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Kommentar zum Atomausstieg : Die Schweizer Energiewende

  • -Aktualisiert am

Atomkraftgegener vor dem Kernkraftwerk Leibstadt Bild: dapd

Auch die Schweiz will raus aus der Kernenergie. Nach Österreich und Deutschland ist die Palette der Absagen an die Kernenergie im deutschsprachigen Europa jetzt vollständig. Da drängt sich die Frage auf, ob hinter der Anti-Atom-Hysterie nicht ein Kulturphänomen steht.

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          Fukushima lässt Niemanden kalt. Im deutschsprachigen Europa ist die Palette der Absagen an die Nutzung der Kernenergie jetzt vollständig: Die Österreicher haben der Atomkraft seit langem abgeschworen. In Deutschland hat sich die CSU jetzt auf das Ausstiegsjahr 2022 festgelegt und dafür schon einmal Beifall der Kanzlerin erhalten. Und in der Schweiz hat die Regierung nun ebenfalls ihr Ausstiegsszenario vorgestellt. Sie lehnt die Schnellabschaltungen der Deutschen im Sog der Panikattacken nach Fukushima ab. In der Schweiz soll der Atomschalter in mehreren Stufen umgelegt werden. Dies bedeutet je nach Kernkraftwerk ein Betriebsende zwischen 2019 und 2034. Auf feste Daten will sich die Regierung in Bern nicht festlegen. Je nach Sicherheit der Anlagen könne die Laufzeit kürzer oder länger sein.

          Gleichwohl ist klar: Die Schweiz will raus aus der Kernenergie. Die Regierung reitet auf einer Welle öffentlicher Unterstützung, die gegenüber den neunziger Jahren noch an Kraft gewonnen haben dürfte. Damals stimmten die Schweizer unter dem Eindruck von Tschernobyl 1990 für einen zehnjährigen Baustopp. Das geplante Kraftwerk in Kaiseraugst kam nie zustande.

          Aber die Lage in Mitteleuropa stimmt nicht froh. Vergleicht man die Anti-Atom-Hysterie in den deutschsprachigen Ländern etwa mit der Nonchalance, mit der das Thema in Frankreich behandelt wird, drängt sich die Frage auf, ob dahinter nicht ein Kulturphänomen steht. Dies ist auch in der Schweiz zu beobachten. Die öffentliche Debatte findet überwiegend in der Deutschschweiz statt.

          Bild: FAZ.NET

          Der Hinweis darauf, dass dort auch die Atomkraftwerke stehen, trägt angesichts der weitreichenden Folgen von Nuklearkatastrophen nicht weit. Warum die Atom-Aversion gerade in den deutschsprachigen Ländern? Ist es das ausgeprägte Sicherheitsdenken, das in Deutschland auch die Sozialstaatsdebatte durchzieht?

          Gerade die Schweiz liefert schlagkräftige Beweise dafür, dass der Wunsch nach einer „Energiewende“ selbst bürgerliche Schichten ergriffen hat. Größter politischer Aufsteiger unter den Parteien sind die Grünliberalen. Sie sind so liberal-konservativ wie die eidgenössische FDP. Nur die Gegnerschaft zur Kernenergie verschafft ihr ein eigenständiges Profil.

          Mit Ausnahme der nationalkonservativen SVP haben alle Parteien die Witterung aufgenommen. Alle streben aus der öffentlichen Tabuzone namens Pro Atom. Das kommt nicht ganz überraschend, im Oktober finden Parlamentswahlen statt und die große Debatte über die Details der künftigen Energiepolitik ohne Atom beginnt erst. Entsprechend wollen die Grünen ihre Initiative für eine Volksabstimmung über einen raschen Ausstieg ungeachtet der neuen Regierungslinie vorantreiben.

          Atomkraftwerke tragen knapp 40 Prozent zur Schweizer Stromerzeugung bei

          Der Plan der Regierung, den Abschied von der Kernkraft sehr zu strecken und flexibel zu halten, ist klug. Atomkraftwerke sichern in der Schweiz einen wesentlichen Teil der Energieversorgung. Die fünf Reaktoren tragen knapp 40 Prozent zur Stromerzeugung bei. Sie sollen ersetzt werden durch einen Ausbau der Wasserkraft, durch Pumpspeicherkraftwerke und die Nutzung von Wind und Sonne, zudem will man Energie einsparen. Mit der Wasserkraft, die 56 Prozent der Stromversorgung trägt, greifen die Schweizer zwar schon in hohem Maße auf erneuerbare Energien zurück. Aber Windkraft und Sonnenenergie tragen erst weniger als ein Prozent bei.

          Der beste Aspekt der Schweizer Energiewende besteht darin, dass er den Zwang zum Finden neuer Technologien erhöht, ohne dass der bestehende Energiemix zu schnell aufgegeben wird. Zugleich sagt die Regierung den Bürgern, dass sie für Energie künftig deutlich mehr bezahlen müssen. Allein der Atomausstieg schlägt mit 15 Prozent Preiserhöhung zu Buche. Über die volkswirtschaftlichen Kosten des Umsteuerns lässt die Regierung die Bevölkerung aber weithin im Dunkeln. Auch das Ziel, die Energienachfrage zu stabilisieren, wirft Fragen auf, wenn man weiß, dass nach bisherigem Stand der Stromverbrauch in der Schweiz bis 2050 um die Hälfte wachsen wird. Die großen Stolpersteine bleiben zudem außen vor, etwa der mögliche Rückgriff auf Gaskraftwerke. Sie würden das Kohlendioxidziel der Schweiz gefährden und Widerstände an den geplanten Standorten hervorrufen. Schon jetzt zeigt sich die Widersprüchlichkeit der Anti-Atom-Bewegten darin, dass die Einsprüche gegen größere Wasser- und Windkraftprojekte nicht zurückgezogen werden.

          Der Abschied der Schweiz und anderer Staaten aus der Kernenergie wird den Rest der Welt nur in Maßen beeindrucken. Dies gilt selbst für Europa, wo allein in der EU 143 Reaktoren in Betrieb sind. Die Schwellenländer werden kaum auf den Atomstrom verzichten wollen und können. Zur Zeit haben 1,4 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Elektrizität. Wenn nichts geschieht, könnten es infolge des Bevölkerungswachstums 2050 rund 3,5 Milliarden sein. Die aufstrebenden Länder werden die Atom-Technologie weiter entwickeln. Das bleibt nicht ohne Folgen. Wenn die Verweigerer angesichts unerwünschter Wirkungen des Atomausstiegs später einmal umdenken sollten, werden sie die Technologie wohl importieren müssen.

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