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Ein Jahr nach Fukushima : Fast ohne Atomstrom

Reaktor in Ohi in der Präfektur Fukui: Das Misstrauen sitzt tief
          3 Min.

          Die Vorstände der japanischen Energieunternehmen und die Aktivisten der eher kleinen Anti-Atomkraft-Bewegung in Japan haben in diesen Tagen eines gemeinsam. Gebannt warten sie auf den 26. März und auf die letzte Aprilwoche. Dann werden die beiden letzten Strom produzierenden Atomkraftwerke des Landes wegen Wartungsarbeiten vom Netz genommen. Ein Jahr nach dem verheerenden Tsunami und der Atomkatastrophe in Fukushima sind in Japan von 54 Atommeilern nur noch 2 am Netz.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Taro Kono, ein bekannter Politik der oppositionellen Liberaldemokratischen Partei, frohlockt. „Das zeigt, dass es auch ohne Atomkraft geht“, sagt er. Seine Partei, die Japan bis 2009 ein halbes Jahrhundert lang regierte, hat die Atomenergie stets mit großen Summen gefördert. Zweifel waren nicht erlaubt, zu eng war die Partei mit den einflussreichen Energiekonzernen verflochten. „Jetzt kommen viele meiner Abgeordnetenkollegen und sagen: Du hast wohl doch recht gehabt“, sagt Kono, der schon lange vor der Katastrophe Atomkraft-Gegner gewesen ist.

          Im dünnbesiedelten Fukui stehen 14 Atomkraftwerke

          Obwohl Japan ein Jahr nach der Katastrophe in Fukushima praktisch zum atomkraftfreien Land wird, gibt es keine Engpässe in der Energieversorgung. In der Hauptstadt Tokio, wo im Sommer Beleuchtung und Klimaanlagen noch auf Sparflamme liefen, sparen in diesem Winter weder die Haushalte noch die Geschäfte an Energie. Hohe Gasimporte tragen dazu bei, die Stromlücke zu füllen, die die Abschaltung der Atomkraftwerke schafft. Im Januar hat die Energieversorgung bereits wieder ein Niveau erreicht wie im Jahresdurchschnitt 2010. Dennoch warnt Industrie- und Handelsminister Yokio Edano. „Es wird schwierig, ohne Atomkraft über den Sommer zu kommen.“

          Sein Ministerium arbeitet daran, die Gesetze zu ändern, in denen geregelt ist, wann die Atomreaktoren nach den Wartungsarbeiten wieder hochgefahren werden dürfen. Bislang müssen neben der Atomaufsicht und dem Wirtschaftsministerium auch die kommunalen Behörden zustimmen. Und die sperren sich seit Fukushima. Manches Atomkraftwerk, das Wartungsarbeiten und Stresstest in den letzten Monaten bereits erfolgreich bestanden hat, bleibt deswegen abgeschaltet.

          Ein Blick in die Präfektur Fukui zeigt das. Von Fukui aus werden zum Beispiel die Großstädte Osaka oder Kyoto mit Strom versorgt. In der dünnbesiedelten Provinz stehen 14 Atomkraftwerke - die höchste Zahl im ganzen Land. Als dort in dieser Woche der Reaktor in Takahama abgeschaltet worden ist, meinte Fukuis Gouverneur nur, er werde nicht zustimmen, das Kraftwerk wieder anzuschalten, auch wenn die Regierung behaupte, die Reaktoren seien sicher. Das Misstrauen sitzt tief. Es rächt sich, dass Konzerne und Politik bis zum 11. März stets jedes Risiko geleugnet und behauptet hatten, Atomkraft sei sicher, „zu 100 Prozent“.

          Ein kompletter Ausstieg wird nur von Außenseitern gefordert

          Knapp 30 Prozent des Stroms in Japan haben vor dem 11. März 2011 die Atomkraftwerke des Landes produziert. Aktuell sind es noch 3 Prozent, Ende April wird es Atomstrom erst einmal nicht mehr geben. Um die Energielücke zu schließen, haben Japans Energieunternehmen seit dem 11. März 2011 alle ihre Gas- und Ölkraftwerke wieder hochgefahren. Da vor allem die Gaskraftwerke wegen der hohen Kosten kaum ausgelastet waren und nur zu Spitzenzeiten Strom produzierten, ging das relativ problemlos. Doch es ist ein Balanceakt.

          „Es ist nicht ganz so einfach, wie es aussieht“, warnt Makoto Yagi, Präsident des zweitgrößten Energieunternehmens, der Kansai Electric Power in Osaka. Die Öl- und Gaskraftwerke führen jetzt volle Last, um die Energieversorgung zu sichern. „Aber auch die müssen mal gewartet und dafür vom Netz genommen werden“, sagt Yagi. Und dann drohten Engpässe. Kansai Electric hat vor dem 11. März die Hälfte seines Stroms aus Atomkraft erzeugt, jetzt arbeitet keines seiner Atomkraftwerke mehr. Engpässe in der Energieversorgung sind hier, wo so wichtige Unternehmen wie der Elektrokonzern Panasonic ihren Hauptsitz und viele Fabriken haben, im Sommer nicht auszuschließen.

          Energie sparen alleine reiche nicht. „Wir müssen ernsthafter darüber nachdenken, die Atomkraftwerke nach den Stresstests wieder hochzufahren“, sagt Yagi. Minister Edano äußert sich zurückhaltender als die Industrie, schließlich zeigen neueste Umfragen, dass 70 Prozent der Japaner ohne Atomkraft leben wollen. Die Regierung will ihre neuen energiepolitischen Leitlinien erst im Sommer beschließen. In ersten Entwürfen heißt es, „die Abhängigkeit von der Atomkraft soll verringert werden“. Aber ein kompletter Ausstieg aus der Atomkraft wird heute nur von Außenseitern wie Taro Kono gefordert.

          Befürchtungen, auf dem Weltmarkt nicht wettbewerbsfähig zu bleiben

          Der ungeplante Atomausstieg Japans in den Monaten nach Fukushima fordert einen hohen Preis. Das Land ist gezwungen, mehr Öl, vor allem aber mehr Gas einzuführen. Die Kosten dafür sind gigantisch - mit der Folge, dass Japans Handelsbilanz 2011 erstmals seit der Ölkrise 1980 wieder tief in die roten Zahlen gerutscht ist. Die Kosten für Energieimporte lagen 2011 um fast 30 Prozent über denen des Vorjahres. Im Januar lag das Handelsdefizit bei 1,475 Billionen Yen (13,6 Milliarden Euro). Vor allem die Gaseinfuhr belastete die Bilanz.

          Das zeigt sich auch in den Bilanzen der Unternehmen. Allein Kansai Energy erwartet für das Geschäftsjahr, das am 31. März endet, wegen der höheren Kosten für Öl- und Gaseinfuhren einen Nettoverlust von 253 Milliarden Yen (umgerechnet 2,4 Milliarden Euro), nach 123 Milliarden Yen Gewinn im Vorjahr. Die Tokyo Electric Power (Tepco), die Betreibergesellschaft der havarierten Atomreaktoren, hat zum 1. April bereits Preiserhöhungen von 17 Prozent angekündigt. Die Industrie, die wegen der hohen Energiepreise ohnehin schon so energieeffizient wie möglich produziert, befürchtet, bei diesen Preisen auf dem Weltmarkt nicht mehr wettbewerbsfähig bleiben zu können.

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