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Fracking : Die Energiepreisschere

  • -Aktualisiert am

Macht in Amerika die Energie billig: Fracking in Colorado Bild: AP

Während Deutschland teure Energie erntet, erweckt in Nordamerika Schiefergas die ergraute energieintensive Industrie zu neuem Leben. Das lenkt Investitionen über den Atlantik.

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          Für den angeschlagenen Thyssen-Krupp-Konzern ist der nordamerikanische Schiefergasboom wie Balsam auf die durch missratene Stahlinvestitionen in Amerika geschundene Seele. Seit Monaten füllen Bestellungen in den Vereinigten Staaten die Auftragsbücher beim Anlagenbauer Thyssen-Krupp Uhde. Im Herbst erhielt Uhde einen Milliardenauftrag des ägyptischen Düngemittelproduzenten Orascom Construction Industries.

          Mit dieser umgerechnet knapp 1,1 Milliarden Euro teuren Investition im Bundestaat Iowa wird nach fast 25 Jahren in den Vereinigten Staaten erstmals wieder ein großer Düngemittelkomplex gebaut. Wenige Wochen später orderte die FF Industries Holdings, einer der führenden Düngemittelhersteller der Welt, zwei Ammoniakanlagen im Gesamtwert von mehr als einer Milliarde Euro. Uhde hat nach Angaben der Geschäftsleitung 30 bis 40 Projekte im Visier, die von Schiefergas abhängen.

          Auch für die Essener Ferrostaal sind die Vereinigten Staaten ein wichtiger Zukunftsmarkt geworden. „Der niedrige Gaspreis und die politischen Rahmenbedingungen schaffen ein günstiges Klima für Investitionen“, sagt Klaus Lesker, der Geschäftsführer von Ferrostaal Industrial Projects. Ferrostaal verfolge mehrere Milliardenprojekte, bei denen Gas zu petrochemischen Produkten wie Methanol, Ammoniak, Benzin oder Düngemittel weiterverarbeitet wird. „Für die meisten Projekte bringen wir ausländische Investoren nach Nordamerika“, berichtet Lesker.

          Überschüssiges Gas wird abgefackelt - der Ölboom hat das Leben in der Stadt Williston in North Dakota völlig verändert Bilderstrecke
          Überschüssiges Gas wird abgefackelt - der Ölboom hat das Leben in der Stadt Williston in North Dakota völlig verändert :

          Die seit 2007 stark erhöhte Schiefergasförderung in Nordamerika hat erhebliche Auswirkungen auf das Energiepreisgefüge in den Vereinigten Staaten. Dadurch hat sich die Schere bei den Energiepreisen dies- und jenseits des Atlantiks stark geöffnet. Während im Boomjahr 2007 die Gaspreise in den Vereinigten Staaten, Deutschland und Japan noch recht eng beieinander lagen, haben sie sich seither in entgegengesetzte Richtungen verschoben. In den Vereinigten Staaten hat sich der Preis am bedeutenden Handelspunkt Henry Hub mehr als halbiert und in Japan gut verdoppelt. In Deutschland beträgt die Verteuerung gut ein Drittel.

          Völlig anders ist die Lage in Deutschland

          Während hierzulande die energieintensive Industrie über den Kostenauftrieb durch die Energiewende klagt, hat der Boom bei unkonventionellem Gas und Öl jenseits des Atlantiks die Stimmung zumindest in Teilen der Wirtschaft deutlich aufgehellt. In der Basischemie, der Aluminiumproduktion und bei den Düngemittelherstellern herrscht in Nordamerika Aufbruchsstimmung. Bei Uhde geht man davon aus, dass sich diese Investitionswelle mittelfristig auf höherwertige Erzeugnisse ausdehnen wird.

          „Momentan werden Anlagen gebaut, in denen das Schiefergas ohne weitere Veredelung eingesetzt werden kann, zum Beispiel in Kraftwerken oder Düngemittelanlagen. Die zweite Welle erwarten wir in den nächsten vier oder fünf Jahren durch die gegenwärtig geplanten Gascracker, die Olefine für die Grundstoffindustrie liefern werden“, heißt es im jüngsten Uhde-Jahresbericht. Dem würde dann der Bau von Polyethylen-, Propylen- und anderen Basiskunststoffanlagen folgen.

