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Im Gespräch: Kardinal Reinhard Marx : „Wir sollten noch schneller aussteigen“

  • Aktualisiert am

„Die These vom Ende des Wachstums ist eine abwegige Vorstellung”: Kardinal Reinhard Marx Bild: Julia Zimmermann

Dass die Atomkraft eine Brückentechnologie ist, sei doch Konsens gewesen, sagt Reinhard Marx im Interview. „Wir brauchen eine neue Fortschrittsidee.“ Der Kardinal über den Verlust des Maßes und die Rolle der Kirche in einer Staatskommission.

          Herr Kardinal, welche Schlüsse ziehen Sie aus der Katastrophe in Fukushima?

          Man hätte wissen können, dass das Risiko der Atomenergie auch in einem hoch industrialisierten Land real ist. Schon lange wissen wir zudem, dass die Frage der Endlagerung nicht gelöst ist. Ich kann also nicht sagen, dass völlig neue Erkenntnisse da sind.

          Und jetzt sind Sie für Ausstieg?

          Es war doch schon Konsens: Die Atomkraft ist eine Brückentechnologie. Ich hatte nur den Eindruck, dass einige Leute von Brücke sprachen, aber in Wirklichkeit den Brückenkopf für immer halten wollten. Ich jedenfalls bedauere, dass im vergangenen Herbst die Laufzeiten noch einmal verlängert wurden.

          Das bedauern Sie jetzt. Damals hat man nichts von Ihnen gehört.

          Das ist nicht ganz richtig. Klar ist, dass eine zeitliche Perspektive für den Atomausstieg nicht unser vordringlichstes Thema war, weil wir von dem Konsens ausgegangen sind. Wir haben aber schon vor Fukushima im vergangenen September eine Stellungnahme abgegeben, aus der eine Skepsis gegenüber der Laufzeitverlängerung hervorgeht.

          Und jetzt soll alles noch schneller gehen?

          In jedem Fall muss das neu bedacht werden, und wir müssen auf den Pfad eines gesellschaftlichen Konsenses zurückkommen – wenn möglich, sollten wir noch schneller aussteigen. Von heute auf morgen wird es aber nicht gehen, so weit ich das als Bischof beurteilen kann.

          Was kann ein Bischof überhaupt zu diesen technischen, politischen und wirtschaftlichen Fragen beitragen?

          Wir stellen die ethische Frage: Dürfen wir uns einer Technologie anvertrauen, die unabschätzbare Folgen für ganze Generationen hat? Da sagen wir nein. Und es geht hier um Güter, die wir nicht dem Markt allein überlassen dürfen.

          Die Kernenergie war vom Bau bis zum Abriss nie eine Marktveranstaltung.

          Energie ist keine Ware, die wir behandeln sollen wie alle anderen Waren. Wir müssen dem Ganzen einen politischen und gesellschaftlichen Rahmen geben. Dabei müssen wir abwägen, welche langfristigen Auswirkungen und Belastungen wir akzeptieren wollen. Das gilt nicht nur für die Kernenergie.

          Wie also ist Ihre Utopie eines Energiemixes?

          Es geht um mehr als einen Energiemix. Es geht auch darum, wie wir leben wollen, es geht darum, Maß zu halten. Unsere Lebensstile müssen sich ändern zugunsten klimaverträglicher und ressourcensparender Wohlstandsmodelle. Zudem brauchen wir technische Innovationen, damit die Effizienz steigt und weniger Energie benötigt wird. Es wäre ein ermutigendes Beispiel für andere Länder, wenn Deutschland zeigen würde: Der Ausstieg mit dem Ausbau regenerativer Energien ist machbar!

          Das bringt neue Verteilungsprobleme, wenn wir die unergiebigen Solaranlagen der Hausbesitzer subventionieren und die Ärmeren höhere Strompreise zahlen.

          Es ist so, wie Sie es darstellen, nicht gerecht. Ich verstehe nicht, dass so etwas von Leuten verteidigt wird, die sonst strikt gegen Subventionen sind. Aber neuen Technologien Wege zu eröffnen, kann sinnvoll sein.

          Ein Hartz-IV-Empfänger bekommt höhere Strompreise nicht vom Staat erstattet.

          Da müsste man über einen Ausgleich diskutieren. Wir reden hier von Menschen an der Armutsgrenze. Da kann ich nicht sagen: Das ist völlig belanglos, falls die Preise steigen.

          Generell nehmen Sie aber in Kauf, dass Energie teurer wird?

          Vielleicht ist Energie tatsächlich zu billig gewesen. Die Frage muss in einem größeren Rahmen diskutiert werden. Dabei sollte es ehrlicher zugehen als bei der Kernenergie, wo die wirklichen Kosten bis heute nicht einkalkuliert sind. Grundsätzlich geht es aber um die Frage, ob wir immer mehr und noch mehr Energie beanspruchen können.

          Sie plädieren für eine Drosselung des Wachstums?

          Die These vom Ende des Wachstums ist eine abwegige Vorstellung. Aber was man unter Wachstum versteht, ist neu zu diskutieren. Wir sind gerade in der Fastenzeit. Da fällt es mir nicht schwer, für eine Spiritualität des Maßes zu plädieren.

          Grenze und Maß hört sich gut an. Aber was heißt das konkret?

          Es geht letztlich um den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf. Wenn wir meinen, diese Grenze überschreiten zu können, dann führt das zu einem Menschenbild, das für mich nicht akzeptabel ist. Wenn wir die unkalkulierbaren Risiken der Atomtechnik vielen Unbeteiligten über Generationen hinweg zumuten, dann haben wir das rechte Maß verloren. Das hat eine ganz andere Dimension als etwa die Gefahren im Straßenverkehr.

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