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Deutschland und die Kernkraft : Unser Freund, das Atom

Ein Atomkraftgegner persifliert bei einer Demo in Hamburg den Walt-Disney-Streifen „Unser Freund, das Atom” Bild: dpa

In den fünfziger Jahren waren die Deutschen besoffen vom Atom. Friedlich sollte jetzt die Kernenergie genutzt werden. 20 Jahre später war alles anders: Es kam die Angst und der Protest. Und das schöne Märchen endete böse.

          6 Min.

          Am 23. Januar 1957 brachte Walt Disney einen Fernsehfilm in die Wohnzimmer Amerikas, der das alte Märchen vom Fischer und dem Dschinni auf eine neue Weise erzählt. Wie in Tausendundeiner Nacht befreit auch im Zeichentrick der fünfziger Jahre ein Fischer einen Geist (Dschinni) aus einer Lampe. Weil aber Undank der Welten Lohn ist, quittiert der Dschinni seine Befreiung mit Zorn und Feindschaft. Zur Strafe bugsiert der Fischer den Geist wieder zurück in die Lampe: Ein zweites Mal, so sagt er, werde ihm die Freiheit nur geschenkt, wenn er verspricht, für immer gut zu sein.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als Kommentator im Walt-Disney-Film tritt der deutsche Wissenschaftsjournalist Professor Heinz Haber auf (eine Art Ranga Yogeshwar der fünfziger Jahre). Er übersetzt das Märchen: Der Geist aus der Lampe ist das Atom. Einmal, in Hiroshima und Nagasaki, hat das Atom sich als Feind der Menschheit offenbart. Von nun an aber werde das Atom seine guten Seiten zeigen. Der im Auftrag der amerikanischen Regierung gedrehte Film, der auch deutschen Schulklassen gezeigt wurde, propagiert die „friedliche Nutzung der Atomenergie“. Der Film markierte den Beginn des guten „Atomzeitalters“.

          „Bleibe bitte für immer unser Freund“

          Das Atom, erklärt Walt Disneys Werk, werde, weil sauber, still und unendlich vorhanden, die endliche und schmutzige Energie aus Kohle und Öl ersetzen. Mehr noch: Es werde unsere Ernährung verbessern und uns alle satt und schließlich auch (Stichwort „Nuklearmedizin“) gesund machen. Mit Atom gegen den Krebs, hießt die Devise. Das Happy End ist ein beschwörender Appell an das Atom: „Bleibe bitte für immer unser Freund.“

          Es lohnt, den Walt-Disney-Streifen heute anzusehen (zum Beispiel bei: www.fixmbr.de/our-friend-the-atom/), um eine Ahnung zu kriegen, wie besoffen die Nachkriegszeit vom Segen des Atoms war. Wer damals die Kernkraft „nur“ als „Brückentechnologie“ bezeichnet hätte, wäre von der Mehrheit der Zeitgenossen verlacht worden. Sie zur Energiegewinnung zu nutzen, war die niederste Stufe des Atomsegens: Autos, U-Boote, Flugzeuge, im Grunde das ganze Leben, sollten vom Atom angetrieben werden. Der Traum von der friedlichen Atomindustrie sei die „Integrationsideologie der fünfziger Jahre“, schreibt der Historiker Joachim Radkau 1983 in seinem bis heute unübertroffenen Standardwerk über „Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft“.

          Das Pathos war ansteckend

          „Wir werden durch Atome leben“ tönte ein 1956 erschienenes Buch, dem Geleitworte von Otto Hahn, dem „Vater der Kernchemie“ und Franz Josef Strauß, dem ersten deutschen „Atomminister“ (aus dem das heutige Forschungsministerium hervorging) vorangestellt waren. Höhepunkt der weltweiten Atombegeisterung war eine Internationale Atomenergiekonferenz der Vereinten Nationen, die vom 8. bis 20. August 1955 in Genf tagte. Man berief sich auf eine berühmte Rede des amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower, der 1953 vor der Vollversammlung der UN die Welt dazu aufgerufen hatte, gemeinsam die Atomforschung zu betreiben. Ausdrücklich hatte Eisenhower die Sowjetunion dazu eingeladen. Im Jahr 1957 stellten sich 18 Atomforscher der Bundesrepublik mit der Erklärung der „Göttinger Achtzehn“ gegen die militärische, aber gerade nicht gegen die friedliche Nutzung der Atomkraft.

