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Energiewirtschaft : Frau Müller in heikler Mission

  • -Aktualisiert am

Hildegard Müller hat sich als Geschäftsführerin im Spitzenverband der Energiewirtschaft für einen Ausstieg aus der Kernenergie bis 2020 ausgesprochen Bild: dapd

Die vier Atomkonzerne sind mit den Stadtwerken heillos zerstritten. Aber alle sitzen im selben Verband. Das kann nicht gutgehen. Hildegard Müller, die Geschäftsführerin, bekommt das schon zu spüren.

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          Ein Verbandschef ist noch nie für die Klarheit seiner Gedanken bezahlt worden. Niemand käme auf die Idee, ihn des Einsatzes für die Wahrheit zu verdächtigen. Lobbyorganisationen haben die Interessen ihrer Mitglieder durchzusetzen. So einfach ist es - in der Theorie: Denn was, wenn die Interessen der Mitglieder, die den Verband bezahlen, heterogen sind - um nicht zu sagen: komplett widersprüchlich?

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hildegard Müller steckt in exakt dieser Falle. Als Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat die ehemalige CDU-Politikerin zusammenzuhalten, was nur auf den ersten Blick zusammengehört. In der Energiebranche streitet Groß gegen Klein, die Atomkonzerne gegen die kommunalen Stadtwerke, die sich als grüner Motor der Energiewende präsentieren.

          In der Atomfrage raufen sie innerhalb des Verbandes mindestens so erbittert, wie die Protagonisten in Talk-Shows und an den Stammtischen der Republik. „Atomkraft, nein danke!“, rufen mit den Stadtwerken all jene, die ihr Geld mit Gas- und Ökoanlagen verdienen.

          Chance statt Qual

          Die AKW-Betreiber dagegen kostet ein Ausstieg Milliarden, entsprechend zäh kämpfen sie um jede Minute Laufzeit. Und mittendrin steht Hildegard Müller, die den Laden zusammenhalten soll. Ihr Job verpflichtet sie dazu, das Gerangel nicht als Qual, sondern als Chance zu sehen. So sagt sie es tatsächlich. Der interne Streit bahne den Weg zum gesellschaftlichen Konsens: „Die Grundidee des Verbandes besteht darin, eine gemeinsame Lösung zu finden für eine Schicksalsfrage des Landes.“ Es gehe ja um viel mehr als um Laufzeiten, predigt Müller, nennt die Stichworte Klimaschutz, Umweltschutz, Stabilität der Netze. „Das ist ein weiter Weg.“ Ein sehr mühsamer obendrein: Denn die wenigen internen Gemeinsamkeiten sind aufgebraucht, seit Müllers Verband - zum allgemeinen Erstaunen - selbst den Atomausstieg verkündet hat (siehe Energieverband BDEW: „Vollständiger Atomausstieg bis 2020“).

          Im Jahr 2020, spätestens 2023, soll Schluss sein mit der Atomkraft. Fukushima habe alles verändert, so begründet der BDEW-Vorstand die radikale Wende, welche die wichtigsten Mitglieder aufgebracht hat. „Es war richtig und wichtig, vier Wochen nach Fukushima die eigene Sprachfähigkeit zu gewinnen“, verteidigt sich Hildegard Müller, „auch wenn darum hart gerungen wurde.“ Von der Politik, die nicht schnell genug ergrünen kann, erntete sie dafür viel Lob. Von den zahlungskräftigsten Mitgliedern eher weniger. Als „grundsätzlich falsch“ tadeln RWE und Eon den Beschluss, und Manager toben, dass die eigene Truppe sie verraten habe, ohne Not, im vorauseilenden Gehorsam gegenüber der Politik: „Kein Verband der Welt hat je so die Regierung angebettelt, das Vermögen seiner Mitgliedsfirmen zu vernichten.“

          Auf der Suche nach dem Mehrheitswillen

          Von einer Zerreißprobe ist die Rede, in der ersten Wut wurden gar Gedanken an eine Abspaltung der Großkonzerne ventiliert. Alles halb so wild, beteuert dagegen Hauptgeschäftsführerin Müller: „Mir gegenüber hat niemand mit Ausstieg gedroht. Eine Spaltung des Verbandes ist kein Thema.“ Und was sonst an Gehässigkeiten zu hören ist, verbucht sie als das übliche Grundrauschen in der Hauptstadt: „So sind nun mal die Mechanismen im politischen Geschäft. Nicht schön, aber auch nicht dramatisch.“ Schließlich habe eine überwältigende Mehrheit im Verband für den Atomausstieg 2020 gestimmt: 22 zu 4 ging die Abstimmung aus. Dagegen votierten RWE, Eon und Vattenfall, die vierte Nein-Stimme kam von „Bayerngas“ - der Versorger wäre gerne noch früher ausgestiegen, was die Gemengelage illustriert.

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