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Energiewende in Schleswig-Holstein : Wind of change

Neue Infrastruktur für neue Energie Bild: dpa

In Schleswig-Holstein wurde die Energiewende schon vor 23 Jahren eingeleitet. Nun steht der weitere Ausbau der Windkraftanlagen bevor. Doch dafür muss erst einmal die notwendige Infrastruktur geschaffen werden.

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          Schleswig-Holstein ist, bezogen auf seine Einwohnerzahl von 2,8 Millionen, das Bundesland mit der größten Kernkraftwerksdichte. Drei gibt es, alle an der Elbe gelegen. Brunsbüttel und Krümmel sind abgeschaltet, werden wohl auch nie wieder an das Netz gehen. Brokdorf wird nach Lage der Dinge 2021 als letztes Kernkraftwerk in Deutschland abgeschaltet. Es gilt als das ertragreichste. Schon vor 23 Jahren allerdings wurde in Schleswig-Holstein über Windenergie nachgedacht, naturgemäß vor allem an der Westküste. Der erste Windpark entstand bei Husum, finanziert von einer bayerischen Bank.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Wer nicht will weichen, muss deichen“ – diese Weisheit galt auch für die Windenergie: Wer den Wind nicht nutzt, nimmt sich eine wirtschaftliche Lebensgrundlage. So begann damals im Norden die Energiewende. Die ersten Windräder wurden von den Bewohnern gebaut. Die Akzeptanz war entsprechend groß. In Kiel wurden eher als in allen anderen Bundesländern erstmals verbindliche Ziele formuliert, welchen Anteil seines Energiebedarfs das Land aus regenerativen Energien beziehen wollte.

          Bis 2010 sollten 1200 Megawatt durch Wind erzeugt werden. Sieben Jahre vor der Zeit wurde das Ziel erreicht. 2020 sollen es hundert Prozent des Energiebedarfs sein, sagt Wirtschaftsminister Jost de Jager (CDU). Dabei spielt Offshore die Hauptrolle, also Windanlagen auf See. Sieben Windparks in der See sind in Schleswig-Holstein genehmigt.

          Windkraftanlagen auf dem Land erneuern

          Die auf dem Land schon stehenden Anlagen sollen erneuert werden durch das sogenannte Repowering, also den Einbau moderner, größerer, stärkerer Anlagen. „Das ist eine Wertschöpfungschance für uns“, sagt der Minister. Er setzt hinzu: „Das braucht aber auch eine eigene Infrastruktur. Man wird das im Land sehen.“ Moderne Windkraftanlagen sind 110 Meter hoch, mit Flügel 130 Meter. „Aber nicht die Anlagen selbst, sondern der Netzausbau ist das Hauptproblem“, sagt Minister de Jager. Dafür sollen Trassenkorridore im Land festgelegt werden.

          Der Bund wollte die Bundesnetzagentur zur Entscheidungsbehörde dafür machen und so das Planfeststellungsverfahren verkürzen. Schleswig-Holstein hätte das begrüßt. Andere Länder wollten es anders und haben sich durchgesetzt. Nun wird es eine von den Ländern getragene Behörde geben. In Schleswig-Holstein dürfte die erste Herausforderung dabei eine erste sogenannte Hochspannungsgleichstromleitung (HGÜ) werden, die von Büsum in den Süden Deutschlands führen soll. Die Technik dahinter ist eine deutsche Erfindung. Anders als Wechselstrom kann Gleichstrom über lange Strecken beinahe verlustfrei übertragen werden. „Wir haben Stromleitungen wie Bundesstraßen, aber wir brauchen Autobahnen“, sagt Lex Hartman, der Geschäftsführer des Netzbetreibers Tennet. Damit sind vor allem Leitungen von Nord nach Süd gemeint. Genauso wichtig ist aber, dass das Leitungsnetz auch dann genug Strom anbietet, wenn der Wind nicht ganz so stark bläst.

          Mehr Beteiligung der Bürger gefordert

          Was das bedeutet, zeigt Hartman an einem Beispiel: 2003 habe es nur zwei stabilisierende Eingriffe in das Netz gegeben, etwa durch Zuschaltung anderer Kraftwerke. In diesem Jahr waren es schon mehr als 800 – vor allem seit dem Abschalten der älteren Kernkraftwerke. „Versorgungssicherheit ist für uns die größte Herausforderung“, so Hartman.

          Das alles wird das Land verändern. De Jager will mehr Beteiligung der Bürger an den Netzausbauplänen. Klaus Rave, der aus Schleswig-Holstein stammende Vorstandsvorsitzende des Global Wind Energy Council, fordert sogar, die Bürger „materiell an den Netzen zu beteiligen“. In gewisser Weise ist Schleswig-Holstein tatsächlich zu einem Zentrum der Windenergie geworden. Husum ist Gastgeber der Messe für Windkraft. Es gibt ein spezielles Berufsausbildungszentrum erneuerbare Energien, zwei Stiftungsprofessuren Wind in Flensburg.

          Investitionen für Verschiffung von Windkraftanlagen

          Eine halbes Dutzend große Anbieter von Windkraftanlagen gib es in Deutschland. Für Schleswig-Holstein ist eine besondere Erfolgsgeschichte die von Repower, einem inzwischen börsennotierten Unternehmen. Die Firmenszentrale steht in Rendsburg am Nord-Ostsee-Kanal. Von hier aus werden die etwa 2000 Anlagen der Firma überwacht. Repower war – wie auch andere Windkraftanlagenbauer – am ersten Windpark auf See, Alpha Ventus, beteiligt, welcher der Forschung dient. Zwei weitere plant Repower in Deutschland.

          Da wird es dann auch für die Häfen im Land interessant, für Brunsbüttel etwa, wo genug Flächen hinter dem Hafen zur Verfügung stehen, um die riesigen Teile der Windkraftanlagen zu lagern und vorzumontieren. Derzeit wird mit dem Land verhandelt, wie der Bau einer neuen Kaianlage für die Verschiffung von Windkraftanlagen finanziert werden kann. Frank Schnabel, der Hafendirektor, meint: „Man muss Millionen investieren, aber wenn man es nicht tut, ist man eben auch nicht dabei, wenn es mit den Windanlagen auf See so richtig losgeht.“

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