https://www.faz.net/-gpf-yt9m

Hannover Messe : Windstrombranche will Atomkraft ersetzen

  • -Aktualisiert am

Energiesorgen? Der Wind soll es richten Bild: ZB

Ein schneller Atomkraft-Ausstieg würde den Windanlagenbauern in Deutschland neue Chancen eröffnen. Der Verband drängt daher auf rasche politische Weichenstellungen, die Industrie dagegen ist zurückhaltender.

          3 Min.

          Die deutsche Windindustrie will die Gunst der Stunde nutzen und drängt die Politik auf eine schnelle Beseitigung von Genehmigungshürden für neue Windparks an Land. Eine Konsequenz aus der Atomdebatte müsse sein, bestehende Höhen- und Abstandsregeln so schnell als möglich zu beseitigen, sagte der Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE), Hermann Albers, auf der Hannover Messe. Nach Ansicht des Verbands „kann die Windenergie die Kernenergie vollständig ersetzen“. Albers berief sich dabei auf eine neue Studie des Kasseler Fraunhofer-Instituts (Iwes), die im Auftrag des Windenergieverbands erstellt wurde.

          Demnach stünden in Deutschland knapp 8 Prozent der Landfläche für Windanlagen zur Verfügung – weit mehr als bisher angenommen. Rechne man noch geeignete Flächen in Wäldern und Schutzgebieten hinzu, stiege der Flächenanteil sogar auf 22 Prozent an. Die vom BWE geforderte Ausweisung von 2 Prozent der Fläche in jedem Bundesland sei „realistisch und umsetzbar“, betonte der Studienautor Kurt Rohrig, stellvertretender Leiter des Instituts. Das gelte auch für Bayern und Baden-Württemberg, wobei ein Ausbau der Kapazitäten dort den Nebeneffekt hätte, dass die Stromnetze insgesamt nicht ganz so umfangreich ausgebaut werden müssten.

          Laut der Iwes-Berechnung könnte die heute in Deutschland installierte Kapazität von gut 26 Gigawatt auf knapp 200 Gigawatt erhöht werden. „Damit könnte die Windenergie bis zu 65 Prozent des deutschen Strombedarfs bereit stellen“, sagte Albers, räumte zugleich aber ein, dass dieser Windstrom naturgegeben nur mit Schwankungen zur Verfügung steht.

          „Wir können nicht alles auf Wind umstellen“

          Unter den Windanlagenherstellern werden die großen Ziele des Windverbands denn auch mit Skepsis betrachtet. „Der Windstrom kann nicht alleine grundlastfähig sein, das geht nur in Verbindung mit anderen Energiequellen“, sagte Thorsten Herdan, der energiepolitische Sprecher des Maschinenbauverbands VDMA. Rund um den Globus würden derzeit 2 bis 3 Prozent des Strombedarfs durch Windstrom gedeckt, realistisch sei das Ziel, diesen Anteil auf 10 Prozent zu erhöhen, sagte Thomas Richterich, Vorstandschef des Windanlagenbauers Nordex.

          „Das wäre ein Marktvolumen von mehr als 100 Milliarden Dollar. Aber wir können nicht alles auf Wind umstellen.“ Auch andere Hersteller deuteten im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an, der Bundesverband könnte in der Öffentlichkeit zu große Erwartungen wecken. Richtig sei aber, dass Windanlagen deutlich schneller errichtet werden könnten als konventionelle Kraftwerke. Sollten die Bundesländer nun zusätzlich Flächen im Inland ausweisen, dann dauere es vom Beginn der Projektplanung in der Regel 12 bis 18 Monate bis zur Inbetriebnahme eines Windparks, erläuterte Stephan Ritter, General Manager von GE Renewable Energy Europe.

          Auf die kommenden Monate blicken die Windanlagenbauer nach einem enttäuschenden Jahr 2010 wieder mit mehr Zuversicht voraus – gedämpft allerdings durch die unverändert schwierigen Bedingungen in wichtigen Ländern wie Amerika oder Spanien. Für 2011 prognostiziert der VDMA einen Zuwachs der neu installierten Kapazitäten im einstelligen Prozentbereich; 2010 wurden global etwas mehr als 35 Gigawatt neu installiert (minus 6,5 Prozent zum Vorjahr).

          „Der Obama-Effekt ist verpufft“

          Die größte Wachstumsregion bleibt China, wo inzwischen jedes Jahr fast die Hälfte aller neuen Windräder aufgestellt werden. Allerdings ist dieser Markt fest in der Hand der einheimischen Konzerne. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr gut 1,5 Gigawatt neu errichtet, „das war kein Erfolg“, sagte Verbandspräsident Albers. Der BWE hofft, durch die entsprechenden Weichenstellungen der Politik, insbesondere der Novellierung des Erneuerbare Energie Gesetzes (EEG) zum 1. Januar, 2012 wieder auf einen Wert von 3,5 Gigawatt pro Jahr zu kommen. Nach Ansicht von VDMA-Fachmann Herdan dagegen wird Deutschland in den kommenden Jahren „um die 2-Gigawatt-Grenze herum verharren“. Von Vorteil sei, dass nach Fukushima „die Akzeptanz von Windenergie neu bewertet wird“.

          Auf magere Zeiten müssen sich die Hersteller dagegen weiter in Amerika einstellen. Solange der Gaspreis niedrig bleibt und es keine gesamtstaatliche Förderpolitik gibt, werden dort nur an den rentabelsten Standorten neue Windparks gebaut, wo Windstrom für 5 Cent je Kilowattstunde erzeugt werden kann, erläuterte Nordex-Chef Richterich. 2010 wurden in Amerika nur noch 5 Gigawatt neue Windstromkapazitäten installiert, eine Halbierung zum Vorjahr. Und für dieses und nächstes Jahr sieht der VDMA nur eine leichte Steigerung voraus. „Der Obama-Effekt ist verpufft“, resümierte Stefan Tenbrock, Vorstandschef des Getriebeherstellers Winergy.

          Weitere Themen

          Union sieht Verantwortung bei Scholz Video-Seite öffnen

          Wirecard-Skandal : Union sieht Verantwortung bei Scholz

          Der Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Wirecard-Untersuchungsausschuss, Matthias Hauer, hat in dem Skandal schwere Vorwürfe gegen Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) erhoben.

          Topmeldungen

          Das Wahlplakat der Grünen

          #Allesistdrin : Die schöne Welt mit Lastenrad

          Ein Wahlplakat der Grünen zeigt eine vierköpfige Familie, die mit einem Lastenfahrrad durchs Grüne fährt. Und es zeigt ein Problem, das die Partei in ihrer Ansprache hat.
          Am 17. Februar im libyschen Benghazi: Frauen halten Landesfahnen hoch, um den 10. Jahrestag des Arabischen Frühlings in Libyen zu feiern, der zum Sturz des damaligen Gewaltherrschers Gaddafi führte.

          Hilfe für Libyen : Zwischen Wahl und Warlords

          Bisher hält der Waffenstillstand in Libyen. Nun soll eine weitere Konferenz in Berlin die Stabilisierung des Landes voranbringen. Doch nicht jeder Akteur hat daran ein Interesse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.