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Geschichte der Atomkraft : Am Ende des Fortschritts

  • -Aktualisiert am

Der Reaktor in Kalkar sollte der erste schnelle Brüter werden und ist heute ein Vergnügungspark Bild: REUTERS

Einst wurde in der Kernkraft ein Segen gesehen. Sie sollte ewig Strom liefern und Wüsten erblühen lassen. Dann kamen die Zweifel, die Grünen, und Fukushima.

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          Alles begann auf einem robusten Holztisch im Berliner Kaiser-Wilhelm Institut für Chemie, irgendwann im Herbst des Jahres 1938. Auf dem Tisch stand der Versuchsaufbau, mit dem Otto Hahn und sein Assistent Fritz Straßmann Uransalz mit Neutronen beschossen. Das Experiment lieferte verwirrende Ergebnisse. Statt eines Elements, das schwerer als Uran ist, fand sich in der Probe Barium, dessen Atome nur etwa halb so viel wiegen wie die des Urans. Die Interpretation kam im Jahr darauf per Brief aus Schweden, von Hahns jüdischer Mitarbeiterin Lise Meitner, die zuvor aus dem Dritten Reich geflohen war: Auf dem Holztisch waren Uran-Atomkerne zum ersten Mal von Menschenhand gespalten worden.

          Für manchen Beobachter stand die erste kontrollierte Kernspaltung noch Jahrzehnte später auf der selben historischen Stufe wie die Französische Revolution. Zunächst verbreitete die neue Technologie aber Angst und Schrecken. Das Manhattan-Projekt brachte die Atombombe, in der die Kettenreaktion der Kernspaltung mit Neutronen aus dem Ruder läuft. Acht Jahre erst nach den hunderttausenden Toten von Hiroshima und Nagasaki folgte die Wende zur zivilen Nutzung der Kernenergie. In seiner berühmten „Atoms for Peace“-Rede vor der UN-Vollversammlung stilisierte der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower die Kraft der Kerne zum Inbegriff des Fortschritts und zum Segen für die Menschheit.

          Dass mit der Kernspaltung Strom erzeugt werden kann, hatte ein geheimer amerikanischer Forschungsreaktor im abgelegenen Bundesstaat Idaho schon Jahre vorher gezeigt. Kurz vor Weihnachten 1951 brachte er vier Glühbirnen zum leuchten. In Deutschland entstand 1957 in Garching der erste Testreaktor. Das erste kommerzielle Kernkraftwerk ging 1961 im unterfränkischen Kahl ans Netz, bis Ende der sechziger Jahre folgten sieben weitere.

          Im Inneren des Kühlturms von Kalkar fährt man heute Karussell
          Im Inneren des Kühlturms von Kalkar fährt man heute Karussell : Bild: REUTERS

          Kernkraft als Säule einer zweiten industriellen Revolution

          Der Bau der ersten Kraftwerke fiel in die Zeit des wirtschaftlichen Aufbruchs der jungen Bundesrepublik. Die Kernkraft sollte die Säule einer zweiten industriellen Revolution bilden. „Die Atomenergie kann zu einem Segen für Hunderte von Millionen Menschen werden, die noch im Schatten leben“, heißt es etwa im SPD-Atomplan, der auf einem Münchner Parteitag 1956 verabschiedet wurde. Viel zitiert ist auch die Aussage des marxistischen Philosophen Ernst Bloch, der 1959 in seinem Buch „Prinzip Hoffnung“ von der Kernenergie schwärmte: „Einige hundert Pfund Uranium würden ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordamerika, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln.“

          Linke Gesinnung und Glaube an die Kernkraft sollten erst später zum Gegensatz werden. Vorher kam die Ölkrise 1973, die erstmals die Endlichkeit fossiler Energieträger ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückte. Mit der Folge, dass bis Ende der siebziger Jahre gleich elf neue Kraftwerke gebaut wurden – darunter die ersten Blöcke der Anlagen Philippsburg, Neckarwestheim, Isar, Unterweser, Biblis und Brunsbüttel. Daneben stieß die Ölkrise einen Wertewandel an, weg von der bedingungslosen Fortschritts- und Wachstumsmentalität des Wirtschaftswunders hin zum Überdenken des Konsumverhaltens und der Geburt des Nachhaltigkeitsgedanken.

          Hausfrauen, zurückgedrängt von Wasserwerfern

          Gleichzeitig regte sich erster Protest, angetrieben von der Sorge vor radioaktiven Freisetzungen, deren Gefahr für den Menschen – im Gegensatz zu den fünfziger Jahren – mittlerweile in weiten Teilen der Bevölkerung bekannt war. Der Politologe Hans-Peter Schwarz, der in seinem Buch „Die Bundesrepublik Deutschland: eine Bilanz nach 60 Jahren“ die Formierung des Atomprotests nachzeichnet, schreibt, es sei letztendlich ein Bürgerbegehren gewesen, das den Atomprotest salonfähig machte: die Winzer am Kaiserstuhl fürchteten, die Nebelschwaden der Kühltürme des geplanten Kernkraftwerks Wyhl könnte die Qualität ihres Weins beeinflussen. Die Demonstration im Februar 1975 eskalierte und in ganz Deutschland waren im Fernsehen Hausfrauen zu sehen, zurückgedrängt von Wasserwerfern.