          Das Pathos war ansteckend (für Physiker mehr als für Ingenieure). „Es gibt überhaupt keinen Industriezweig, keine Fabrik und keine Werkstatt“, hatte der Atomphysiker Pascual Jordan 1954 behauptet, „die nicht erhebliche Arbeitsverbilligung erzielen könnte, wenn sie sich von einem praktischen Kernphysiker beraten ließe.“ Und Edgar Salin, ein damals bekannter deutscher Ökonom, der in Basel lehrte, verfasste seine „Ökonomik der Atomkraft“, in der er die Welt durchs Atom zum Blühen bringen und in eine neue Phase des Kapitalismus führen wollte. Wer keine Atomkraft im Angebot habe, meinte der Chemiemanager Siegfried Balke, „der wird auch keinen Staubsauger mehr verkaufen“. Salins und Balkes Träumereien wurden nur noch übertroffen von dem Marxisten Ernst Bloch, der in seinem „Prinzip Hoffnung“ davon schwärmte, die Atomenergie schaffe „in der blauen Atmosphäre des Friedens aus Wüste Fruchtland und aus Eis Frühling“. Auch das Godesberger Programm der SPD war vom Machbarkeitsglauben der Atomfreunde durchtränkt.

          Vom Hoffnungsträger zum Angstgegner

          Bloß die Energiewirtschaft, die die neuen Atomreaktoren betreiben sollte, zeigte sich skeptisch. RWE-Vorstandsmitglied Heinrich Schöller befürchtete, das Ganze werde am Ende nicht finanzierbar sein. Nachdem man gerade riesige Braunkohle-Tagebaue angelegt hatte, sah man zudem keine gesteigerte Notwendigkeit, ganz und gar aufs Atom zu setzen.

          Das hinderte die Energieunternehmen freilich nicht, sich die neuen Kraftwerke mehr oder weniger vollständig vom Staat finanzieren zu lassen. Womöglich war das sogar das strategische Ziel ihrer Skepsis: Wenn der Staat vom Atom besoffen ist, soll er auch die Rechnung übernehmen.

          So wurde aus Deutschland nach und nach seit den fünfziger Jahren ein Kernenergieland, in dem zwar rasch die taumelnden Weltbeglücker weiterzogen, aber über zwei Jahrzehnte das Atom von kaum einem in Frage gestellt wurde. 1969 prophezeite das „Handelsblatt“ unwidersprochen, dass zur Jahrtausendwende 80 Prozent des deutschen Stroms aus Atomkraft stammen werden. Denn: „Die Atomenergie ist wirtschaftlich geworden.“

          Es ist dann alles ganz anders gekommen. Vor allem in Deutschland. Mitte der siebziger Jahre, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als mit der Ölkrise auch die herkömmliche fossile Energie unsicher wurde, drehte sich die Stimmung gegen das Atom. Aus dem Hoffnungsträger wurde ein gewaltiger Angstgegner.

          Was war plötzlich anders?

          „Die Kontroverse über die Kernenergie“, sagt Historiker Radkau, „war die größte öffentliche Kontroverse in der bisherigen Geschichte der Bundesrepublik.“ Die Anti-AKW-Bewegung, in Bestform mit bis zu 120.000 Kundgebungsteilnehmern, stellte nicht nur alle Demonstrationen der Studentenbewegung in den Schatten, sie steht auch in der Welt einzigartig da. Hierzulande hat sie mindestens zwei Generationen tief geprägt.

          Im historischen Dunkel bleibt erstaunlicherweise bis heute eine Antwort auf die Frage, warum sich seit Mitte der siebziger Jahre eine hartnäckige und erfolgreiche Anti-Atombewegung etablieren konnte. Was war plötzlich anders? Weder Harrisburg noch Tschernobyl hatten damals schon der Welt das Fürchten gelehrt. Einzelne Störfälle, die es gegeben hat, waren den Protestierern nicht bekannt. Sie wurden erst später öffentlich. Und zwanzig Jahre lang hatte sich seit Mitte der fünfziger Jahre niemand um das Thema Atom geschert, erst recht nicht die Achtundsechziger.

