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Kommentar zum Atomausstieg : Das Energiequartett wird noch gebraucht

  • -Aktualisiert am

Deutschlands Atomkraftwerke werden nach und nach abgeschaltet: Das ändert das Geschäft der Betreiber Bild: dpa

Der Atomausstieg kommt. Eon und RWE müssen wohl ihre Gewinnziele um bis zu einer Milliarde Euro reduzieren. Doch Mitleid ist fehl am Platz: Der Umstieg ins Ökostromzeitalter eröffnet den Versorgern Chancen.

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          In außergewöhnlichem Tempo schickt die Bundesregierung den Gesetzeskomplex zur Energiewende nun auf den Weg durch die Parlamente. Erste Lesung ist an diesem Donnerstag, die Verabschiedung schon Anfang Juli. Das Tempo hat das große Lager der Kernkraftkritiker in Politik und Gesellschaft besänftigt. Zwar wird über den nun bis zum Jahr 2022 geplanten Ausstieg aus der Atomkraft mancherorts noch gemurrt: zu langsam, zu vage oder zu wenig ambitioniert. Aber in einem sind sich Atomkraftgegner einig: Endlich werden die großen Stromkonzerne von der Politik an die Kandare genommen und richtig vorgeführt.

          Für solche Häme ist der Kernenergieausstieg freilich viel zu ernst. Denn die von Bundeskanzlerin Angela Merkel als eine riesige Chance für die künftigen Generationen propagierte Energiewende ist hinsichtlich der Folgen für die deutsche Volkswirtschaft zunächst einmal eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Die Sicherheit der Stromversorgung, die Stabilität der Netze, die von der Energiewende verursachten Kostensteigerungen und deren Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit der stromintensiven Industrieunternehmen – das alles birgt erhebliche Risiken.

          Zunächst sind Eon, RWE, ENBW und Vattenfall in der Tat die großen Verlierer. Ihnen wird Vermögen entzogen und die Ertragskraft erheblich geschmälert. Man muss diese Kernkraftwerksbetreiber nicht gern haben. Aber man sollte ihre Rolle in der Elektrizitätsversorgung verstehen. Der deutsche Strommarkt ist für die Volkswirtschaft so unverzichtbar wie der Blutkreislauf im menschlichen Körper. Die vier größten Stromproduzenten sind die Aorta des Industriestaates, die zwar Eingriffe verträgt, aber tunlichst nicht durchtrennt werden sollte.

          RWE-Chef Jürgen Grossmann

          Die Bundesregierung behauptet, der Ausstiegfahrplan berge für die den Produzenten von Atomstrom keinen unzulässigen Nachteil und sei rechtssicher. Dagegen gibt es Hochrechnungen, die den Nachteil aus entgehender Atomstromproduktion auf mehr oder weniger 20 Milliarden Euro beziffern. Mit Sicherheit wird sich das Bundesverfassungsgericht mit dem Streitpunkt befassen, ob die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima hierzulande die Verringerung der im Atomgesetz vorgesehenen Produktion rechtfertigt.

          Einschnitte der Gewinnziele um jeweils bis zu einer Milliarde Euro

          Ein zweiter Rechtsstreit ist durch die geplante Beibehaltung der Brennelementesteuer programmiert, die dem Staat jährlich bis zu 1,5 Milliarden Euro einbringen soll. Es gibt im europäischen und deutschen Recht aussichtsreiche Ansätze für eine Beschwerde gegen diese Verbrauchsteuer, die eher eine Ertragsteuer ist, weil sie nicht auf die Endverbraucher überwälzbar ist.

          Erst einmal muss das Atomstrom-Quartett nun die betriebswirtschaftlichen Folgen des plötzlichen Kernenergieausstiegs analysieren, ehe den Eigentümern neue Ergebnisprognosen vorgelegt werden können. Eon und RWE werden ihre Jahrespläne im August präsentieren. Marktbeobachter erwarten Einschnitte bei den ohnehin in diesem Jahr reduzierten Gewinnzielen um jeweils bis zu einer Milliarde Euro.

          An den Börsen wurde diese Ertragsschwäche schon berücksichtigt. Seit Anfang März haben die Aktien von RWE und Eon mehr als 20 Prozent ihres Wertes verloren. Der Börsenwert des Düsseldorfer Energiekonzerns ist seit Ende 2007 um 60 Milliarden Euro auf weniger als 40 Milliarden Euro abgeschmolzen.

          Das wird den vier großen Stromproduzenten zugute kommen

          So bieten die beiden größten Stromproduzenten als internationale Publikumsgesellschaften gegenwärtig ein jämmerliches Bild. Aber ebenso wenig wie Schadenfreude ist Mitleid angebracht. Für die Verwirklichung des mit dem Atomausstieg verbundenen Umbaus des Kraftwerkparks sind die vier Kernkraftwerksbetreiber unverzichtbar. Parallel zu der im Atomausstieg vorgesehenen Verdopplung des Anteils von Ökostrom benötigt Deutschland zum Ausgleich der entfallenden Kernenergie mindestens 10000 Megawatt zusätzliche Kraftwerkskapazität. Nach Branchenerhebungen wird jedoch derzeit bei Berücksichtigung der Abschaltungen von Altanlage nur die Hälfte davon zugebaut, und zwar überwiegend von RWE, Eon, Vattenfall und ENBW. Von den 900 Stadtwerken im Lande sind nur wenige so finanzstark, dass sie über die Ökostrominvestitionen hinaus durch Großprojekte zum Füllen dieses Loches beitragen könnten.

          Die großen Produzenten dürfen also hoffen, dass sich die Erträge wieder stabilisieren. Weil Atomstrom durch Elektrizität aus Kohle- und Gaskraftwerken ersetzt werden muss, verschieben sich die Grenzkosten und damit die Großhandelspreise nach oben. Das bringt auch die Anlagen der Stadtwerke wieder ins Geschäft zurück und sorgt für ein breiteres Angebot. Es wird aber vor allem den vier großen Stromproduzenten mit ihren vielen neuen Anlagen zugute kommen.

          So viele Unbekannte es in der Gleichung für den Atomausstieg auch gibt: Sicher ist, dass Deutschland das Ökostromzeitalter ohne die ungeliebten Großproduzenten nie erreichen kann.

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