https://www.faz.net/-gpf-73l5c

Energiewende : Der Triumph der Planwirtschaft

Die geplante Verteilung der Energieträger bis zum Jahr 2050

Manchmal droht Verstopfung besonders auf der Stromautobahn, die von Nordosten nach Süden führt. Dann kann der Norden die Nachfrage aus dem Süden nicht decken, der Netzbetreiber greift zum sogenannten Redispatching: Er drosselt Kohlekraftwerke im Norden und verpflichtet Kohlekraftwerke im Süden, die Nachfrage zu stillen. Klingt technisch, kostet aber viel Geld. Denn die Netzbetreiber müssen die Kraftwerksbetreiber entschädigen. Die Firma „50Hertz“ beziffert die sogenannten Redispatch-Kosten auf 100 Millionen Euro allein 2011. Mit zeitlicher Verzögerung können die Netzbetreiber diese Kosten auf die Netzentgelte und damit auf die Verbraucher umlegen.

Auch hier kommt ein klassischer Fehler der Kommandowirtschaft zum Tragen: die mangelnde Synchronität der Wirtschaftssektoren. Man baut ein Windrad nach dem anderen im windreichen Norden, hat aber nicht genügend Leitungen, den Strom in den hungrigen Süden zu bringen.

Der Schauer des düsteren, kalten, windstillen Wintertages

Die herkömmliche Planwirtschaft hatte in der Praxis immer das eine Problem: Sie konnte die wahre Nachfrage nie decken. Es gab immer zu wenig. Dasneue Ökostrom-Produktionsregime reagiert ebenfalls schleppend auf die wahre Stromnachfrage: Es liefert entweder zu wenig oder in Zukunft wohl immer häufiger zu viel. Der ungebremste Ausbau des Ökostroms ist daran schuld, er orientiert sich nicht nach dem Bedarf.

Gleichzeitig ändert der Ausbau nichts daran, dass man weiter dringend Kohle- und Gaskraftwerke braucht. So lässt ein düsterer, kalter, windstiller Wintertag die Netzbetreiber erschauern: Dann wird viel Strom verlangt, den der um abgeschaltete Kernkraftwerke ausgedünnte klassische Kraftwerkspark liefern muss, denn Windmühlen und Photovoltaik liefern zu wenig Strom. Im letzten Winter musste Österreich zweimal einspringen, um den Blackout abzuwenden.

Die dringend benötigten konventionellen Kraftwerke allerdings werden immer häufiger zu Reservisten gemacht, was gefährliche Konsequenzen nach sich zieht. 2020 laufen sie 40 Prozent bis 50 Prozent weniger als heute, rechnet die Energiewirtschaft. Denn die Kraftwerke dürfen nur noch einspringen, wenn Ökostrom fehlt.

„Marktwirtschaft ist nicht alles“

Was folgt daraus? Wenn Gas- und Kohlekraftwerke weniger arbeiten dürfen, verdienen sie weniger. Deshalb spielt Eon offenbar mit dem Gedanken, Gaswerke im Süden abzustellen. Gerade in Bayern verderben Photovoltaik-Anlagen (dort sind erstaunliche drei Solarpanele pro Kopf installiert) die Gewinnchancen von Gaswerken. „Das Stilllegen kann nicht hingenommen werden“, polterte die Bundesnetzagentur. Im liberalen Wirtschaftsministerium kursiert die Idee, das Abschalten von unrentablen Kraftwerken schlicht zu verbieten, um einen Blackout zu verhindern. Weil man aber die Kraftwerke braucht, wenn Wind und Sonne gerade nicht liefern, wird nun darüber nachgedacht, die Anlagen nicht für Arbeit, sondern für ihre Existenz zu bezahlen. Damit wären die Zustände der alten Energiemonopolwirtschaft wiederhergestellt.

Damit nicht genug: Wenn der Ausbau in diesem Tempo weitergeht, wird der Ökostrom nicht nur konventionelle Kraftwerke auf die Ersatzbank schicken, sondern auch mit sich selbst konkurrieren zu bestimmten Jahres- und Tageszeiten. Die ungeklärte Frage ist dann, welcher Ökostrom abgeklemmt wird. Bezahlen wird ihn der Verbraucher trotzdem müssen: Den Betreibern von Wind- und Solaranlagen wurden ja schließlich Preise und die Abnahme garantiert. „Marktwirtschaft ist nicht alles“, sagt Umweltminister Peter Altmaier.

Weitere Themen

Massenproteste gegen Präsident Keita in Mali Video-Seite öffnen

Plünderungen und Gewalt : Massenproteste gegen Präsident Keita in Mali

Das westafrikanische Krisenland Mali wird von Protesten gegen Präsident Ibrahim Boubacar Keita erschüttert. Der hat nun Auflösung des Verfassungsgerichts angekündigt und kam damit einer Forderung der Opposition nach. Die Regierungskritiker wollen allerdings so lange weiterdemonstrieren, bis Keita zurücktritt.

Topmeldungen

Reinigung des Hamburger Bismarck-Denkmals im April 2020

Geschichtsbild der Deutschen : Preußen, ein Zombie

Liegen die Gründe für das, was Deutsche an Gegenwart und Staat so stört, vielleicht viel weiter zurück, als man denkt? Zum Beispiel genau 150 Jahre, als Deutschland seine erste Wiedervereinigung feierte?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.