          Gewiss, die überschäumende Atomeuphorie war bald erkaltet, nachdem Kernkraftwerke nicht mehr nur Vision, sondern Realität in Beton geworden waren. Wer den Bau eines AKW in seiner Nachbarschaft miterlebte, der fragte zunächst nach persönlicher Sicherheit und Naturschutz, nicht aber nach seinem Beitrag zur Weltenrettung durch das friedliche Atom. „Nimby“ (not in my back yard) nennt die Wissenschaft diesen erwartbaren Reflex. Kein Wunder, dass der aufkeimende Protest gegen den Bau eines Atomkraftwerks im badischen Wyhl (damit fing alles an) nicht zuletzt von den Kaiserstühler Winzern ausging, die durch die Nebelschwaden aus den Kühltürmen der Meiler Nachteile für ihren Wein befürchteten und vor einem „Ruhrgebiet am Oberrhein“ warnten.

          Atom? Bomben, Krieg, Vernichtung

          Erst später mischten sich unter die lokalen Bauern und Bürger zugereiste „Atomtouristen“ (oft konservative Technikkritiker), die vor den fundamentalen Risiken der Anlagen warnten. Da spätestens hatte eine tief sitzende Angst vor dem Atom die Erlösungssehnsüchte durch das Atom verdrängt.

          Warum? Offenbar war es weder der Atomlobby noch den Atompolitikern noch den linken Utopisten gelungen, die gefährliche semantische Nähe von Atom und Bombe zu entschärfen. Schon Mitte der fünfziger Jahre, als die „Dein Freund, das Atom“-Propaganda auf vollen Touren lief, assoziierten nach einem damaligen Bericht in der F.A.Z. beim Wort „Atom“ 76 Prozent der Bürger „Bomben, Krieg, Vernichtung“. Nur sechs Prozent dachten an „Kraft und Energie“ oder „Wissenschaft und Fortschritt“. Der Dschinni aus Tausendundeiner Nacht vermochte es offenbar nicht, glaubhaft zu machen, dass er fortan Freund des Fischers sein werde. Wer einmal böse und destruktiv ist, wird es im Zweifel auch ein zweites Mal sein.

          Atomangst und Krebsangst sind sich gefährlich ähnlich

          Joachim Radkau, der Chronist des Atomzeitalters, hat noch eine andere, unorthodoxe Vermutung, warum die Angst vor dem Atom plötzlich derart breit wirken konnte: Atomangst und Krebsangst sind sich gefährlich ähnlich. Beide Bedrohungen, der Krebs und die Radioaktivität, markieren Gefahren, die da sind, obwohl man sie nicht sieht, spürt oder fühlt. Und wenn man sie sieht und spürt, ist es meist zu spät. Angst ist eine Bedrohung, deren Objekt wir nicht kennen. „Angst“, schreibt Sigmund Freud, „ist Ausdruck des Rückzugs vor der Gefahr.“

          Bis in die sechziger Jahre dominierte in den westlichen Ländern die Angst vor Infektionskrankheiten, danach wurde die Krebsangst als kollektive Angst allgegenwärtig. Für Petra Kelly, grüne Ur-Aktivistin, war der Krebstod ihrer jüngeren Schwester im Kindesalter ein lebenslanges Trauma. Von radioaktiver Strahlung drohte der Krebs, das wusste man inzwischen. „Es hatte seine Logik, wenn sich viele Umweltaktivisten mit besonderer Erbitterung auf die Kernkraftwerke einschossen“, sagt Radkau.

          Eine Geschichte sei dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmste mögliche Wendung genommen hat, heißt es in den berühmten „21 Punkten“ zur Komödie „Die Physiker“ (1960) von Friedrich Dürrenmatt: „Die schlimmste mögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein.“ Und weiter: „Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.“ Dürrenmatts Komödie ist der Gegenentwurf zu Walt Disneys Märchen. Die Komödie ist uns heute näher als das Märchen.

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