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Im Winter Stromlücke möglich : Netzagentur: Alte AKW als Sicherheitsreserve

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„Liebe Leute, Ihr könnt das so oder so entscheiden, aber Ihr müsst wissen, was Ihr da tut.”: Matthias Kurth, der Präsident der Bundesnetzagentur, über die bevorstehende Entscheidung der Regierung, die ältesten Kernkraftwerke endgültig vom Netz zu nehmen. Bild: dpa

Die Bundesnetzagentur warnt davor, dass das Stromnetz im Winter durch die Abschaltung der sieben älteren Atomkraftwerke in eine kritische Lage geraten könnte. Notfalls müssten Meiler wieder aufgeschaltet werden.

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          In Wernigerode im Harz haben sich heute die Umweltminister von Bund und Ländern dafür ausgesprochen, die sieben ältere Atomkraftwerke in Deutschland nicht wieder ans Netz zu nehmen. Mit dem bevorstehenden Aus für die älteren Kernkraftwerke könnte aber das Stromnetz in Süddeutschland in diesem Winter in eine kritische Lage geraten. Wenn die Sonne nicht scheine, kein Wind blase und auch noch die belastete Nord-Südleitung ausfalle, würden an einem kalten Wintertag Kapazitäten in einer Größenordnung von rund 1000 Megawatt fehlen, sagte zuvor der Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, in Bonn.

          Deshalb wäre es klug, sich für einen solchen Notfall die Option zu erhalten, Kernkraftwerke aus dem Moratorium wieder aufschalten zu können. Andernfalls sei nicht auszuschließen, dass die Netzbetreiber dann gezielt einzelne Großverbraucher vom Netz nehmen müssten.

          Die Gefahr wird auch von den Ländern gesehen: Auf der Umweltkonferenz in Wernigerode haben die Länder zwar einstimmig dafür plädiert, die älteren Meiler nicht wieder ans Netz zu lassen; es gibt aber laut Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) als Einschränkung Protokollnotizen aus mehreren Ländern, etwa zur sicheren Energieversorgung. Über den Inhalt machte er keine genaueren Angaben. Nicht einigen konnten sich die Minister auf ein konkretes Datum für den endgültigen Atomausstieg. Laut Röttgen waren unter anderem die Jahre 2017 und 2022 im Gespräch. Die Konferenz forderte die Bundesregierung auf, ein endgültiges Datum festzulegen. Röttgen sagte, er gehe nicht davon aus, dass dies schon an diesem Sonntag bei der Sitzung des Koalitionsausschuss in Berlin geschehe.

          Durch das Ende der alten Atommeiler gehen zirka 8500 Megawatt in der Erzeugung dauerhaft verloren. Von der Abschaltung ist besonders der Süden Deutschlands betroffen, der dann zusätzlich mit Strom aus dem Norden versorgt werden muss. Vor wenigen Tagen hatten die Übertragungsnetzbetreiber die Alarmglocken geläutet (siehe Atomausstieg: Netzbetreiber warnen vor Blackouts). Die Stabilität der Versorgung sei in Gefahr, wenn die Stromverbraucher hohen Bedarf hätten und gleichzeitig die Erzeugung aus erneuerbaren Energien bei wenig Sonnenschein und Windstille ausfalle, lautete das Argument.

          Die Netzagentur entwarf nun verschiedene Szenarien, von denen eines den Fall eines typischen Wintertages mit dem Ausfall einer Nord-Süd-Leitung beschreibt. Dann käme es im Raum Frankfurt bereits zu einem kritischen Spannungsniveau, hieß es. Fiele dann noch ein Kraftwerk aus, wäre die Leitungsbelastung nicht mehr beherrschbar, warnte Kurth.

          Normalerweise werden Engpässe im Netz durch den Einsatz von Reservekraftwerken aufgefangen. Im Süden, wo die Mehrzahl der im März nach dem Atomunfall in Fukushima abgeschalteten Atomkraftwerke steht, fehlen diese offenbar. Die von den Unternehmen auf 1400 bis 2000 Megawatt (MW) bezifferte Lücke könne man zum jetzigen Zeitpunkt zwar nicht bestätigen. „Wir sehen Plausibilität für ein Fehlen von 1.000 MW“, räumte auch Kurth einen wahrscheinlichen Leistungsmangel ein.

          Bis Mitte August will seine Behörde nun genauer prüfen und Kurth wollte seine Aussage deshalb nicht als Panikmache gewertet wissen. „Bis zum Winter ist noch Zeit und wir können in Ruhe die Situation analysieren“, sagte er. „Im Moment können wir nicht sagen, ob es Alternativen für gesicherte Kapazität gibt“, begründete Kurth seine Ablehnung übereilter endgültiger Beschlüsse.

          Die Bundesregierung hatte im März nach der Havarie in dem japanischen Atomkraftwerk sieben ältere Atomkraftwerke für drei Monate stillgelegt. Zuletzt hatten sich die Anzeichen verdichtet, dass die Reaktoren gar nicht mehr ans Netz gehen sollen. Eine Entscheidung darüber soll im Juni fallen.

          Schon jetzt bringe die „historisch einmalige“ Abschaltung von 5000 Megawatt Leistung die Netze an den Rand der Belastbarkeit, verwies Kurth auf umfangreiche Ausgleichsmaßnahmen der Netzbetreiber. Das Extremszenario mache „nochmals deutlich, wie wichtig ein rascher und effizienter Netzausbau“ ist, warb der Behördenchef erneut für eine Beschleunigung der Trassenerweiterung. Neue Leitungen könnten selbst solche kritischen Fälle beherrschbar machen, sagte Kurth.

          Die Umweltorganisation Greenpeace kritisierte die Einschätzungen der Bundesnetzagentur. Die Behörde sei abhängig von den Daten und Bewertungen der Netzbetreiber und sollte sich nicht leichtfertig vor ihren Karren spannen lassen, sagte ein Sprecher in Berlin. Eine aktuelle Studie der Universität Flensburg zeige sehr deutlich, dass auch in Süddeutschland keine Stromlücke bei einem Atomausstieg bis 2015 drohe, da hinreichend Leitungskapazität in andere Bundesländer bestehe.

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