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Geschichte der Atomkraft : Am Ende des Fortschritts

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Einen Beitrag zur wachsenden Akzeptanz des Atomprotests in bürgerlichen Kreisen hatten auch neue, riskantere Varianten der Atom-Technologie, die Mitte der siebziger Jahre aufkamen. Denn nicht nur Uran ist spaltbar, sondern auch Thorium und Plutonium. Befeuert von der Schreckensvision einer Zukunft ohne Energieträger wurde die Idee eines unerschöpflichen Plutonium-Kreislaufs populär: in speziellen Brutreaktoren wird der nicht-spaltbare Anteil des Urans laufend in spaltbares Plutonium verwandelt, sodass der Brennstoff nicht ausgeht.

Zwei Reaktoren wurden nie in Betrieb genommen

Allerdings müssen Brüter ohne Kühlwasser im Reaktorkern auskommen und nutzen stattdessen das leicht entzündbare Natrium, um die Temperatur zu regulieren. Das schürte den Protest. Der erste und einzige „schnelle Brüter“ auf deutschem Boden entstand ab 1973 in Kalkar am Niederrhein. Das Projekt traf genauso wie den Thorium-Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop die volle Wucht der ersten Atom-Protestwelle. Höhepunkt war eine Demonstration im Jahr 1977 - 40.000 Atomgegner hatten sich versammelt. Kalkar wurde in Folge des Protests nie in Betrieb genommen. Heute ist der Meiler von einst ein Vergnügungspark.

Parallel zu den großen Protesten dieser Zeit wandelten sich auch die Argumente der Atomkraftgegner: trieb sie ursprünglich die Sorge vor schleichenden radioaktiven Freisetzungen im Normalbetrieb auf die Straße, war es nach Einschätzung des Deutschen Atomforums am Ende der siebziger Jahre zunehmend die Angst vor einem GAU. Den Präzedenzfall lieferte der schwere Reaktorunfall im amerikanischen Kernkraftwerk Three-Mile-Island am 28. März 1979. Einen Tag später beschloss der deutsche Bundestag einstimmig die Einsetzung einer Enquete-Komission zur Zukunft der Kernenergie, in der auch das Für-und-Wider des schnellen Brüters diskutiert wurde. Das Aus für Kalkar brachte aber erst die Katastrophe von Tschernobyl sieben Jahre später. Mittlerweile hatte der Atomprotest auch ein Gesicht im Parlament bekommen: 1983 waren die Grünen zum ersten Mal in den Bundestag eingezogen.

Zwölf Castor-Transporte gab es in Deutschland schon

Zunehmend rückte auch die Entsorgung des Atommülls ins Zentrum der Debatte. 1995 rollte der erste Castor-Transport nach Gorleben. Seitdem haben zwölf Container-Kolonnen Deutschland auf dem Weg in das niedersächsische Zwischenlager durchquert, die letzten neun starteten von der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague – der Bau einer deutschen Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf wurde in den achtziger Jahren durch Proteste verhindert. Für Wirbel sorgte 1998 der Castor-Skandal, bei dem stark erhöhte Strahlenwerte an den Hüllen der Transporter bekannt wurden. Angela Merkel musste in ihrem letzten Jahr als Umweltministerin erklären, weshalb ihr Ministerium von den erhöhten Strahlenwerten schon lange gewusst hatte.

Aber bis ins 21. Jahrhunderts fehlte die klimaschonende Alternative zur Kernenergie – und die Gewissheit, dass ein Unglück wie in Tschernobyl auch außerhalb der ehemaligen Sowjetunion passieren kann. Zwar gab es auch in deutschen Kraftwerken immer wieder Störfälle. Etwa 2001 in Brunsbüttel, wo eine kleine Wasserstoffexplosion ein Rohr vom Reaktorkern absprengte, oder 1987 in Biblis, als durch ein versehentlich nicht geschlossenes Ventil radioaktives Kühlmittel entweichen konnte. Doch erst der dritte große Reaktorunfall der Weltgeschichte, diesmal im Hochtechnologieland Japan, führte dazu, dass die Mehrheit der Deutschen das Restrisiko der Kernenergie – so klein es auch sein mag – nicht mehr bereit war, zu tragen. Die Katastrophe von Fukushima brachte schließlich einen Umschwung in Deutschland, der auch einen Ausspruch Albert Einsteins in Frage stellt. „Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom“, soll er einmal gesagt haben.

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