https://www.faz.net/-gpf-7iebm

Energiewende paradox : Deutschlands wundersame Stromschwemme

Österreich freut sich

Während die Bürger in Deutschland also nicht vom billigen Strom profitieren, dürften die Nachbarn eine gewisse Dankbarkeit verspüren. Und das hat folgende Ursache: Mangels Speichermöglichkeiten muss der produzierte Strom in der gleichen Sekunde verbraucht werden. Sonst knallt es im Netz. Weil sich das deutsche Angebot aber nicht nach der Nachfrage richtet, sondern nach Willkür des Windes und der Sonne und den technisch-physikalischen Grenzen der Kohlekraftwerke, gibt es immer häufiger viel, gelegentlich zu viel Strom. Der Überschuss wird ins Ausland verscherbelt, verschenkt oder mit Aufpreis weggegeben. Damit subventioniert der deutsche Stromkunde die niedrigen Strompreise vor allem in Holland und in Österreich.

Die Alpenrepublik baut rund um die deutschen Niedrigpreise gerade ein wunderbares Geschäftsmodell mit dem Arbeitstitel: Grüne Batterie Europas. Das Land baut seine Pumpspeicherkraftwerke systematisch aus. Sie nehmen den überschüssigen Windstrom aus Norddeutschland - im besten Fall gegen Entgelt, im zweitbesten für lau -, und treiben damit ein Pumpensystem an, das Wasser eines künstlichen Sees von einem niedrigen auf ein hohes Niveau hievt. Zu geeigneter Zeit wird das Wasser wieder heruntergelassen über eine Strom produzierende Turbine. Geeignet ist die Zeit, wenn an der Strombörse hohe Preise dafür erzielt werden können.

Ein Netzproblem der besonderen Art

Wenn es ganz blöd läuft für Deutschland, dann verschenkt es morgens seinen Strom an Österreich, um ihn abends wieder teuer zurückzukaufen. Berechnungen zufolge haben deutsche Haushalte den billigen Strom der Nachbarn im vergangenen Jahr mit bis zu drei Milliarden Euro bezahlt. Allerdings gibt es auch Klagen in Nachbarländern. In Holland werden - ebenso wie hierzulande - mehrere Gaskraftwerke geschlossen, weil sie mit dem heruntersubventionierten Strom aus Deutschland nicht mehr mithalten können.

Damit ist die Belastung des normalen deutschen Bürgers noch nicht allumfassend beschrieben. Er bezahlt ferner für ein besonderes Netzproblem. Voriges Jahr konnten die Netzbetreiber 421 Millionen Kilowattstunden Strom schlicht nicht aufnehmen, weil es sonst zu einem Blackout gekommen wäre. Den größten Anteil am nicht abgenommenen Strom hatten Windkraftwerke. Diese sogenannte Ausfallarbeit hat sich seit 2010 verdreifacht. Sie wird bezahlt, weil man ja den Windrädern nicht vorwerfen kann, dass für ihre Energie gerade einmal keine Leitung frei ist. Die Rechnung übernehmen indirekt die deutschen Verbraucher, im Vorjahr schon rund 33 Millionen Euro.

Sondervergütungen und Ausfallzahlungen

Weitere Zahlungspflichten entstehen bei Windparks im Meer. Der Verbraucher haftet, wenn fertige Windparks nicht ans Netz angebunden werden, weil Leitungen fehlen. Auch einige konventionelle Kraftwerke vor allem südlich der Mainlinie gehen nicht leer aus. Sie bekommen Sondervergütungen dafür, dass sie am Netz bleiben, um einzuspringen, wenn Not am Mann ist. Zusätzliche Kosten entstehen dem Bürger und vielen Firmen durch zahlreiche Ausnahmen, die vor allem große Unternehmen in Anspruch nehmen.

Ein relativ frisches Thema mit Potential zur Kostenproduktion ist die Nachfragesteuerung. Wenn das Angebot sich nicht an die Nachfrage hält, so muss sich die Nachfrage eben nach dem Angebot richten, sprich Aluminiumhütten als Großverbraucher fahren ihre Produktion herunter, wenn der Wind nicht so will, wie er sollte. Klar bekommt die Hütte den Ausfall bezahlt. Das ist ja schon fast Ehrensache und vermutlich unerheblich angesichts einer kumulierten Einspeisevergütung, die der noch amtierende Umweltminister Peter Altmaier auf eine Billion Euro bezifferte. Mit diesem Wissen muss sich kein Bürger über ständig steigende Strompreise wundern.

Weitere Themen

Goldig wohnen

FAZ Plus Artikel: Fahrbericht Ford Nugget : Goldig wohnen

Hinein in die Puppenstube, der Ford Nugget ist wohnlich für zwei Leute und taugt notfalls auch für vier. Er wirkt von außen unauffällig, passt in viele Parkhäuser und fährt sich wie jeder Transit. Billig ist er aber nicht.

Topmeldungen

Will Amerika weniger abhängig in kritischen Technologien machen: Joe Biden

Wettstreit mit China : Biden macht Mikrochips jetzt zur Chefsache

Amerika fürchtet um seine Dominanz in der Chip-Industrie. Sogar die nationale Sicherheit sieht das Weiße Haus in Gefahr. Kurzfristig drohen Produktionsausfälle in Schlüsselindustrien.
Lithium-Abbau in der Atacama-Wüste im Norden Chiles
am Uyuni-Salzsee in Bolivien (unten)

Kampf um das „weiße Gold“ : Wettrüsten im Lithium-Dreieck

Noch kommen viele Akkus nicht ohne den seltenen Rohstoff aus. Die Nachfrage steigt rasant in Südamerika, wo es die größten Lithium-Reserven der Welt gibt. Aber die Lage dort ist schwierig.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.