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Im Gespräch: Umweltaktivist Stewart Brand : „Ihr Deutschen steht allein da“

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Stewart Brand, Urgestein der amerikanischen Öko-Bewegung, hält die Reduzierung der Treibhausgase für das drängendste Problem der Menschheit Bild: picture-alliance / Frank May

Der amerikanische Umweltaktivist Stewart Brand ist eine „grüne Instanz“: Lange Zeit Gegner der Atomkraft, hält er sie nun für unentbehrlich, wenn unser Planet angesichts des drohenden Klimakollapses eine Überlebenschance haben soll.

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          Deutschland hat vor, ganz auf Atomkraft zu verzichten. Ist das eine gute oder schlechte Idee?

          Ich habe den Eindruck, Deutschland legt es darauf an, zum nächsten Italien zu werden. Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass Italien nach dem Zwischenfall in Tschernobyl alle Atomkraftwerke abschaltete und seitdem eine Menge Strom aus Frankreich, einem Land mit vielen Atomreaktoren, bezieht, und zwar zu Höchstpreisen. Soweit mir bekannt ist, hat Deutschland sich mittlerweile von einem Energieexporteur in einen Energieimporteur verwandelt und bezieht Strom auch aus Tschechien, wo er ebenfalls aus Atomkraft gewonnen wird.

          Sie sehen also viel Scheinheiligkeit im deutschen Verzicht auf Atomkraft?

          Scheinheiligkeit ist ein kurioses Konzept. Ich würde eher sagen, Deutschland hat nicht das Gesamtbild im Blick. Und das Gesamtbild umfasst eben auch den Klimawandel und Treibhausgase. Da gibt es keine Besserung, die Lage verschlimmert sich sogar. Deutschland bezieht jedoch 23 Prozent seiner Stromversorgung aus Kohle, was verständlich ist, denn es gibt halt viel Kohle im Land. Im europäischen Gesamtbild steht Deutschland mit seiner gegenwärtigen Haltung jedenfalls etwas sonderbar da, aber das wohl nicht zum ersten Mal.

          Scheinheiligkeit, sagt Stewart Brand, ist „ein kurioses Konzept”: Deutschland habe sich zu einem Stromimporteur gewandelt

          Sie scheinen die Gefahren für die Umwelt und die Risiken der Atomkraft gegeneinander abzuwägen. Kommen Ihnen dabei keine Bedenken?

          Eine der Folgen von Fukushima ist, dass auch viele Atomkraftgegner darüber erstaunt sind, wie Deutschland reagiert hat. Es wurde einmal angenommen, dass ein weiterer Zwischenfall, wie es ihn in Three Mile Island in Harrisburg gab, das Ende der Atomindustrie bedeuten müsste. Jetzt stellt sich heraus, dass die Leute dazugelernt haben. Sie lesen Berichte über Isotopen im Boden und Wasser bestimmter Gegenden um Fukushima, über verstrahlte Fische. Die erste Reaktion ist natürlich: Meine Güte, ist das alles gefährlich! Dann aber gibt es genauere Informationen, und es erweist sich, dass der Strahlungslevel normal ist und die gemessenen Werte nicht besorgniserregend sind. Es kommen nun Informationen auf der zweiten Ebene zum Tragen, und durch sie verändert sich unsere Einstellung zur Atomkraft.

          Gibt es denn nach Ihrer Meinung keinen Unterschied zwischen den Risiken, die von einem Atomkraftwerk ausgehen, und denen anderer Technologien?

          Das ist eine Frage, in der es um schnell oder langsam geht. Unfälle in Atomreaktoren sind selten, aber es sind Riesenereignisse. Wenn dagegen Menschen bei Verkehrsunfällen oder an Krebs sterben, sind das permanente Ereignisse, die es nicht vermögen, sofort etwas auszulösen. In einer korrekt angelegten Risikoabwägung großen Rahmens wird aber versucht, solche Unterschiede zu berücksichtigen. Fukushima zwingt uns nun dazu, über diese Probleme nachzudenken und dabei eine weite Zeitspanne zu berücksichtigen. Dazu gehört auch der Klimawandel, ein Problem, das sich über Jahrhunderte erstreckt. Zu seiner Lösung, sofern es denn eine gibt, muss die gesamte Welt beitragen. Wenn es um Zivilisation geht, reicht nie ein einziges Jahrhundert aus.

          Wie hat sich die amerikanische Debatte über Atomkraft seit Fukushima entwickelt?

          Wie Umfragen bestätigen, wurde hier über Atomkraftwerke weniger gestritten als in anderen Ländern. Allmählich aber schiebt sich die Geschichte wieder in den Vordergrund. Unter Umweltschützern ist da seit Jahren einiges in Bewegung geraten. Vor dreißig Jahren haben sie gefordert: Schaltet diese Dinger ab! Vor zwanzig Jahren haben sie immer noch das Gleiche gesagt. Vor ungefähr zehn, fünfzehn Jahren aber haben sie aufgehört, die Stilllegung von alten Kraftwerken zu fordern, und angefangen, lediglich gegen neue zu protestieren. Das ist bereits ein interessanter Wandel. Fukushima hat ans Licht der Öffentlichkeit gebracht, dass es ein Problem mit sehr alten Reaktoren gibt. Architekten und Betreiber von neuen Reaktoren müssen nun im Detail erklären, warum ihre Anlagen diese Risiken nicht aufweisen. Viele Leute halten sie inzwischen für sicherer und effizienter. Sie sind auch kleiner und kosten weniger.

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