petrochemie und aus der Luft- und Raumfahrt, wo es gelungen ist, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen. Doch im Vergleich von allen möglichen und unmöglichen Techniken und Unfällen - in Chemiefabriken, Staudämmen, Raumgleitern, in der Genforschung, in der Kuba-Krise oder mit der Atomkraft - schneiden bei Perrow nukleare Waffen und die Kernkraft am schwächsten ab. Kopplung und Komplexität sind nach Ansicht von Perrow in der Kerntechnik so hochgradig, dass eine Abwägung von Kosten und Nutzen für den Verzicht auf diese schlichtweg unwägbare Technik spricht.

          Im Amerikanischen erschien das Buch unter dem Titel „normale Unfälle“. Im Deutschen wurden daraus „normale Katastrophen“ - Tschernobyl dürfte dafür ein Grund gewesen sein, aber auch die Rezeption des Buches, die nicht Machbarkeit, sondern Machbarkeitswahn, nicht die Möglichkeiten zum Risikomanagement sehen wollte, sondern eine ins Apokalyptische stilisierte Überforderung des Menschen durch eine immer kompliziertere Technik.

          Perrows Buch markiert aber nicht nur die Geburtsstunde der NAT, der pessimistischen „Normal-Accident-Theory“, sondern auch der konkurrierenden optimistischen „HRT“, der „High-Reliability-Theory“. Jene erklärt, warum es immer wieder zu Unfällen und Katastrophen kommen muss, diese, warum der Mensch sich per Organisation so anpassen kann, dass solche Desaster in der Praxis vermeidbar sind. Die HRT nimmt dabei Ideen und Vorschläge auf, die von der NAT empfohlen werden. Sie lauten verkürzt: nur so viel Komplexität wie nötig, so viel Dezentralisierung und Flexibilität wie möglich. Sowohl die eine wie die andere Theorie hatten Auswirkungen insbesondere auf Steuerung und Management von Kernkraftwerken, von Flugzeugträgern, von Chemieunternehmen oder Feuerwehren.

          Bislang ist es allerdings nicht gelungen, die Theorie zu widerlegen - also Unfälle mit unvorhersehbaren Folgen auszuschließen. Charles Perrows Unfall- und Katastrophensoziologie von 1984 fand deshalb 2007 eine Fortsetzung, in denen er die Terroranschläge vom 11. September sowie die Katastrophe verarbeitet, die der Hurrikan „Katrina“ in New Orleans anrichtete. Der Titel des Buches: „The Next Catastrophe“.

          Charles Perrow: Normale Katastrophen. Die unvermeidbaren Folgen der Großtechnik. Neuausgabe. Campus Verlag, April 1989, 448 Seiten, 19,90 Euro

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