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Atomausstieg : Die Kosten der Wende

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Einen Atomausstieg gibt es nicht umsonst, da müssen alle ran. Doch ohne neue Leitungen und Kraftwerke führt der Ausstieg sicher nur zum Stromausfall. Fraglich ist, wie lange die Liebe der Bürger zur Energiewende hält.

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          Hinter dem Adjektiv „ambitioniert“ verbergen sich Bedeutungen wie fleißig, ehrgeizig oder anspruchsvoll. Gern nimmt das Wort auch in den Mund, wer keinen Widerspruch wagt, aber seine Skepsis nicht unterdrücken will: kann gelingen, muss aber nicht. In diesem Sinne ist die neuerliche Wende in der Atompolitik der Bundesregierung ambitioniert. Die gleicht einer Operation am offenen Herzen der Volkswirtschaft, Komplikationen und Nebenwirkungen sind nicht auszuschließen. Gab es so etwas jemals zuvor?

          Es geht nicht darum, mal eben – auch wenn aus nachvollziehbarem Grund – ein paar Kernkraftwerke abzuschalten. Das Thema kommt erst an zweiter Stelle. Zuerst muss beantwortet werden, woher der Strom kommen soll, der unsere Gesellschaft am Leben hält und ob er sicher und verlässlich erzeugt werden kann. Wer dies nicht garantieren kann, handelt zumindest fahrlässig, wenn er Kraftwerke ersatzlos abschaltet. Immerhin werden nach dem Befund der zuständigen Länderaufsichten und der Reaktorsicherheitskommission deutsche Kernkraftwerke sicher betrieben.

          Deutschlands Stromversorgung basiert auf einem fein austarierten System weitgehend großindustrieller, aber dezentraler Erzeugung. Strom wird da produziert, wo er verbraucht wird oder wo Rohstoffe günstig zur Verfügung stehen. Deshalb gibt es im Süden viel Atomstrom, im Norden mehr Stein- und Braunkohlekraftwerke. Wenn Strom, wie beabsichtigt, künftig vor allem durch Wind vor und an den Küsten im Norden erzeugt werden soll, muss er in den Süden transportiert werden.

          Merkels Atomkurs: Nur mit Mühe gelingt es den Netzbetreibern noch, die Ungleichgewichte in der Erzeugung auszugleichen

          Der ohnehin noch nicht zu erkennende politische Gewinn der Kanzlerin

          Dafür reichen die bestehenden Leitungen nicht aus. Sie sind schon durch das Abschalten der sieben älteren Atomreaktoren Mitte März an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit gebracht worden. Nur mit Mühe gelingt es den Netzbetreibern noch, die Ungleichgewichte in der Erzeugung auszugleichen. Die werden wachsen, wenn immer mehr Strom ins Netz gespeist wird, der aus regenerativen Quellen stammt. Schon schreiben die um eine konstante Frequenz im Stromnetz bangenden Netzbetreiber den Stromkonzernen vor, welche Kraftwerke arbeiten dürfen und welche nicht. So hebeln politische Opportunitäten den Markt als effizientes Steuerungsinstrument aus – die Rechnung zahlen die Verbraucher.

          Das hindert die Protagonisten aber nicht daran, lauthals mehr Effizienz beim Stromverbrauch zu verlangen. Natürlich bedarf es dafür weiterer Subventionen. Gerne hilft die beteiligte Industrie bei der Nachrüstung mit effizienten Kühlschränken. Reicht das Staatsgeld für den Zuschuss nicht, wird dem Bürger vorgeschrieben, was er energetisch zu tun und zu lassen hat, ob es um „intelligente Zähler“ geht oder um die Dämmung des Dachgebälks. Einen Atomausstieg gibt es nicht umsonst, da müssen alle ran.

          Fraglich ist, wie lange die Liebe der Bürger zur Energiewende anhalten wird. Werden sie großzügiger als bisher neue Strommasten und Biogasanlagen in Sichtweite des Gartenzauns akzeptieren, Schlote für neue Kohle- und Gaskraftwerke oder Abstellplätze für abgebrannte Brennelemente? Ohne Tausende Kilometer neuer Leitungen und Ersatzkraftwerke führt die Energiewende sicher nur zum Stromausfall. Die Gefahr besteht, dass die Kosten der Energiewende für die Volkswirtschaft langfristig höher sein werden als der ohnehin noch nicht zu erkennende politische Gewinn, den die Kanzlerin mit ihrem ambitionierten Kurs davonzutragen hofft.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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