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Energiegewinnung : Biosprit aus Abfall statt aus Mais

Große Tanks für kleine Teile: Bioreaktoren von Novozymes Bild: Novozymes

Der dänische Enzymhersteller Novozymes arbeitet an der nächsten Generation von Ethanol. Der Biokraftstoff soll künftig aus Pflanzenresten gewonnen werden.

          3 Min.

          Während in Deutschland noch darüber gestritten wird, ob der Anbau von Energiepflanzen zur Produktion von Biosprit moralisch vertretbar und ökologisch sinnvoll ist, beginnt in anderen Teilen der Welt schon die Erprobung der nächsten Generation von Kraftstoffen auf pflanzlicher Basis. In China ist schon eine Fabrik in Betrieb, die im industriellen Maßstab Ethanol aus Pflanzenresten herstellen soll - statt Maiskörnern werden dafür dann Stengel, Halme und Blätter verarbeitet. In Italien, Brasilien und in den Vereinigten Staaten sollen in den kommenden Monaten weitere Fertigungsstätten folgen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der wichtigste Lieferant der für diese Umwandlung nötigen biochemischen Katalysatoren ist das dänische Unternehmen Novozymes AS, das sich selbst als Weltmarktführer in der Herstellung industriell nutzbarer Enzyme bezeichnet und alle vier Pionieranlagen beliefert. „Im nächsten Jahr wird sich zeigen, wie robust diese Technik ist“, kündigt Peder Holk Nielsen, der im Novozymes-Vorstand für die Enzymsparte verantwortlich ist, im Gespräch mit dieser Zeitung an. „Anfang 2014 werden dann die großen Konzerne entscheiden, ob sie in das Verfahren investieren oder nicht.“

          Das Geschäft mit den Enzymen

          Novozymes hat im vergangenen Halbjahr 16 Prozent seines Umsatzes von 5,6 Milliarden Kronen (750 Millionen Euro) mit Enzymen für die Ethanolproduktion gemacht. Rund 85 Prozent davon entfallen wiederum auf die Vereinigten Staaten, 5 Prozent auf Kanada, der Rest auf Europa.

          Wichtiger als das Biokraftstoffgeschäft sind für den Konzern Enzyme, die in Waschmitteln oder zur Lebensmittel- und Getränkeherstellung eingesetzt werden. Das Unternehmen, das vor zwölf Jahren vom Arzneimittelhersteller Novo Nordisk abgespalten wurde und wie dieser von der Novo-Stiftung kontrolliert wird, weist für das erste Halbjahr einen Nettogewinn von rund 1 Milliarde Kronen aus, was einer Marge von 18 Prozent entspricht.

          Dass der Anteil der Biokraftstoffsparte am Gesamtgeschäft gegenüber dem Vorjahreszeitraum leicht zurückgegangen ist, liegt laut Nielsen nicht etwa am Maispreis, der zuletzt als Folge der Dürre in wichtigen amerikanischen Anbaugebieten deutlich gestiegen ist, sondern am gesunkenen Kraftstoffverbrauch in den Vereinigten Staaten.

          Dort hat die Regierung nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ein groß angelegtes Programm zur Förderung des Biokraftstoffs aufgelegt. Das Ziel war, bis 2015 eine Produktion von rund 15 Milliarden Gallonen zu 3,8 Liter Bioethanol im Jahr zu erreichen. So sollten 10 Prozent des Benzinverbrauchs gedeckt werden. Gleichzeitig wurde die Beimischung zum Benzin auf 10 Prozent begrenzt.

          In der Folge seien rund 250 Ethanolfabriken entstanden, das Geschäft war lukrativ. „In der Herstellung kostet Bioethanol heute nicht mehr als herkömmliches Benzin“, sagt Nielsen. „Aber bis zum Ende des vergangenen Jahres gab es in Amerika für die Anbieter sogar noch einen staatlichen Zuschuss, so dass sie bis zu 1,50 Dollar Gewinn je Gallone gemacht haben.“ In diesem Jahr werde die Produktion gut 13 Milliarden Gallonen erreichen, überschlägt Nielsen - und damit den angestrebten Anteil mehr als abdecken, da neuere Motoren und ein verändertes Fahrverhalten den Verbrauch insgesamt gesenkt hätten.

          „Auf lange Sicht ist das die bessere Lösung“

          Das nächste politisch vorgegebene Ziel in Amerika sei nun, bis 2025 zusätzlich rund 16 Milliarden Gallonen Bioethanol aus dem in Pflanzenresten enthaltenen Zellstoff (Zellulose) herzustellen. „Auf lange Sicht ist das die bessere Lösung“, räumt Nielsen mit Blick auf die vor allem in Deutschland geführte Debatte über die Verwendung von Nahrungsmitteln für die Kraftstoffproduktion ein. Novozymes habe umgerechnet mehr als 100 Millionen Euro in die Erforschung und Entwicklung von Enzymen investiert, die Zellulose in Zucker umwandeln und damit für die Ethanolherstellung nutzbar machen.

          Während die Vereinigten Staaten durch ihre Anschubförderung Bioethanol der ersten Generation konkurrenzfähig gemacht hätten, werden nach Nielsens Einschätzung nun andere Länder vorangehen. „Brasilien hat beispielsweise ein klares ökonomisches Interesse daran“, erläutert Nielsen. Dort fallen in der Zuckerrohrverarbeitung als Restprodukte große Mengen von Fasern an, aus denen künftig Bioethanol entstehen soll.

          Der moralische Streit sei kein Thema mehr

          Die größte der demnächst in Betrieb gehenden Fabriken wird jedoch nicht in Südamerika, sondern in Norditalien stehen. Dort errichtet der italienische Chemiekonzern M&G eine Fertigungsstätte, die im Herbst den Betrieb aufnehmen und künftig rund 50 Millionen Liter Bioethanol aus Agrarabfällen im Jahr erzeugen soll.

          Ob das Ausgangsmaterial besser auf dem Teller oder im Tank aufgehoben sei, werde in diesem Fall keinen Anlass zum Streiten mehr liefern, glaubt Peder Nielsen. „Zellulose wird ohne diese Kritik auskommen.“

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