          Völlig anders die Lage in Deutschland: Ulrich Grillo, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), warnt in vielen seiner Reden vor den Standortnachteilen in Deutschland durch die steigenden Energiepreise. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) unterlegt dies mit Zahlen: Energieintensive Unternehmen ersetzen in Deutschland nach Angaben von IW-Direktor Michael Hüther nur noch 75 Prozent ihrer Abschreibungen durch neue Anlagen und investieren dafür stärker im Ausland.

          Wenn der Strompreis eine entscheidende Rolle spielt

          Schon vor Jahren haben die Werkstoffproduzenten, bei denen der Strompreis eine wettbewerbsentscheidende Rolle spielt, den Anfang gemacht. So hat der norwegische Aluminiumhersteller Hydro 2002, als die Industriestrompreise nach der vier Jahre zuvor erfolgten Marktliberalisierung ihren Tiefpunkt erreicht hatten, den führenden deutschen Aluminiumkonzern, die VAW, übernommen. Wenige Jahre später hat Hydro wegen erheblich gestiegener Stromkosten die Strategie radikal geändert.

          Im Erdgas-Emirat Qatar wurde eine Aluminiumhütte errichtet, deren Kapazität schon in der ersten Baustufe die der drei deutschen Aluhütten von Hydro weit übersteigt. Dafür haben die Norweger die Aluminiumproduktion in Deutschland radikal zurückgefahren.

          Im Jahr 2010 haben der deutsche Kohlenstoffspezialist SGL Carbon und der Autobauer BMW den Bau einer gemeinsamen Produktionsstätte im amerikanischen Bundesstaat Washington angekündigt. Nach der Investition von 100 Millionen Euro sollen in diesem Werk in Moses Lake, drei Autostunden von Seattle entfernt, Kohlefasern zum Bau leichterer Autos hergestellt werden. Zur Standortwahl hat beigetragen, dass der für die Herstellung von Karbonfasern in gewaltigen Mengen benötigte Strom nur ein Drittel so viel kostet wie in Deutschland.

          Der österreichische Stahlkonzern Voestalpine wollte vor einiger Zeit eine neue Stahlhütte außerhalb der Europäischen Union irgendwo am Schwarzen Meer bauen, um sich vor der kostentreibenden Energie- und Umweltpolitik in der Gemeinschaft zu schützen. Dieser Plan wurde 2008 nach Ausbruch der Finanzmarktkrise aufgegeben. Fünf Jahre später will Voest die zwischenzeitlich extrem günstig gewordenen Gaspreise in den Vereinigten Staaten nutzen. Soeben wurde der Bau eines 550 Millionen Euro teuren Werkes zur Veredelung von Eisenerz in Texas in Auftrag gegeben.

          In dieser Direktreduktionsanlage wird Eisenoxid durch den Einsatz von Gas als Reduktionsmittel zu Eisenschwamm verarbeitet, das anstelle von Roheisen zur Stahlerzeugung verwendet wird. Zu dem Kostenvorteil günstiger Gaspreise in Nordamerika kommt die deutlich geringere Umweltbelastung der Eisenschwammerzeugung gegenüber der Roheisenschmelze im Hochofen. Angesichts der im internationalen Vergleich eher mittelständischen Struktur der energieintensiven Branchen in Deutschland - der Papier,- Glas- und Zementhersteller, ja auch der Stahl- und Aluminiumindustrie - werden solche großen, von den Energiekosten geleiteten Auslandsinvestitionen eine Ausnahme bleiben.

