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Energiewende : „Auf uns rollt ein Kosten-Tsunami zu“

  • Aktualisiert am

Teure Energiewende? Bild: dpa

Die Stromkosten steigen, die Versorgung wird unsicherer, Wettbewerb auf dem Strommarkt findet praktisch nicht mehr statt. Die deutsche Monopol-Kommission warnt in einem Gespräch mit der F.A.Z. vor einem „Kosten-Tsunami“ und fordert ein Umsteuern.

          Herr Professor Haucap, ein Energiegipfeltreffen ist vorüber, das nächste kommt. Wird auch die Monopolkommission um Rat gefragt?

          Nein. Wettbewerb spielt bei der Energiewende keine Rolle. Wir erleben eher das Gegenteil. Der mühsam erkämpfte Wettbewerb auf dem Energiemarkt wird wieder zurückgedrängt.

          Wie soll das anders gehen, solange erneuerbare Energien noch nicht konkurrenzfähig sind?

          Es mag ja sein, dass man vorübergehend einen Schutzzaun braucht. Aber dann könnte man zumindest zwischen den erneuerbaren Energien für Wettbewerb um die günstige Technologie, Energieform und Anlagengröße sorgen.

          „Es gibt kein Grundrecht auf Überkompensation und Extraprofite für die Solarindustrie“, sagt Justus Haucap, Chef der Monopolkommission und Gündungsdirektor des Düsseldorf Institute for Competition Economics.

          Was schlagen Sie vor?

          Ein Weg wäre eine Quotenlösung. Jeder Stromversorger würde verpflichtet, einen bestimmten Anteil Strom aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Dann würde er automatisch dort einkaufen, wo es am günstigsten ist. Oder wir organisieren Ausschreibungen, um ohne den Umweg über den Strompreis erneuerbare Energien zu beschaffen. Das ginge ähnlich wie bei den Verkehrsverbünden, wenn sie regionale Zugverbindungen an den Anbieter mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis vergeben.

          Dieser Zug ist doch abgefahren?

          Vielleicht lässt sich ein Anteil erneuerbarer Energien von 35 Prozent in dem jetzigen Fördersystem gerade noch verkraften. Wenn man die Energieversorgung jedoch weiter umbauen will, muss man auch das Fördersystem von Grund auf ändern. Dafür wird es politische Koalitionen geben, und auch Brüssel wird ein Wort mitreden.

          Der Bundesrat hat sogar die geplante Senkung der Solarförderung blockiert. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

          Es findet ein Umdenken in der Politik statt, wenn auch noch nicht öffentlich, weil wir 2013 eine Bundestagswahl haben. Die Verbraucherschützer schlagen heute schon Alarm, und auch Industrie und Gewerkschaften haben ein Interesse daran, dass die Arbeitsplätze in Deutschland bleiben. Und dafür kann man nicht ganze Industrien ausnehmen und die EEG-Umlage noch stärker auf kleine Unternehmen, Handwerker und Privatleute abwälzen. Die hohen Strompreise brächten dann den sozialen Frieden in Gefahr.

          Die Bundesregierung bemüht sich, die Umlage für den Ökostrom auf 3,5 Cent je Kilowattstunde zu begrenzen. Wird das gelingen?

          Vor einem Jahr hatten wir das zweifelhafte Glück, dass die Strompreise relativ hoch waren, so dass die Umlage, mit der die Differenz zwischen Börsenpreis und Einspeisevergütung ausgeglichen wird, im Rahmen geblieben ist. Ich glaube nicht, dass sich das wiederholt.

          Was erwarten Sie?

          Nicht 3,5 Cent wie heute, sondern die Fünf vor dem Komma und die Drei dahinter, also ein Anstieg auf etwas über 5 Cent scheint mir nicht unrealistisch zu sein. Selbst wenn es beim heutigen Satz bliebe, rollt ein Kosten-Tsunami auf uns zu. Allein die bisherigen Zusagen belaufen sich ja schon auf mehr als hundert Milliarden Euro.

          Immerhin gibt es inzwischen eine Prämie für die Ökostrom-Vermarktung. Ein erster Schritt für die Marktintegration?

          Die Prämie ist bestenfalls Kosmetik, schlimmstenfalls kontraproduktiv. Wir sehen enorme Mitnahmeeffekte, und deshalb ist es kein Erfolg, dass die Prämie so ein großes Echo findet. Dadurch bezahlen die Verbraucher noch mehr für erneuerbare Energien.

          Viele Bundesländer fürchten um Jobs, wenn die Solarförderung gekürzt wird.

          Es gibt kein Grundrecht auf Überkompensation und Extraprofite für die Solarindustrie. In einem ersten Schritt müsste man das ganze Thema entpolitisieren und die Festsetzung der Einspeisevergütung der Bundesnetzagentur überlassen. In seiner ursprünglichen Philosophie sollte das Fördersystem nur die höheren Gestehungskosten für erneuerbaren Strom ausgleichen. Die Netzagentur wäre die richtige Adresse, um eine saubere Rechnung vorzunehmen.

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