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Atomausstieg : Deutschland im Jahr 2032

Wind- statt Atomkraft Bild: dpa

Vor zehn Jahren hat Altkanzler Joschka Fischer das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet. Doch der Ausstieg hat das Land arg durchgerüttelt. Ein Blick in die grüne Zukunft.

          5 Min.

          Lange ringt die Bundesregierung mit sich, wie sie das Jubiläum begehen soll. Ein Festakt im kerntechnischen Museumspark Emsland, wo 2022, zehn Jahre zuvor, der letzte Atomreaktor der Republik stillgelegt wurde? Zu rückwärtsgewandt! Außerdem wäre mit Anwohnerprotesten gegen das Zwischenlager für alte Brennstäbe zu rechnen, das entgegen aller Versprechungen dort noch immer besteht. Eine Feier im einst heruntergekommenen Wilhelmshaven, das als Basis für die zahlreichen Windparks in der Nordsee einen Aufschwung erlebt? Ebenfalls schwierig, weil aufgebrachte Fischer nach dem gerade verkündeten, endgültigen Fangverbot in der Nordsee die Zeremonie wohl stören würden.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Gefeiert wird am Ende überhaupt nicht. Zu belastet ist inzwischen das Wort Energiewende, als dass die Parteien sich noch mit ihm in Verbindung bringen wollten. Zwar sind sich internationale Experten längst einig, dass die Entscheidung für erneuerbare Energien vor zwanzig Jahren im Kern richtig war. Doch sind die Narben zu schmerzhaft, die jahrelange Debatten um handwerkliche Mängel des Ausstiegsbeschlusses hinterlassen haben. Auch bleiben die Parteien traumatisiert von den Umwälzungen in der politischen Landschaft, die der Kursschwenk der letzten CDU-Kanzlerin und heutigen Weltklimaratschefin Angela Merkel hinterließ.

          Einige kleinere Stromausfälle

          Natürlich lassen es sich die Medien nicht nehmen, über den Jahrestag ausführlich zu berichten. Ein Politikwissenschaftler erklärt am Morgen in einem deutschlandweit beachteten Internetradio, das politische Schicksal der mittlerweile 78-jährigen Merkel sei durchaus mit dem Ende ihres zehn Jahre älteren Amtsvorgängers Gerhard Schröder zu vergleichen. Beide hätten erst nach fünfjährigem Lavieren im Amt mit Hartz IV und dem Atomausstieg eine richtungweisende Entscheidung getroffen, diesen Politikwechsel mit Hilfe von Expertenkommissionen legitimiert und den Aufbruch in ein neues Zeitalter als alternativlos dargestellt. Angesichts dieser großspurigen Reden habe man sich über den folgenden Reformverdruss nicht wundern müssen, der Namen wie Peter Hartz und Klaus Töpfer nachhaltig in Misskredit brachte.

          Die Idee, Mitteleuropa mit Solarstrom aus der Sahara zu versorgen, ließ sich nicht realisieren
          Die Idee, Mitteleuropa mit Solarstrom aus der Sahara zu versorgen, ließ sich nicht realisieren : Bild: AP

          „Wir werden eine gewaltige gemeinsame Anstrengung leisten müssen, um unser Ziel zu erreichen“, hatte Merkel damals im Jahr 2011 vor dem Bundestag gesagt. „Aber ich bin überzeugt: Wir werden es erreichen.“ Tatsächlich war die Euphorie geschwunden, sobald der Atomausstieg von der Ebene abstrakter Parlamentsbeschlüsse in die Niederungen des politischen Vollzugs übergegangen war. Einige kleinere Stromausfälle, wesentlich bescheidener als etwa der tagelange Blackout im Münsterland 2005, führten zu erregten Debatten und einer weiteren Beschleunigung des Leitungsbauprogramms, das im Nachhinein vom Rechnungshof als völlig überzogen kritisiert wurde.

          Bauprogramm für moderne Kohlekraftwerke

          Das Zusammenwirken von Wirtschaftsaufschwung und wachsendem Rohstoffbedarf auf den Weltmärkten führte ausgerechnet im Wahljahr 2013 zu stark steigenden Strompreisen – wobei unklar blieb, ob die Energiekonzerne der Anti-Atom-Kanzlerin auch absichtlich schaden wollten. Dass Merkel sie im Wahlkampf als Heuschrecken beschimpfte, half ihr dann auch nichts mehr. Die Nachteile des Umstiegs waren damals schon spürbar, die Vorteile noch nicht.

          Unvergessen sind die Szenen, wie der kommissarische CDU-Vorsitzende Norbert Röttgen – völlig überdreht – in den Koalitionsverhandlungen das Kanzleramt für sich beanspruchte. Am Ende musste er sich dann doch mit der Rolle des Stellvertreters unter dem grünen Bundeskanzler Joschka Fischer begnügen. Fischer erstaunte seine Parteifreunde, die er schon mit seiner Kandidatur völlig überrumpelt hatte, mit einem Bauprogramm für moderne Kohlekraftwerke. „Wir werden als Übergangstechnologie auch weiter Kohle einsetzen müssen“, sagte er in einem seiner ersten Interviews. „Angesichts wachsender politischer Instabilität in den Öl- und Gasförderregionen“ komme man trotz klimapolitischer Probleme „nicht ohne sie aus“.

          78 russische Atomkraftwerke

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