          Einen Beitrag zur wachsenden Akzeptanz des Atomprotests in bürgerlichen Kreisen hatten auch neue, riskantere Varianten der Atom-Technologie, die Mitte der siebziger Jahre aufkamen. Denn nicht nur Uran ist spaltbar, sondern auch Thorium und Plutonium. Befeuert von der Schreckensvision einer Zukunft ohne Energieträger wurde die Idee eines unerschöpflichen Plutonium-Kreislaufs populär: in speziellen Brutreaktoren wird der nicht-spaltbare Anteil des Urans laufend in spaltbares Plutonium verwandelt, sodass der Brennstoff nicht ausgeht.

          Zwei Reaktoren wurden nie in Betrieb genommen

          Allerdings müssen Brüter ohne Kühlwasser im Reaktorkern auskommen und nutzen stattdessen das leicht entzündbare Natrium, um die Temperatur zu regulieren. Das schürte den Protest. Der erste und einzige „schnelle Brüter“ auf deutschem Boden entstand ab 1973 in Kalkar am Niederrhein. Das Projekt traf genauso wie den Thorium-Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop die volle Wucht der ersten Atom-Protestwelle. Höhepunkt war eine Demonstration im Jahr 1977 - 40.000 Atomgegner hatten sich versammelt. Kalkar wurde in Folge des Protests nie in Betrieb genommen. Heute ist der Meiler von einst ein Vergnügungspark.

          Parallel zu den großen Protesten dieser Zeit wandelten sich auch die Argumente der Atomkraftgegner: trieb sie ursprünglich die Sorge vor schleichenden radioaktiven Freisetzungen im Normalbetrieb auf die Straße, war es nach Einschätzung des Deutschen Atomforums am Ende der siebziger Jahre zunehmend die Angst vor einem GAU. Den Präzedenzfall lieferte der schwere Reaktorunfall im amerikanischen Kernkraftwerk Three-Mile-Island am 28. März 1979. Einen Tag später beschloss der deutsche Bundestag einstimmig die Einsetzung einer Enquete-Komission zur Zukunft der Kernenergie, in der auch das Für-und-Wider des schnellen Brüters diskutiert wurde. Das Aus für Kalkar brachte aber erst die Katastrophe von Tschernobyl sieben Jahre später. Mittlerweile hatte der Atomprotest auch ein Gesicht im Parlament bekommen: 1983 waren die Grünen zum ersten Mal in den Bundestag eingezogen.

          Zwölf Castor-Transporte gab es in Deutschland schon

          Zunehmend rückte auch die Entsorgung des Atommülls ins Zentrum der Debatte. 1995 rollte der erste Castor-Transport nach Gorleben. Seitdem haben zwölf Container-Kolonnen Deutschland auf dem Weg in das niedersächsische Zwischenlager durchquert, die letzten neun starteten von der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague – der Bau einer deutschen Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf wurde in den achtziger Jahren durch Proteste verhindert. Für Wirbel sorgte 1998 der Castor-Skandal, bei dem stark erhöhte Strahlenwerte an den Hüllen der Transporter bekannt wurden. Angela Merkel musste in ihrem letzten Jahr als Umweltministerin erklären, weshalb ihr Ministerium von den erhöhten Strahlenwerten schon lange gewusst hatte.

          Aber bis ins 21. Jahrhunderts fehlte die klimaschonende Alternative zur Kernenergie – und die Gewissheit, dass ein Unglück wie in Tschernobyl auch außerhalb der ehemaligen Sowjetunion passieren kann. Zwar gab es auch in deutschen Kraftwerken immer wieder Störfälle. Etwa 2001 in Brunsbüttel, wo eine kleine Wasserstoffexplosion ein Rohr vom Reaktorkern absprengte, oder 1987 in Biblis, als durch ein versehentlich nicht geschlossenes Ventil radioaktives Kühlmittel entweichen konnte. Doch erst der dritte große Reaktorunfall der Weltgeschichte, diesmal im Hochtechnologieland Japan, führte dazu, dass die Mehrheit der Deutschen das Restrisiko der Kernenergie – so klein es auch sein mag – nicht mehr bereit war, zu tragen. Die Katastrophe von Fukushima brachte schließlich einen Umschwung in Deutschland, der auch einen Ausspruch Albert Einsteins in Frage stellt. „Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom“, soll er einmal gesagt haben.

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