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Atomdebatte : Wie wahrscheinlich ist die Katastrophe?

„Gefahr!” signalisiert der Container. Bild: dapd

Mit Risiken können die Menschen schlecht umgehen. Kaum einer hat ein Gefühl für Wahrscheinlichkeiten. Deshalb siegt das Gefühl über den Verstand. Und am Ende regiert die Panik.

          4 Min.

          Wie es dieser Tage zugeht in Deutschland, das konnte man vor ein paar Tagen in der U-Bahn in München erleben. Dort unterhielten sich zwei Männer besorgt über die Krebsgefahren, die ihnen aus dem havarierten Kernkraftwerk in Japan drohten. In Garching stiegen sie aus der U-Bahn aus. Und zündeten sich erst mal eine Zigarette an.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ungefähr so läuft die Diskussion über Atomenergie im Moment. Kaum einer hat ein Gefühl dafür, geschweige denn Fachkenntnisse, wie groß die Gefahren aus Atomkraftwerken sind. Noch vor einigen Wochen hielten Kernkraftfreunde Atommeiler für komplett sicher. Seit das japanische Kraftwerk Fukushima infolge der Naturkatastrophe außer Kontrolle geriet, gilt Atomstrom plötzlich als untragbar. Dabei hat sich am eigentlichen Risiko kaum etwas geändert. Einen schweren Unfall in 10.000 Betriebsjahren - so viel hatten Versicherungen für Kernkraftwerke westlichen Typs vorher kalkuliert. Inzwischen gibt es in rund 6000 Betriebsjahren den zweiten Unfall noch unbekannter Schwere in einem solchen Meiler (der erste geschah 1979 im amerikanischen Harrisburg). Da kann die Statistik wenig darüber sagen, ob die Kalkulation der Versicherer falsch ist. Doch das Gefühl der Menschen sagt anderes. Viele sind spätestens jetzt überzeugt davon, dass Atomkraftwerke übel sind.

          "Da ist auch die Sprache ein Problem", sagt Ortwin Renn. Der Risikoforscher lehrt Technik- und Umweltsoziologie in Stuttgart, er gehört zum Präsidium der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Und er verweist darauf, dass das Deutsche nur zwei beliebte Wörter für Gefahren hat: Etwas ist entweder "sicher" oder "unsicher". "Aber wenn ich alles nur zweigeteilt sehe, habe ich ein Problem. Es gibt schließlich nur größere oder kleinere Risiken. Nie ist etwas zu 100 Prozent sicher."

          Woran sterben die Menschen?
          Woran sterben die Menschen? : Bild: F.A.Z.

          Solche Probleme gibt es auch in anderen Sprachen. Das hat einen einfachen Grund: In allen Ländern fällt es den Menschen schwer, mit kleinen Wahrscheinlichkeiten umzugehen - wie zum Beispiel mit der Wahrscheinlichkeit, dass ein Unfall im Atomkraftwerk passiert. "Risiko in Zahlen zu messen ist eine relativ neue Entwicklung. Das ist für Menschen nicht artgerecht, selbst Experten haben damit ein Problem", sagt die Psychologin Britta Renner von der Universität Konstanz.

          Wie krass sich Experten täuschen, wenn sie mit kleinen Wahrscheinlichkeiten umgehen, hat zum Beispiel Gerd Gigerenzer herausgefunden, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Er fragte Ärzte nach ihrer Einschätzung, wie zuverlässig Vorsorgetests sind - etwa Brustkrebstests. Es ging um eine einfache Frage: Wenn eine 50-jährige Frau positiv auf Brustkrebs getestet wird, wie wahrscheinlich ist es dann, dass sie tatsächlich Brustkrebs hat?

          Nun sind solche Tests nie ganz zuverlässig. Manchmal schlagen sie auch bei gesunden Frauen an. Da nicht einmal jede hundertste 50-Jährige Brustkrebs hat, gibt es viele gesunde Frauen, bei denen die Tests einen Brustkrebs finden, den es gar nicht gibt. Am Ende hat nur jede zehnte positiv getestete Frau tatsächlich Brustkrebs. Fast alle Ärzte überschätzten die Gefahr kolossal.

          Es geht nicht nur Ärzten so. Die Kreditkrise aus dem Jahr 2008 zeigt, dass auch in Banken solche Fehler passieren - in jenem Fall allerdings mit umgekehrten Folgen. Damals hatten Mathematiker mit komplizierten Formeln das Risiko von Finanzprodukten berechnet und trotzdem die Gefahr einer katastrophalen Krise unterschätzt, die am Ende das ganze Bankensystem bedrohte. Danach war die Welt so überrascht, dass sie wie gebannt auf ein neues Buch des Ex-Börsenhändlers Nassim Taleb schaute, der "schwarze Schwäne" zur neuen Gefahr ausrief: Ereignisse mit kleiner Wahrscheinlichkeit, an die vorher eben keiner denkt.

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