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Energiewende paradox : Deutschlands wundersame Stromschwemme

Die Folge der Stromschwemme ist zunächst einmal so, wie sie die Jünger der Marktwirtschaft auch erwarten würden. Das hohe Angebot drückt die Preise. Tatsächlich sind die Großhandelspreise ohne Steuern und andere Aufschläge auf ein Niedrigniveau geschrumpft. 2012 betrug der Börsenstrompreis im Jahresmittel traumhaft günstige 4,3 Cent pro Kilowattstunde, was schon unter den Produktionskosten einzelner Kraftwerke liegt. Dieses Jahr setzt sich die seit 2009 währende Talfahrt des Strompreises fort.

Ökostrom an der Börse

Im ersten Halbjahr 2013 hat sich die Zahl der Stunden, in denen der Strom nur zu Niedrigpreisen an den Börsen (zwischen 1 und 0 Cent je Kilowattstunde) verkauft werden konnte, gegenüber dem ersten Halbjahr 2012 fast vervierfacht. Noch verrückter: Die Zahl der Stunden, in denen man jemandem Geld geben musste, damit er das Zeug abnahm, hat um etwa 50 Prozent zugenommen. Das hat ausgerechnet eine Studie für die Bundestagsfraktion der Grünen ermittelt. Die Übersetzung lautet: Der Strom hat immer häufiger einen negativen Preis. Ökonomen würden vermutlich an dieser Stelle sagen, auch solche negativen Preisen sind Marktsignale. Nur bedeuten sie in diesem Fall auch, dass eine komplett sinnentleerte Maschine mit dem einzigen Zweck, den überzähligen Strom der Börse zu verbraten, theoretisch Millionen scheffeln könnte.

Der Ökostrom kommt nun also ungebremst an die Börse, ob es eine Nachfrage gibt oder nicht - und erzeugt oft niedrige Strompreise. Der Preis spielt aber weder für Windradbesitzer noch für Netzbetreiber eine Rolle. Dem Windradbesitzer ist er komplett egal, weil er zu Festpreisen vom Netzbetreiber vergütet wird. Dem Netzbetreiber ist der Preis auch schnuppe, denn er holt sich das Restgeld vom Stromkunden.

Die EEG-Umlage sorgt dafür, dass wir von Börsenpreisen nicht profitieren

Der Stromkunde allerdings könnte eigentlich profitieren. Müsste er nicht die sogenannte EEG-Umlage zahlen, deren Höhe fürs neue Jahr an diesem Dienstag bekanntgegeben wird. Sie dürfte sich bei sechs Cent pro Kilowattstunde Strom einpendeln, worauf noch einmal 19 Prozent Mehrwertsteuer geschlagen werden. Damit liegt die EEG-Umlage deutlich über dem Börsenpreis für Strom selbst. Dass Abgaben auf ein Produkt seinen Nettopreis übersteigen, ist eine Rarität, die sonst nur bei Zigaretten und Treibstoff bekannt war.

Ermittelt wird die Umlage von den Netzbetreibern. Sie summieren die Vergütungen für Ökostrom, die sie an Bauern und andere Unternehmer für ihren Wind-, Sonnen- oder anderen Ökostrom überwiesen haben. Davon ziehen sie die Einnahmen ab, die sie aus dem Verkauf des Ökostroms an der Strombörse erzielen. Heraus kommt die EEG-Umlage pro Kilowattstunde. Die wird über die Stromrechnung eingezogen. Über die Abrechnungstechnik kann man nicht meckern. Nur erscheint das Ergebnis etwas schräg. Ist der Börsenpreis niedrig, leidet der Kunde, weil die Ökostromumlage hoch ist. Ist die Umlage niedrig leidet der Kunde genauso, weil dann der Börsenpreis hoch ist.

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