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Energiepolitik : Atomkraftwerke als Antwort auf die Gaskrise?

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In der Slowakei hat die Einstellung der russischen Gaslieferungen zu Überlegungen der Regierung geführt, einen vor einer Woche abgeschalteten Reaktor des Atomkraftwerkes von Jaslovské Bohunice wieder in Betrieb zu nehmen.

          Slowakei

          In der Slowakei hat die Einstellung der russischen Gaslieferungen zu Überlegungen der Regierung geführt, einen vor einer Woche abgeschalteten Reaktor des Atomkraftwerkes von Jaslovské Bohunice wieder in Betrieb zu nehmen. Die Slowakei hatte sich im Beitrittsvertrag zur EU verpflichtet, die beiden Reaktoren sowjetischen Typs im Block V1 in Bohunice abzuschalten - der erste war Ende 2006 vom Netz genommen worden, der zweite zur Jahreswende.

          Die Reaktivierung könne notwendig werden, um den durch die Einstellung der russischen Gaslieferungen drohenden Zusammenbruch des Stromnetzes zu verhindern, sagte Wirtschaftsminister Lubomír Jahnátek, bevor bekannt wurde, wann die Lieferungen wieder beginnen. Der Reaktor könne innerhalb einer Woche wieder angeworfen werden. Leider sei durch die Einschränkung der Erdgasversorgung für Industriebetriebe weniger eingespart worden als erwartet. Nur wenn sich die Betriebe an die Vorgaben der Regierung halten, könne die Versorgung der Haushalte, Schulen und Spitäler noch für eine Woche gewährleistet werden.

          Die Abschaltung der Reaktoren ging vor allem wegen Sicherheitsbedenken Österreichs in den EU-Beitrittsvertrag ein. Sie ist aber keine Abkehr der Slowakei von der Atomenergie, aus der sie 65 Prozent ihres Strombedarfs deckt. In Bohunice bleiben die beiden Reaktoren des Blocks V2 in Betrieb und werden modernisiert, in Mochovce werden zwei neue Reaktoren gebaut, die 2012 und 2013 ans Netz gehen sollen. Im September unterzeichneten der französische Präsident Sarkozy und der slowakische Ministerpräsident Fico ein nukleares Kooperationsabkommen, das der Slowakei Zugang zum französischen Knowhow sichert. Allerdings ist die Slowakei auch in der Atomenergie von Russland abhängig: Im Dezember schloss sie ein Abkommen mit Russland über die Belieferung aller Reaktoren, auch der noch im Bau befindlichen, mit Brennstäben. Ein amerikanisches Angebot wurde nicht angenommen. (kps.)

          Bulgarien

          Während viele Bulgaren in ihren kalten Wohnungen froren, schlug Staatspräsident Georgi Parwanow vor, Bulgarien solle einen abgeschalteten Reaktor des Atomkraftwerks Kosloduj wieder in Betrieb nehmen. Der Atomkraft schlägt in Bulgarien nahezu einhellige Zustimmung entgegen, seit das bis heute einzige Atomkraftwerk des Landes, mit sowjetischer Technik erbaut, 1974 in Betrieb genommen wurde. Die Verhandlungen mit der EU um die Schließung von vier der sechs Einheiten von Kosloduj wurden in Bulgarien daher zu einem wichtigen Politikum. Ende 1999 hatte sich die damalige Regierung in Sofia zwar verpflichtet, die Blöcke abzuschalten, doch entstand in Bulgarien eine Protestbewegung dagegen. Es bildeten sich Bürgerinitiativen zum Erhalt des Atomkraftwerks, das vielen Bulgaren als Garantie für bezahlbaren Strom galt. Doch die Proteste halfen wenig, vier Blöcke wurden noch vor dem EU-Beitritt Bulgariens zum Januar 2007 abgeschaltet. Seither liefern nur noch die Blöcke V und VI Strom, was Bulgarien um seine Rolle als Stromexporteur brachte und auch in anderen Staaten des Balkans die Versorgung gefährdete.

          Parwanow beruft sich nun auf den EU-Beitrittsvertrag, in dem seinem Land das Recht zugestanden worden sei, bei schweren wirtschaftlichen Störungen Schutzmaßnahmen zu ergreifen. "Wenn sich die Lage nicht normalisiert, erwarte ich von unseren europäischen Partnern, dass sie Verständnis zeigen und sich einem solchen Schritt nicht widersetzen", sagte Parwanow. Seine Gegner beschuldigten ihn zwar, die Atomkarte nur aus Populismus gespielt zu haben, da die Blöcke nicht kurzfristig wieder in Betrieb genommen werden können.

          In Belene an der Donau soll mit russischer Technik sogar ein zweites Atomkraftwerk gebaut werden. Daran will sich auch das Essener Energieunternehmen RWE beteiligen. (tens.)

          Litauen

          Litauen hat im gegenwärtigen Gasstreit zwar nicht weniger Gas erhalten, fühlt sich aber doch betroffen. Ende des Jahres muss das Land sein noch zu sowjetischer Zeit mit Reaktoren des Tschernobyl-Typs erbautes Atomkraftwerk Ignalina schließen, dazu hat es sich im EU-Beitrittsvertrag verpflichtet. "Danach werden wird deutlich stärker von Gas abhängig, und das Gas bekommen wir aus nur einer Röhre, die Russland über Weißrussland nach Litauen führt", sagte Ministerpräsident Andrius Kubilius diese Woche. Er erinnerte daran, dass Russland auch mit Weißrussland schon Konflikte über den Transit von Öl und Gas hatte. Hinzu kommt, dass Litauen noch nicht in das EU-Stromnetz eingebunden ist, sondern am russischen Netz hängt - Strombrücken nach Polen und Schweden werden erst in einigen Jahren fertig sein. Litauische Fachleute fürchten, dass in den nächsten Jahren wegen der schwachen Infrastruktur in Russland sogar bei gutem Willen Moskaus Versorgungsdefizite drohen. Daher müsse Litauen nun den gemeinsam mit den anderen baltischen Staaten und Polen geplanten Bau eines neuen Atomkraftwerks vorantreiben, sagte Kubilius diese Woche. Von einer längeren Laufzeit für Ignalina sprach er nicht - doch diese Forderung ist in Litauen äußerst populär. (rve.)

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