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Kernkraftdebatte : Abschaltorder für Atommeiler treibt Strompreise

  • -Aktualisiert am

Geht für immer vom Netz: Das Atomkraftwerk Neckarwestheim 1 in Baden-Württemberg Bild: dpa

Die Bundesregierung kündigt ein Moratorium der Laufzeitverlängerung an, schaltet Atomkraftwerke ab und führt die Atomdebatte neu. Das hat jetzt schon Wirkung auf die Preise an der Strombörse. Gerät nun die Versorgungssicherheit in Gefahr?

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          Die von der Bundesregierung angekündigte Abschaltung sieben älterer Kernkraftwerke bis Mitte Juni führt voraussichtlich nicht zu Engpässen in der Stromversorgung, kann aber höhere Kosten für Verbraucher und Wirtschaft bedeuten. An der Strombörse (EEX) zogen die Preise am Mittwoch an. Für Lieferungen im zweiten Quartal, in dem die Anlagen stillstehen, um 9 auf 61 Euro; für Lieferungen 2012 um 3 Euro je Megawattstunde (MWh) auf 58 Euro.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Auf die Haushalte wird sich das nicht direkt auswirken, weil die meisten Versorger sich langfristig zu festen Preisen eindecken. Die auf Energie spezialisierte Beratungsgesellschaft Prognos erwartet Mehrkosten für Endkunden von 0,3 bis 0,4 Cent die Kilowattstunde. Der Branchenverband BDWE erwartet höhere Gaspreise, wenn mehr Gas für die Stromversorgung genutzt werde.

          Brüderle: „Stromversorgung bleibt gewährleistet“

          Die Kernkraftwerke sollen für die Dauer der von der Regierung veranlassten Überprüfung „vorübergehend“ vom Netz genommen werden. Fraglich ist, ob es dabei bleibt: Der Atommeiler Neckarwestheim 1 wird nach Worten des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) „dauerhaft abgeschaltet und stillgelegt“. RWE teilte mit, „kurzfristig“ den Meiler Biblis A abzuschalten.

          Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) betonte, die Stromversorgung bleibe gewährleistet. Zuvor hatte er mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU), dem Umweltminister und den Ministerpräsidenten der Länder beraten, in denen Atomkraftwerke stehen. Dabei war festgelegt worden, die vorübergehende Abschaltung jener sieben Atomanlagen bis zum 15. Juni anzuordnen, die vor 1980 ans Netz gingen.

          Kohlendioxidemissionen könnten steigen

          BDI-Präsident Hans-Peter Keitel nannte die Entscheidung gegenüber der F.A.Z. „verkraftbar“ (BDI-Chef Keitel: „Das ist für die Stromversorgung verkraftbar“). Nach Auffassung des Chefs der halbstaatlichen Deutschen Netzagentur Dena, Stephan Kohler, gefährdet die Abschaltung die Versorgungssicherheit nicht. Die bliebe gewährleistet, gingen die Kraftwerke mit einer Leistung von 7100 Megawatt (MW) ganz vom Netz. Das seien 3600 MW mehr, als nach dem rot-grünen Ausstiegsbeschluss aus 2000 in diesem Jahr abgeschaltet worden wären. Allerdings erfordere dies den Neubau von 12 000 MW Kohle- und Gaskraftwerken, auch müsse der schleppende Ausbau des Stromnetzes beschleunigt werden, um die Klimaziele bis 2020 zu erreichen. Kurzfristig würden vermehrt alte Kohlekraftwerke aus der Reserve benötigt, was die Kosten- und Klimabilanz verschlechtern würde. Prognos kalkuliert mit zusätzlichen Emissionen von bis zu 35 Millionen Tonnen Kohlendioxid.

          Bundesumweltamt und das Ökoinstitut hatten argumentiert, Kernkraftwerke könnten ohne Risiko für die Versorgungssicherheit abgeschaltet werden, die Umstellung auf Erneuerbare Energien sei möglich.In Deutschland waren 2010 nach BDEW-Angaben Kraftwerke mit einer Leistung von 165 859 Megawatt (MW) installiert. Das ist mehr, als notwendig ist, um den Spitzenbedarf von 90 000 MW (im Krisenjahr 2009 nur 73 000 MW) im Winter zu decken. Die geringste Nachfrage gibt es mit 30 000 bis 35 000 Megawatt an ruhigen Sommertagen.

          Nur ein Teil der installierten Leistung steht zur Verfügung

          Allerdings steht nur ein Teil der installierten Leistung zur Verfügung. Das gilt vor allem für die schnell wachsenden Anteile von Strom aus Wind und Photovoltaik, die sich (mit Wasser) auf 53 000 MW summierten. Auf Steinkohle entfiel mit 28 000 MW die größte installierte Leistung, vor Erdgas (26 500 MW) sowie Atom und Braunkohle (je knapp 20 000 MW) und Öl und Pumpspeicherwerken (18 200 MW). Die relativ preiswerten Braunkohle- und Atomkraftwerke erzeugen allerdings im Dauerbetrieb mehr Strom. Gehen sie vom Netz, müssen teurere Kraftwerke angefahren werden. Kohlekraftwerke brauchen dann zusätzliche Zertifikate für Kohlendioxidemissionen, deren Preis wiederum mit der Nachfrage steigt. BDEW-Chefin Hildegard Müller wies darauf hin, dass das Abschalten der Atomkraftwerke regionale Übertragungsnetze vor Probleme stellen könnte.

          Zusätzliche Stromimporte würden durch die Abschaltung nicht notwendig, sagt Kohler. Laut Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen führte Deutschland 2010 aus den beiden Atomstrom-Ländern Frankreich und Tschechien zwar netto 23 Millionen MWh ein, gleichwohl unter dem Strich 17 Millionen MWh mehr aus. Allerdings handle es sich zum großen Teil nicht um Handelsgeschäfte sondern „um Transitmengen und Ringflüsse“.

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