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Klaus Traube im Porträt : Der erste Aussteiger

  • -Aktualisiert am

„Auch in Deutschland hätte es schon mehrfach einen Super-GAU geben können”: Klaus Traube Bild: Andreas Pein

Bis heute beschimpfen ihn die Manager der Nuklearbranche als Verräter. Schon lange vor Tschernobyl wurde Klaus Traube vom Atom-Manager zum Atom-Gegner. Nach den Ereignissen in Japan fühlt er sich auf dramatische Weise bestätigt.

          Es ist eine ruhige Ecke am Taunushang, in die sich der 83 Jahre alte Klaus Traube für den Lebensabend zurückgezogen hat. Seit einigen Tagen ist es jedoch vorbei mit der Beschaulichkeit im Oberurseler Wald, bei Traube klingelt dauernd das Telefon. Die atomare Katastrophe in Fukushima reaktiviert auch die Leitung zu Traube, dem alten Kämpen der Anti-Atom-Bewegung, von dem man lange nichts mehr gehört hat und dessen Bücher nur noch antiquarisch zu haben sind (“Nach dem Super-GAU“, „Plutonium-Wirtschaft“).

          Traube, gerade zurück von einer Urlaubsreise, klagt nicht über das ungewohnte Telefongeklingel, obwohl es ihn gelegentlich nervös macht und zudem die Beschwerden des Alters dabei spürbarer werden. „Das sind aufregende Zeiten,“ sagt er, „ da kann man jetzt nicht stillsitzen.“ Sagt's, packt den Laptop in den Rollkoffer und fährt nach Berlin, um der erhofften Energiewende näher zu sein.

          Der alte Kämpfer ist nicht allein deshalb so elektrisiert, weil er sich an frühere politische Schlachten um die Kernkraft erinnert. Seit Fukushima sieht sich Traube auch erneut auf dramatische Weise in seinen Warnungen bestätigt. Diese Großtechnik, so schrieb er schon lange vor der Katastrophe in Tschernobyl 1986, sei zu riskant für den niemals fehlerfreien Menschen. „Man kann sich auch in den besten Sicherheitsszenarien letztlich nicht all das ausdenken, was irgendwann passieren kann.“

          „Es hätte überall passieren können“

          Ist Traube überrascht, dass die Katastrophe jetzt selbst einer Hightech-Nation wie Japan widerfährt? „Es hätte überall passieren können“, antwortet er. „Die partielle Kernschmelze 1979 im Kraftwerk Three-Mile-Island geschah ja auch im Hightech-Land Amerika. Auch in Deutschland hätte es schon mehrfach einen Super-GAU geben können, wenn bei den diversen Zwischenfällen zusätzlich wichtige Sicherheitssysteme ausgefallen wären.“

          Traube scheut die Pose des Unheilpropheten, der sich jetzt auf so fatale Weise bestätigt fühlt. Diese Form der Eitelkeit erlaubt er sich nicht. Man spürt aber in jedem Satz das Selbstbewusstsein des ersten, prominenten Atom-Aussteigers. Traube ist sogar mehr - er ist ein Renegat, ein Abtrünniger. Er wurde vom Saulus zum Paulus, vom Atom-Manager zum Atom-Kritiker. Dieser Seitenwechsel wuchs sich sogar zu einem veritablen politischen Skandal aus. Wegen eines „Lauschangriffs“ auf Traube durch den Verfassungsschutz musste später der Bundesinnenminister zurücktreten.

          Weil der „Fall Traube“ schon zur Zeitgeschichte der Bonner Republik gehört, kann man allein mit der Nennung dieses Namens herausfinden, zu welcher Generation jemand gehört. Die Jungen kennen den Mann und seine Bedeutung nicht mehr, für sie ist er kein prominenter Öko. Das verwundert nicht. Traube war nie ein wortgewaltiger Prediger wider den Atom-Wahn, sondern blieb immer ein Techniker, der rational argumentierte und auch nicht so süffig schreiben konnte.

          „Ich war derjenige, der die Belege lieferte“

          Für die Älteren, vor allem für die Achtundsechziger Generation, war der Sozialdemokrat Traube, der 1972 aus Sympathie für Willy Brandt der Partei beitrat, dagegen eine Symbolfigur, ein Kronzeuge ihres Atom-Protestes. Er avancierte für die Linken und Grün-Alternativen auch deshalb zu einer Autorität, weil er ein Überläufer war, die Front gewechselt hatte. „Wer von der Gegenseite kommt, der ist immer interessant“, sagt Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe.

          „Ich war derjenige, der die Belege für die Kritiker lieferte“, sagt Traube. Das ist natürlich Koketterie. Er war mehr als ein technischer Experte, er hatte in der Frühzeit der Anti-AKW-Bewegung fast ein Informationsmonopol, denn es gab damals noch nicht die NGOs mit ihren Energie-Experten, wie sie heute etwa das Öko-Institut, Greenpeace oder WWF aufbieten können.

          Nach der ersten Ölkrise 1973, als man den erpresserischen Scheichs mit vielen neuen Atom-Meilern entkommen wollte, begannen die teils gewalttätigen Demonstrationen in Wyhl bei Freiburg (1975), in Brokdorf (1976) und vor dem „Schnellen Brüter“ in Kalkar (1977). Als die ersten Demos begannen, war Traube noch ein atomarer Apologet. Das waren damals allerdings die meisten Deutschen - und zwar von links bis rechts. Die zivile Nutzung der Kernenergie galt als Zukunftstechnologie, die Entfesselung der Produktivkräfte verlangten damals auch noch die Sozialdemokraten, wie man in ihrem Godesberger Programm nachlesen kann.

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