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Teurer Strom : Ostdeutschland ist ein Verlierer der Energiewende

  • -Aktualisiert am

Solarpark Brenz bei Neustadt-Glewe in Mecklenburg-Vorpommern Bild: dpa

Strom kostet in den ostdeutschen Bundesländern mehr als im Westen. Die Netzkosten sind höher - und die Gewinne aus der Wind- und Solarstromproduktion fließen vielfach in den Westen.

          In Ostdeutschland wird überdurchschnittlich viel Ökostrom produziert. Die Ostdeutschen selbst haben aber nur wenig davon - sie zahlen einen höheren Strompreis als Menschen im Rest der Republik. Und die Gewinne aus der Wind- und Solarstromproduktion bleiben selten in den neuen Ländern, weil die Investoren aus dem Westen kommen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Auch deshalb sinkt die Zustimmung zur Energiewende im Osten. Zu dem Ergebnis kommt eine im Auftrag der Bundesregierung angestellte Untersuchung „Auswirkungen der Energiewende auf Ostdeutschland“, die an diesem Mittwoch vorgestellt werden soll und der F.A.Z. vorliegt.

          Allerdings steigen die Stromkosten nicht nur im Osten. Die Haushaltsstrompreise werden bis zum Jahr 2020 im gesamten Bundesgebiet „auf fast 40 Cent je Kilowattstunde“ (kWh) steigen, heißt es in dem Papier. Heute liegen sie im Schnitt unter 29 Cent je kWh. „Von 2004 bis 2020 werden sich die Kosten mehr als verdoppelt haben“, schreiben die Gutachter.

          Viel Ökostrom, alternde Bevölkerung, dünne Besiedelung

          Der Staatsanteil aus Steuern, Abgaben und Umlagen werde von heute 50 Prozent auf 55 Prozent steigen. Der Osten sei besonders betroffen. Hier blieben die Preise hoch, während unterdurchschnittliche Einkommen erzielt würden. Der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, Christoph Bergner (CDU), forderte: „Der Osten darf nicht die Zeche zahlen.“ Bürger und Unternehmen im Osten dürfen durch die Energiewende „nicht über Gebühr belastet werden“.

          Grund der Mahnung ist die Feststellung, dass die Netzkosten im Osten besonders hoch sind. „Die Netzentgelte in den neuen Bundesländern sind deutlich höher und liegen im Durchschnitt etwa 1 Cent je Kilowattstunde (kWh) über denen in den westdeutschen Bundesländern“, heißt es. Verantwortlich dafür sei die wachsende Menge fluktuierender Ökostromeinspeisung, die hohe Regelkosten auslöse. Eine andere Ursache sei die dünne Besiedlung, welche die Kosten je Verbraucher treibe. Dieser Effekt dürfte durch die alternde Gesellschaft und Abwanderung zunehmen.

          Die Autoren von EuPD Research und dem Deutschen Cleantech-Institut verlangen deutschlandweit einheitliche Netzentgelte, um „die regionale Benachteiligung Ostdeutschlands zu vermeiden“. Bergner warnt vor schädlichen Folgen hoher Energiepreise. „Im Sinne gleicher Standortbedingungen und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Industrien in den neuen Ländern müssen die Strompreise bezahlbar bleiben.“

          Bedeutende Braunkohle

          Sie berichten indes auch Positives: Während im Westen 1,2 Prozent aller Beschäftigten ihr Geld mit erneuerbaren Energiequellen verdienten, waren es in den neuen Ländern 1,8 Prozent - mit positiven Effekten für die Gesamtwirtschaft. Das Bild wird aber getrübt, weil 30 Prozent der Stellen auf die Photovoltaik-Branche entfielen und die seit dem Erhebungsjahr 2011 Tausende Stellen gestrichen hat.

          Schon heute werde in Ostdeutschland mehr Strom produziert als nachgefragt. Überschüssiger Windstrom werde in den Westen sowie nach Polen und Tschechien ausgeführt. Mit knapp 30 Prozent liege der Anteil regenerativer Quellen an der Bruttostromerzeugung um ein Drittel über dem westdeutschen Niveau. Bis 2020 werde der Grünstrom-Anteil im Osten auf fast 50 Prozent steigen. Mit 50,9 Prozent ist Braunkohle der größte Energieträger für die Stromerzeugung: Sie gilt als besonders klimaschädlich, weil davon mehr als von anderen Energieträgern zur Erzeugung einer Kilowattstunde verbrannt wird. Umweltverbände beklagen, Braunkohlestrom „verstopfe“ die Netze und lasse Ökostrom keinen Platz. Bergner warb für eine „vernünftige Integration“ erneuerbarer und konventioneller Energieträger und den Ausbau der Netze. Es sei nicht das Ziel, „immer neue Ausbaurekorde bei den Erneuerbaren Energien“ zu erzielen. Ostdeutsche Braunkohle sei auch mit Blick auf den Chemiestandort Mitteldeutschland „von besonderer Bedeutung“.

          Die Studie untersucht auch die Investoren von Wind- und Solarparks. In den neuen Ländern sei „der Mangel an verfügbarem Kapital für Investitionen von privater sowie Unternehmensseite“ zu groß. Deshalb werde die vorhandene Fläche von Investoren aus Westdeutschland oder dem Ausland genutzt. „Der daraus resultierende Abfluss der Kapitalerträge wird von vielen Beteiligten in Ostdeutschland negativ wahrgenommen und mindert die Akzeptanz der Energiewende.“ Beteiligungsmodelle für Anlieger könnten den Missstand beheben. Die Feststellung relativiert Darstellungen, wonach die neuen Länder wegen hoher Umlage-Zahlungen aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) an die Betreiber der bei ihnen installierten Anlagen Gewinner der Energiewende seien.

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