          Die Energiepreise werden immer wichtiger für Investitionsentscheidungen

          Anders ist die Ausgangslage der deutschen Chemiebranche, die in der zurückliegenden Dekade viele Milliarden Euro jenseits der Landesgrenzen in neue Produktionsstätten investiert hat. Auf Anfrage betonten BASF, Bayer, Evonik und Lanxess durchweg, bei dem Bau neuer Fabriken werde in Wachstumsmärkte investiert. Die Nähe zu den Kunden sei bei der Standortwahl grundsätzlich das wichtigste Kriterium. Gleichwohl fordern die angesprochenen Chemieunternehmen, dass die Energie- und Umweltpolitik in Berlin und Brüssel die internationale Wettbewerbsfähigkeit nicht weiter beeinträchtigen dürfe. Mit anderen Worten: Die Energiepreise werden immer wichtiger für Investitionsentscheidungen.

          Bayer verweist darauf, dass staatlich induzierte Maßnahmen zu extrem hohen Energiepreisen in Deutschland geführt hätten. Der Teilkonzern Bayer Material-Science (Kunststoffe), für den Energiepreise besonders wichtig seien, bezahle heute hierzulande doppelt so viel für Strom wie in Amerika. Auch Lanxess klagt über die seit 2005 durch Stromkosten fast verdoppelten Belastungen. Die Energiekosten lägen in der Produktion inzwischen über den Personalkosten. Zwar wären bei Investitionsentscheidungen die Energiekosten nur einer von mehreren Faktoren. Da der Gaspreis in den Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren um zwei Drittel gefallen ist, verändere sich aber dieser Faktor stark bei künftigen Investitionsentscheidungen von Lanxess.

          „Wir sprechen von einer schleichenden Verlagerung“

          Deutschlands größter Chemiekonzern, die BASF, hat seit 2003 rund 30 Milliarden Euro weltweit in Sachanlagen investiert. Dabei sei der Trend seit Jahren erkennbar, dass die relative Bedeutung Europas bei Investitionen in energie- und meist auch kapitalintensive Produktion abnehme. „Daher sprechen wir auch von einer schleichenden Verlagerung“, sagte Vorstandsmitglied Harald Schwager. Gemäß dem Grundsatz der kunden- und marktorientierten Investition habe BASF unabhängig von der Frage der Energiekosten verstärkt in die Wachstumsmärkte in Asien investiert.

          Bei erdgasbasierten Investitionen haben in den letzten Jahren für den Ludwigshafener Chemiekonzern die Vereinigten Staaten aufgrund der niedrigen Gas- und Energiepreise deutlich an Attraktivität gewonnen. „Rund 3 Milliarden Euro, also ein Viertel unserer weltweiten Chemie-Investitionsmittel und damit im Vergleich zum Umsatzanteil ein überproportionaler Anteil, sollen zwischen 2013 und 2017 in den Vereinigten Staaten eingesetzt werden“, kündigte Schwager an. Er verwies auf eine neue Produktionsstätte für Methylamine, einen auf mehr erdgasbasierte Rohstoffe umgerüsteten Cracker und einen beschlossenen Werksbau für Ameisensäuren.

          Der Beweis im politischen Alltag steht noch aus

          Angela Merkel hat gerade unterstrichen, dass die Chemieindustrie auch in Zukunft in Deutschland fest beheimatet bleiben muss. Dafür brauche die Branche bei aller Leistungsstärke insbesondere angesichts von Entwicklungen wie in den Vereinigten Staaten wettbewerbsfähige Preise. Deswegen werde sie auch in Brüssel entschieden dafür kämpfen, dass die Ausnahmeregelungen für die energieintensive Industrie weiterhin Gültigkeit haben. Es war der Festvortrag der Bundeskanzlerin zum 150. Geburtstag von Bayer. Der Beweis im politischen Alltag steht noch aus.

          Der BASF-Vorstand verweist darauf, dass von den Energiepreisen mehr als nur die Zukunft der Basischemie mit ihren besonders energieintensiven Produkten abhänge. Diese Fabriken seien Zulieferer für viele andere Industrien. Angesichts der Bedeutung der Kundennähe „geht es bei der Frage wettbewerbsfähiger Energiekosten nicht um die Verschiebung einzelner Produkte, sondern um die Gefahr einer langfristigen Verlagerung ganzer Wertschöpfungsketten“, warnt Schwager.

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