https://www.faz.net/-gpf-yile

Klaus Traube im Porträt : Der erste Aussteiger

  • -Aktualisiert am

Und plötzlich ist Traubes Karriere vorbei

Traube, der in Braunschweig Maschinenbau studiert und in München über Thermodynamik promoviert hatte, heuerte 1959 bei der Atomindustrie an. Damals hatten Reaktoren noch eine große Anziehungskraft auf junge, talentierte Menschen. Traube machte schnell Karriere, war erst in der Nuklear-Sparte von AEG/Telefunken tätig und ging dann zu General Dynamics nach San Diego (Kalifornien). 1970 wurde er Chef der Siemens-Tochtergesellschaft Interatom, die den Schnellen Brüter in Kalkar entwickelte. Der Brüter sollte eine Art energetisches Perpetuum mobile werden, einen kostengünstigen atomaren Brennstoff-Kreislauf ermöglichen.

Ein Jahr nach Wyhl (1976) war Traubes Karriere plötzlich vorbei; Siemens trennte sich vom Interatom-Manager. Erst später wurden vom „Spiegel“ die Hintergründe aufgedeckt. Der Verfassungsschutz hatte Büro und Wohnung von Traube verwanzt für eine Lauschaktion, weil man ihn verdächtigte, Kontakt zu Terroristen der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) zu haben und diese mit spaltbarem Material zu versorgen. Für Traube endete die Affäre mit einem Freispruch Erster Klasse, doch Innenminister Werner Maihofer (FDP) musste gehen.

Dass man Traube im Verdacht hatte, lag einerseits an einer Freundin, die mit dem späteren RAF-Terroristen Hans-Joachim Klein bekannt war. Es lag aber auch daran, dass der Techniker Traube schon damals ein intellektueller Bohemien war, der einen für die siebziger Jahre recht unkonventionellen Lebensstil führte. Das irritierte wohl die Schlapphüte.

„Ich war reif für den Ausstieg“

Die Lauschaffäre erleichterte den Atom-Ausstieg, doch warum wechselte er eigentlich die Seite? Lag es am neuen Zeitgeist, an der Anti-AKW-Bewegung? Traube nennt zwei Gründe: Erstens den Bericht des „Club of Rome“, der 1972 nicht nur Zweifel an der Kernenergie, sondern am gesamten Fortschrittsoptimismus des Westens säte und die Öko-Bewegung beflügelte. Der zweite Grund sei ein ökonomischer gewesen, versichert er. „Ich habe als Atom-Manager gesehen, wie die Kosten der Kernenergie aus dem Ruder liefen, und dass die Risiken unkontrollierbar blieben. Ich war reif für den Ausstieg.“

Traube stieg nicht nur aus, er wurde zum Zivilisationskritiker, schrieb das Buch „Wachstum oder Askese“ und veröffentlichte 1981 mit dem Politologen und ehemaligen Jungsozialisten Johano Strasser ein Werk über die „Krise des Industrialismus“. War Traube der Zauberlehrling, der die auch von ihm geweckten atomaren Geister mit dem Gestus des Romantikers bannen musste? „Ich bin nicht gegen die Technik“, beteuert er heute, „ein dicht bevölkertes Land wie Deutschland braucht sie.“ Wenn er die Technik kritisiere, dann oft als Kulturkritiker. Kaffee im Pappbecher ist für ihn Kulturverfall, wenn jemanden mit 200 über die Autobahn rase, dann sei das „widerwärtig“. Traube selbst fährt einen Fiat Panda.

„Er hat Einfluss auf die Partei gehabt“

Warum wurde er nicht zum Grünen wie so viele Atom-Gegner? „Ich wurde von ihnen umworben, bin auch mit einer Grünen verheiratet, doch ich wollte nicht wechseln, denn in der SPD konnte ich mehr bewirken.“ Erhard Eppler, ökologischer Vordenker der Partei, bestätigt, dass Traube bis zum rot-grünen Ausstiegsbeschluss im Jahr 2000 eine wichtige Rolle spielte. „Er hat Einfluss auf die Partei gehabt, weil er mit seinen Fachkenntnissen eine Autorität war.“ Eppler sagt, dass er sich mit Traube auch persönlich sehr gut verstanden habe. „Wir formulierten schon Ende der siebziger Jahre gemeinsam einen Beschluss über den Atom-Ausstieg in der SPD Baden-Württembergs.“

Dennoch: In der Industrie und bei etlichen Politikern hat Traube weiterhin das Odium des Renegaten. Als er vor zwei Jahren auf Initiative des Bundes für Umwelt und Naturschutz das Bundesverdienstkreuz erhielt, war es eine kleine und karge Zeremonie im Büro des damaligen Umwelt-Staatssekretärs Matthias Machnig (SPD). Und wenn Traube seine Apotheke aufsucht, die von der Tochter eines ehemaligen AEG-Managers geführt wird, dann bekommt er zu hören: „In den Augen meines Vaters sind Sie weiterhin ein Verräter“. Traube erzählt diese Anekdote gerne, denn sie hat eine schöne Pointe: Die Tochter des Managers ist eine Umweltbewegte - also auch eine Abtrünnige.

Klaus Traube wurde 1928 als Sohn eines jüdischen Zahnarztes in Hannover geboren. Der Vater nahm sich 1936 wegen der Nazis das Leben. Traube musste kurz vor Kriegsende in ein Arbeitslager für „jüdische Mischlinge“. Er studierte Maschinenbau in Braunschweig und promovierte in München in Thermodynamik. 1959 begann seine Karriere in der Atomindustrie.

Von 1972 an entwickelte er den Schnellen Brüter in Kalkar. 1976 wurde er entlassen. Ursache war ein „Lauschangriff“ des Verfassungsschutzes. Man verdächtigte ihn, RAF-Terroristen atomares Material zu beschaffen. Traube wurde freigesprochen, Innenminister Werner Maihofer (FDP) musste gehen. Traube arbeitete danach als Professor in Bremen, wurde Berater von Umweltorganisationen und ist Vizepräsident eines Verbandes, der die Kraft-Wärme-Kopplung propagiert. Er lebt in Oberursel. In Frankfurt stand er früher auf Theaterbühnen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Posse um Trainer Marco Rose : Gladbacher Machtspiel mit verbohrten Fans

Ein Teil der Anhänger veranstaltet ein ziemlich merkwürdiges Schauspiel, seit der Abgang von Marco Rose feststeht. Die Fans entziehen dem Team ihre Liebe und dringen auf eine Entlassung des Trainers.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.