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Kernkraftkritiker der ersten Stunde : Einer steht im Weg

  • -Aktualisiert am

Holger Strohm im Garten seines Hauses in Sao Teotonio. Bild: Foto Daniel Pilar

Holger Strohm war der erste Kritiker der Atomindustrie in Deutschland. Seine Bücher haben viele gelesen. Heute lebt er vergessen in Portugal. Porträt eines Dissidenten.

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          Man könnte ihn sich gut als älteren Herrn in einem Beirat der Heinrich Böll Stiftung vorstellen. Als ökologisches Gewissen der Grünen. Oder in einer der reichlich sprießenden Vorfeldorganisationen des ökologischen Denkens in Deutschland, von Greenpeace bis zum BUND. Holger Strohm war in den frühen siebziger Jahren der erste ernstzunehmende Kritiker der Atomindustrie in Deutschland. Aber er spielt heute weder bei den Grünen noch in den zum Establishment aufgestiegenen diversen Öko-Verbänden eine Rolle. Er ist versunken in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte, während es viele seiner ehemaligen Weggefährten geschafft haben. Sie haben erfolgreich den Außenseiter-Status abgelegt, wurden Minister in Bund und Ländern. Einer von ihnen wird jetzt Ministerpräsident in Stuttgart. Derweil sitzt Holger Strohm in seinem Haus im Süden Portugals.

          Er lebt dort seit Mitte der achtziger Jahre die längste Zeit des Jahres. Es ist eine Anlage mit mehreren Gebäuden, wo außer ihm noch eine deutsche Freundin mit ihrem portugiesischen Lebensgefährten wohnt. Wie so viele in dieser Zeit versuchte er ein alternatives Lebensmodell zu verwirklichen. Er pflanzte Bäume, legte einen Teich an und installierte auf dem Dach eine Solaranlage. Die quakenden Frösche und zirpenden Grillen vermitteln nachts einen pittoresken Eindruck. Mit Subventionen aus Brüssel hat allerdings in Strohms Nachbarschaft ein großflächiger Obst- und Gemüseanbau Einzug gehalten, mit seinen Schattenseiten wie dem Einsatz miserabel bezahlter thailändischer Gastarbeiter. Der Süden Portugals als das Armenhaus Westeuropas ist kein Rückzugsgebiet mehr für Zivilisationskritiker wie noch vor zwanzig Jahren. Man findet dort an fast jeder Ecke die Filialen deutscher Einzelhandels-Discounter.

          Ein erfolgreicher Autor

          Holger Strohm sieht man seine neunundsechzig Jahre nicht an. Er habe gute Gene, sagt er, viele seiner Familienangehörigen hätten ein hohes Alter erreicht. Er trägt eine unauffällige, fast randlose Brille, legere Freizeitkleidung. Die Attribute der modernen Wohlstandsgesellschaft bedeuten ihm nichts. Er will die Menschen überzeugen. "Ich bin an der Sache orientiert", sagt er.

          1973 veröffentlichte Holger Strohm sein Buch "Friedlich in die Katastrophe", in dem er vor den Gefahren der Kernkraft warnte. Es bedeutete einen "erheblichen Niveausprung in der bundesdeutschen Kernkraft-Kritik", wie der Bielefelder Historiker Joachim Radkau sagte. Jetzt ereignet sich in Fukushima, wovor Strohm seit bald vierzig Jahren warnt - aber niemand fragt nach seiner Meinung. Was ist passiert mit dem Mann, der allein beim Frankfurter Verlag Zweitausendeins mit seinen bisweilen voluminösen Sachbüchern 640 000 Bücher verkauft hat - und von dem die meisten seiner ehemaligen Leser heute wohl nichts mehr wissen wollen?

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